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Schulleiter-Hilferuf Immer mehr Kölner Kindern fehlt Geld für Mittagessen

Eine Schülerin sitzt in einer Schulmensa vor einem Teller mit Kartoffeln, Erbsen und Möhren.

Viele Familien in Höhenberg und Vingst können sich das Schulessen nicht mehr leisten.

Die Zahl der Kölner Familien, die sich das Schulessen nicht mehr leisten können, steigt deutlich. Gegen hungrige Kinder in der Schule müsse dringend etwas unternommen werden, fordert ein Kölner Schulleiter.

Wenn mittags die Schulmensa öffnet, packt sich Martin Süsterhenn ein paar „Schlemmertaler“ in die Hosentasche. Der Schulleiter der Katharina-Henoth-Gesamtschule in Höhenberg fragt dann diskret in der Mittagspause bei den Schülerinnen und Schülern nach, wer denn heute von den Eltern kein Geld für das Essen mitbekommen hat. „Da ist natürlich viel Scham bei den Kindern. Aber es sind immer mehr, die den Taler annehmen, für den es an der Mensatheke ein Mittagessen gibt.“

Für den Schulleiter, dessen Schülerschaft zu großen Teilen in sozialen Brennpunkten wie Vingst oder Höhenberg lebt, sind das besorgniserregende Zeichen: „Immer mehr Eltern können sich das Schulmittagessen nicht leisten. Immer mehr Kinder sind hier hungrig in der Schule.“ Für ihn sei die wachsende Zahl der Schülerinnen und Schüler, die den Taler annehmen, „nur die Spitze des Eisbergs – es muss dringend etwas passieren“.

In Höhenberg-Vingst gilt fast die Hälfte der Kinder als arm

Vor allem die, die knapp über der Bemessungsgrenze für das Bildungs- und Teilhabepaket liegen, sind durch die inflationsbedingten Preissteigerungen und höheren Energiekosten so stark betroffen, dass es für den Monatsbeitrag für das Schulessen nicht mehr reicht – gerade wenn es in der Familie mehrere schulpflichtige Kinder gibt. Für die Kinder, deren Eltern Sozialleistungen beziehen, ist das Essen eigentlich kostenfrei. An der Katharina-Henoth-Gesamtschule sind das 800 der 1350 Schülerinnen und Schüler.

Aber selbst von denen schafften es viele nicht, die entsprechenden Bescheinigungen vorzulegen. Höhenberg-Vingst gilt als eines der ärmsten Viertel in Köln: Über 43 Prozent der Kinder gelten als arm, 28 Prozent der Haushalte sind überschuldet.

Dabei ist das Mittagessen an der Katharina-Henoth-Gesamtschule im Vergleich zu anderen Schulen vergleichsweise preiswert: 3,60 Euro nimmt der Caterer. Das liegt unter dem Durchschnitt der meisten anderen Schul-Caterer, von denen immer mehr aufgrund der Preissteigerungen für Lebensmittel bereits die Fünf-Euro-Grenze pro Essen überschreiten. „Aber bei uns führt jede kleine Steigerung dazu, dass weitere Eltern sich das nicht leisten können.“

Daher versuche der Caterer so preiswert wie möglich anzubieten. Klar, sei das Essen für den Preis nicht „exquisit“. Viel Nudeln, wenig frisches Gemüse oder Salat. Trotzdem sei das an vielen Schulen bekannte Klagen über die Qualität des Schulessens bei „unseren Kindern“ kein Thema. Die seien zufrieden und dankbar, dass sie ein warmes Essen haben.

Eigentlich sei die Stadt Köln schon flexibler und großzügiger als andere Städte, sagt Süsterhenn. In Köln könnten nämlich auch Familien, die knapp über der Beitragsbemessungsgrenze lägen, eine Kostenbefreiung beantragen. Aber das Antragsverfahren sei kompliziert, am Ende würden viele Familien das entweder nicht angehen oder nicht bewältigen.

Ähnliches gilt für den NRW-Härtefallfonds „Alle essen mit“, der zu Beginn der Corona-Pandemie vom nordrhein-westfälischen Gesundheitsministerium aufgelegt wurde. Es läuft noch bis Juli 2023, eine Fortsetzung sei „vorgesehen“, hieß es aus dem Ministerium. Aber auch hier ist die Antragstellung für die meisten Eltern eine zu große Hürde.

„Ein Drittel der Kinder kommt in Köln ohne Frühstück zur Schule“

Eigentlich brauche es etwas anderes, um wirklich ein warmes Mittagessen sicherzustellen, meint Süsterhenn: „In Vierteln wie Vingst, Höhenberg oder anderen mit vielen Eltern, die in Armut leben oder armutsgefährdet sind, müssen eigentlich alle Kinder ein kostenloses Mittagessen bekommen.“

Das könne dann ja auch über ein Solidarsystem finanziert werden, etwa indem die Familien in den wirtschaftlich besser aufgestellten Kölner Vierteln einen kleinen Aufschlag zahlen. Man brauche ja nicht gleich eine Förderung mit der Gießkanne, indem man allen das Essen zahlt. Aber da, wo es nötig wäre, müsse dies unbedingt möglich sein.

Süsterhenn: Wer gut lernen will, braucht ein Frühstück im Bauch

Denn: Es ist ja nicht nur das Mittagessen. Immer mehr Schülerinnen und Schüler kämen auch ohne Frühstück in die Schule und hätten auch kein Butterbrot dabei. Der Geschäftsführer der Katholischen Jugend-Agentur (KJA), Georg Spitzley, hatte erklärt, dass in vielen Kölner Stadtteilen mehr als ein Drittel der Kinder und Jugendlichen ohne Frühstück in die Schule geht. Daher hat die KJA in diesem Jahr an der Kurt-Tucholsky-Hauptschule in Brück als Modellversuch ein Frühstücksmobil eingeführt, das auf Spendenbasis finanziert wird.

Der Wagen fährt an drei Tagen die Woche dort vor, und bietet ab 7.30 Uhr Obst und belegte Brote – für die Kinder, die sonst mit leerem Magen im Unterricht sitzen würden oder sich auf dem Weg Cola und Chips besorgt hätten. Dieses Mobil würde Süsterhenn auch gerne für seine Schülerinnen und Schüler an die Gesamtschule holen. „Denn ein Mittagessen reicht nicht. Wer gut lernen will, braucht ein Frühstück im Bauch.“


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