„Backen, Hacken und Mett!“„Deine Sitzung“ ist nichts für missmutige Ingwer-Gesichter

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Ebasa, Mirja Boes und das Winkemariechen Britta stehen auf der Bühne.

Ebasa, Mirja Boes und das Winkemariechen Britta (v.l.) feierten Premiere im Brunosaal.

Kölsches Mett trifft auf Baguette in Frankreich: So lief die Premiere von „Deine Sitzung“ im Kölner Brunosaal.

Dies ist keine Sitzung für missmutige Ingwer-Gesichter. Hafermilch dürfte bei den Organisatoren noch den Status der Duldung haben. Aber wer ihnen den Brauch zunichtemachen möchte, bei dem Schweinefleisch durch den Wolf gedreht wird, um daraus den in Köln so begehrten Jecken-Speis namens Mett zu formen – ja, der wird schnell spüren, warum Toleranz auch Grenzen haben kann. „Backen, Hacken und Mett!“ lautet denn auch traditionell die Saalrakete bei „Deine Sitzung“, die am Freitagabend im Klettenberger Brunosaal Premiere feierte.

Was 2003 im kleinen Kreis begann, hat sich längst zur gefragten und etablierten Karnevalssitzung entwickelt, die mit einer professionellen Leichtigkeit daherkommt wie kaum ein anderes Format im kölschen Fasteleer. 

Deine Sitzung feiert im Brunosaal Premiere

Mirja Boes, die im Wechsel mit „Mettwoman“ Carolin Kebekus den Präsidentinnen-Thron innehat, führt durch das Programm – gemeinsam mit Sebastian Pallada, der vom jecken Volk nur als „Ebasa, der Meister“ gefeiert wird. Warum, zeigt der studierte Jazz-Trompeter an diesem Abend gleich mehrfach, vor allem, als er inmitten des Publikums sein meterlanges Alphorn erklingen lässt. Als sei es ein Leichtes, spielt Ebasa „Dä Plan“ von Querbeat.

Als diesjähriges Oberthema dreht sich bei „Deine Sitzung“ alles um das Land der Liebe, der Haute Cuisine, des TGV, der Atomkraft und natürlich des Baguettes, das so hervorragend mit Mett harmoniert: Frankreich.

Deine Sitzung: Ebasa, der Meister, und Mirja Boes im Duett

Nicht nur der „Hack de Triomphe“ in Paris hat es den Jecken angetan. Es sind auch Werte wie „Liberté, Egalité und Einenimtee“, für die Boes und Co. dankbar sind. „Was wären wir ohne Frankreich“, sinnieren Boes und Ebasa denn auch und liefern die Antwort selbst: „Schneller mit dem Auto in Spanien.“ Später sitzen die beiden auf Fahrrädern beim Anstieg zum Mont Ventoux und stöhnen zum Klassiker „Je t'aime“. Vielleicht ist es gut, dass die Original-Interpreten Serge Gainsbourg und Jane Birkin das nicht mehr erleben mussten.

Mirja Boes singt auf der Bühne.

Mirja Boes sang von Zas den Titel „Je veux“

Viel besser dagegen kommt Boes mit dem Zas-Cover von „Je veux“ an, indem sie die Bahn noch erwischen will, aber das ist bekanntlich in Köln nicht immer ein einfaches Unterfangen. Schwierig ist auch, wenn der Sohn aus dem Kindesalter entwächst. Boes hat ihm dafür ein Tagebuch geschrieben, das Orientierung geben soll: „Auf Männer zu stehen, ist völlig okay, wenn ich nur eine Frau liebe: Mama!“

Udo Schild spielt Gitarre und singt im Publikum.

Udo Schild sang inmitten der Jecken und wurde für seine Version von „Ich ben ene kölsche Jung“ gefeiert.

Bei „Deine Sitzung“ haben auch die Musiker des famosen „Orchester der Liebe“ Solo-Auftritte, allen voran Till Kersting. Bei Tommy Engels Weihnachtsengel noch brav in der Begleitband, lässt er im Brunosaal den französischen Sänger Johnny Hallyday auferstehen, indem er mit einer Rock'n' Roll-Version von „Frankreich, Frankreich“ der Bläck Fööss begeistert. Gefeiert wird ebenso Udo Schild, der unter anderem auf „Papa was a Rolling Stone“ die kölschen Zeilen „Mer fiere widder Karneval“ schmettert.

Es ist vor allem die Musik, die „Deine Sitzung“ so außergewöhnlich macht. Als Gast erobert Peggy Sugarhill von der Band Rockemarieche den Saal im Nu, als sie den Hit von Namika umtextet: „Je ne parle pas français, aber vielleicht kannst du kölsch.“ 

Ralf Senkel sitzt auf der Bühne und spricht ins Mikrophon

Ralf Senkel hat einen Freund, der Elektriker ist. Bei ihm sei Widerstand zwecklos.

Auch die anderen Gäste überzeugen: Stand-up-Comedian Jan van Weyde hat vor allem auf Rummelplätzen seine Studien gemacht und mimt nicht nur die typischen Kirmes-Stimmen nach, sondern kennt auch die Hilfskräfte beim Autoscooter, die lässig mit einer Hand und Kippe im Mund das Gefährt zurücksteuern und dann gekonnt von der Fahrbahn springen. 

Sehr viel ruhiger dagegen agiert Ralf Senkel, der den Verlierer spielt, nicht nur bei Frauen. Ihm reicht ein Stuhl, und er beherrscht die Kunst der Pausen. Ohne diese wäre seine Erzählung wohl nicht so gut angekommen. Aber wenn Senkel mit stoischer Ruhe darüber referiert, dass bei einem Elektriker Widerstand zwecklos sei oder „finanziell unabhängig“ bedeute, einmal die Woche zum Hähnchenwagen zu können, tobt der Saal. So auch, als die „Pink Poms“ ihre Puscheln kreisen lassen: Die Männer-Truppe ist regelmäßiger Gast bei der Sitzung und genießt wie das Mett längst Kult-Status.


Weitere Termine von „Deine Sitzung“ im Brunosaal, die noch nicht ausverkauft sind: Sonntag, 14. Januar, 16 Uhr, Sonntag, 21. Januar, 16 Uhr. Vom 25. Januar bis 3. Februar gastiert „Deine Sitzung“ in den Balloni-Hallen in Ehrenfeld, am 25. Januar mit Jürgen Becker als Gastpräsident. Karten und weitere Infos unter: www.deine-sitzung.de

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