Das Kölner Sozialunternehmen „Un-Label“ begleitete drei Jahre lang Kunstschaffende bei der Entwicklung barrierefreier Produktionen.
Barrierefreie Produktionen„Un-Label“ beendet dreijähriges inklusives Projekt in Köln

Die Komponistin Carlie Schoonees und der künstlerische Leiter von „Un-Label“, Nils Rottgardt.
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„Es wird heute Abend ziemlich laut. Wir werden unterdrückte Wut und viele andere weibliche Emotionen freisetzen. Wenn ich das in Farben beschreiben würde, so wäre es eine Mixtur aus Rot und Orange“, gibt Carlie Schoonees einen Vorgeschmack auf ihre Komposition „I eat men like air“, die später ihre Premiere im Neu-Ehrenfelder Un-Label Studio erleben wird. Die gebürtige Südafrikanerin mit Wohnsitz in Köln ließ sich dabei von Sylvia Plaths Gedicht „Lady Lazarus“ zu einer Vertonung mit Percussion-Instrumenten inspirieren. Das Gedicht wurde von Plath (1932–1963) einige Monate vor ihrem Freitod geschrieben.
Schoonees ist Autistin und setzt sich in ihren Werken unter anderem mit der Behinderung auseinander. Im Rahmen eines Residenz-Programms des Sozialbetriebs Un-Label erhielt die junge Frau die Möglichkeit, ihre Komposition unter professionellen Rahmenbedingungen mit der portugiesischen Schlagzeugerin Rita Couto Soares umzusetzen und aufzuführen. Ferner kam es zur Einstudierung eines Solos des griechischen Komponisten und Architekten Iannis Xenakis (1922–2001).

Die portugiesische Schlagzeugerin Rita Soares führt die von Carlie Schoonees entwickelte Komposition „I eat men like air“ auf.
Copyright: Annette Etges
Internationales Labor für inklusive Kultur bei Un-Label
„Ich wüsste nicht, dass es in meinem Heimatland etwas Vergleichbares wie Un-Label gäbe“, zeigt sich die Musikerin von ihrem Arbeitsaufenthalt im Kölner Westen angetan. Die Präsentation der Stücke fand im Rahmen der Abschlussfeier eines drei Jahre währenden Projektes statt: Mit dem „Labor für inklusive Kultur“ (L.I.K.) realisierten die Initiatoren zwischen Oktober 2023 und April 2026 zehn internationale Residenzen mit 40 Künstlern aus fünf Nationen. In den Meetings integriert waren künstlerische Praxisvermittlungen sowie inklusive Kulturarbeit.
„Unser Ziel ist es, einen Ort für die freie Szene zu erschaffen, an dem kontinuierlich inklusive Kunst und Kultur erforscht werden kann, einfach, weil es so was bisher nicht gab“, berichtet Un-Label-Mitarbeiter Nils Rottgardt. Das Studio sei der erste komplett barrierefreie Ort für Kunst und Kultur in der Metropole. Die Stätte ist demnach technisch so ausgestattet, dass Künstler mit Behinderungen sich dort ihrer Arbeit widmen können.
Zur Ausstattung gehören etwa ein Braille-Drucker für sehbehinderte Menschen und Audiosysteme, die den Raum oder Objekte für taube Menschen zum Schwingen bringen. Auch Assistenzhunde sind in den Räumlichkeiten willkommen. Insgesamt nahmen an den mehr als 100 Veranstaltungen in den vergangenen 36 Monaten mehr als 1.250 Personen teil, informiert der Künstlerische Leiter des Projektes.
Für die Verwirklichung des Vorhabens standen dem Team rund 500.000 Euro zur Verfügung. Die Gelder wurden zum barrierefreien Umbau des Hauses und für den Ankauf technischen Equipments genutzt. Ferner konnten damit Künstlerhonorare, Kosten für Unterkünfte, Reiseaufwendungen und Assistenzleistungen – etwa Gebärdendolmetscher – finanziert werden. Ein Großteil der Summe floss aus der Stiftung der Deutschen Fernsehlotterie. Als weitere Förderer konnten das hiesige Kulturamt und die Rhein-Energie-Stiftung gewonnen werden.
Un-Label baut inklusives Weiterbildungsangebot aus
Nach dem erfolgreichen Auftakt ist nun eine Weiterführung des Projektes geplant. Dafür stellt sich die Kulturabteilung des Hauses neu auf. Zukünftig werden wegen der hohen Nachfrage verstärkt Einsteiger-Workshops und Profitrainings mit Choreografen oder Regisseuren angeboten. „Die Mischung der Arbeit aus Beratung und Qualifizierung sowie künstlerischer Praxis ist ziemlich einmalig in Deutschland“, weiß der Fachmann. Als Grund für die bisherige Alleinstellung des 2014 von Lisette Reuter gegründeten Unternehmens, das auch Expertisen zur Gestaltung barrierefreier Einrichtungen bietet, nennt der studierte Kulturarbeiter und ausgebildete Heilerziehungspfleger vor allem fehlende Budgets. „In der Inklusion gibt es auf jeden Fall noch viel Luft nach oben. Un-Label kann das gar nicht alles alleine schaffen“, sagt Nils Rottgardt.
Un-Label, Hosterstr. 1–5, 50825 Köln, Telefon: 0221 5501544, www.un-label.eu

