Köln-OssendorfSo entsteht eine neue Gesamtschule – Lehrersuche auf den letzten Drücker

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Porträt von Birgit Specht-Selle, der fachdidaktischen Leiterin an der Max-Ernst-Gesamtschule

Birgit Specht-Selle wird die neue Gesamtschule Ossendorf leiten, die im Sommer 2024 startet.

Birgit Specht-Selle ist Direktorin einer Schule, die es noch gar nicht gibt. Das Gebäude wird noch gebaut, das Kollegium gesucht.

Schule hat einen großen Stellenwert in ihrem Leben. Seit 28 Jahren ist Birgit Specht-Selle im Schuldienst. Sie unterrichtet Deutsch, Gesellschaftslehre sowie Darstellen und Gestalten und gehört zudem als didaktische Leiterin der Schulleitung der Max-Ernst-Gesamtschule an. Momentan hat die 57-Jährige aber eine Doppelrolle inne: Denn nebenher entwickelt sie das Konzept für eine neue Schule. Sie ist Direktorin einer Schule, die es noch gar nicht gibt. An der noch keine Schüler lernen, keine Lehrer unterrichten.

Specht-Selle wird die neue Gesamtschule Ossendorf leiten, die im kommenden Sommer – zunächst im Interimsgebäude Am Wassermann in Vogelsang – startet. Nach zwei Jahren soll die Schülerschaft in den hochmodernen Neubau an der Fitzmauricestraße in Ossendorf umziehen, in dem einmal 1265 Kinder und Jugend lernen sollen. Den Anfang sollen 162 Fünftklässler machen.

Köln: Gesamtschule Ossendorf soll einmal Platz für 1265 Schüler bieten

Birgit Specht-Selle ist optimistisch, alle Schulplätze besetzen zu können. „Natürlich brauchen wir eine Portion Vertrauensvorschuss seitens der Eltern. Denn wir haben keinen Tag der offenen Tür, bei dem man sich ein Bild vom Schulbetrieb machen kann.“ Das Gebäude wird noch gebaut, das Kollegium gesucht, die Lerninhalte ausgetüftelt. Doch der Mangel an Gesamtschulplätzen ist groß: Allein im aktuellen Schuljahr wurden 700 Kinder an den Kölner Gesamtschulen abgelehnt.

Die Idee, selbst einmal eine Gesamtschule zu leiten und an deren Gründung beteiligt zu sein, schlummerte schon länger in Birgit Specht-Selle. „Der Charme der Neugründung liegt darin, dass man sich mit einem neuen pädagogischen Konzept aufstellt, neue Wege bestreiten und Entscheidungen etwa zur Unterrichtsgestaltung treffen kann“, sagt die kommissarische Schulleiterin. Vieles sei noch unklar, müsse noch wachsen. „Das erfordert Agilität aller Beteiligten“, das mache für sie aber den Reiz aus. Sätze wie „Das war immer schon so“ oder „Das haben wir nie so gemacht“ könne sie nicht ertragen.

„Das System einer schon bestehenden Schule ist sehr schwerfällig“, sagt Specht-Selle. „Bei Kollegen, die eine Schule mit aufgebaut haben oder seit Jahrzehnten dort arbeiten, erzeugt Veränderungswille häufig Widerstand.“ Die 57-Jährige vergleicht eine Bestandsschule mit einem schweren Tankschiff, das lange unterwegs und auch sturmerprobt ist, „aber es bewegt sich nur langsam“. Eine neue Schule hingegen „ist wie ein Segelboot: schneller unterwegs und sein Kurs lässt sich leichter korrigieren“.

Schule ist nicht nur ein Lernort, sondern ein Lebensraum zum Wohlfühlen
Birgit Specht-Selle, künftige Schulleiterin der neuen Gesamtschule Ossendorf

Mit ihrem Wunsch war Specht-Selle proaktiv an die Kölner Bezirksregierung herangetreten. Vor den Herbstferien traf sie dann auf die künftigen Leitungen der neuen weiterführenden Schulen und erfuhr, welche Schule sie künftig führen wird und wer ihr Stellvertreter wird. „Das war ein bisschen wie ein Blind Date. Wir kannten uns vorher nicht und sind dann erst einmal einen Kaffee trinken gegangen“, erinnert sich Specht-Selle. „Wir haben ziemlich schnell gemerkt, dass wir beide gut zusammenpassen, was unsere Vorstellungen von Schule, Lernen und Unterricht angeht.“

Anschließend mussten Specht-Selle und ihr Stellvertreter schnell einen Flyer mit den wichtigsten Informationen rund um das Schulkonzept erstellen. „Dabei haben wir unsere Ideen weiter geschärft“, sagt sie. Im Zentrum steht das fächerübergreifende Lernen mit allen Sinnen und verschiedenen Methoden. So sollen die Schüler in Werkstätten Forschen und Experimentieren.

Neue Kölner Gesamtschule widmet sich dem Thema Nachhaltigkeit

Die Rolle der Lehrkräfte habe sich verändert: „Wir sind längst keine reinen Wissensvermittler mehr. Wir begleiten den Wissensprozess, motivieren und unterstützen, geben Feedback. Doch die Schüler entscheiden, wie, wann und mit wem sie lernen.“ Ihre individuellen Ziele legen sie selbst wochenweise fest und dokumentieren diese in einem Logbuch. Das können neben Lernzielen auch solche sein wie „An die Sportsachen denken“ oder „Pünktlich sein“.

Birgit Specht-Selle sprudelt nur so vor Ideen. „Schule ist nicht nur ein Lernort, sondern ein Lebensraum zum Wohlfühlen.“ So wird das Unterrichtsfach „Glück“ eingeführt, in dem die Kinder nicht mit Noten bewertet werden. „Wir möchten Kinder ermutigen herauszufinden, welche Erlebnisse, Strategien und Methoden helfen, um die eigene Persönlichkeit zu stärken.“ Bildung für nachhaltige Entwicklung wird ein Schwerpunkt der Schule sein: An einem Projekttag pro Woche beschäftigen sich die Schüler mit Themen wie Klimawandel, Armut, Nachhaltigkeit und Geschlechtergerechtigkeit.

Erste Initiativbewerbungen trudeln schon bei der künftigen Schulleiterin ein. Im Mai werden die Stellen von der Bezirksregierung ausgeschrieben. Sollte die Schule wie geplant sechszügig an den Start gehen, besteht ein Anspruch auf 13 Vollzeitstellen. Erst zum Schuljahresbeginn wird die Direktorin Klarheit über ihr Kollegium haben –in der letzten Sommerferienwoche werden alle dann zum ersten Mal zusammentreffen.

Bis dahin bleibt noch jede Menge für die Schulleiterin zu tun. An einem Tag pro Woche ist sie von ihrem regulären Job freigestellt. „Man muss und kann sehr viel arbeiten. Aber für mich ist das kein Stress.“


Infoabende an der Gesamtschule Ossendorf: Dienstag und Donnerstag, 12. und 14. Dezember, jeweils um 19 Uhr, Sitzungssaal Bürgeramt Ehrenfeld, Venloer Straße 419-421.gesamtschule-ossendorf.de

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