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„Jeckenstudie“ der Uni KölnWarum Karnevalsvereine gut für die Gesundheit sind

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03.03.2025, Köln: Der Rosenmontagszug zieht durch die Severinstraße. Die Jecken feiern am Rosenmontag den Karneval bei bestem Wetter und schönstem Sonnenschein. Foto: Uwe Weiser

Frauen vom Karnevalsverein Schmuckstückchen beim Rosenmontagszug 2025 (Symbolbild) 

Freiwillige Arbeit gerade der älteren Jecken kann Einsamkeit und Stress mindern. Soziologie-Professorin Lea Ellwardt erklärt die Hintergründe.

Ohne Ehrenamt kein Karneval. Ohne freiwillige Engagierte kein Zoch und keine Sitzung. Das aktuelle Sessionsmotto „Mer dun et för Kölle“ zelebriert die unentgeltliche Arbeit der Jecken. Das Ehrenamt ist jedoch nicht nur für das Gelingen des großen Ganzen wichtig, sondern bedeutet auch für die Menschen selbst Gutes: Vereinsarbeit sorgt für seelisches und körperliches Wohl. Das zeigt die aktuelle „Jeckenstudie“ der Universität zu Köln.

„Wir wissen, dass Personen sich weniger häufig einsam fühlen, weil sie durch die Vereinsarbeit schlichtweg mehr Kontakte im Alltag haben. Der Verein kann auch als Puffer dienen, wenn es zum Beispiel in Familie und Arbeit nicht so gut läuft“, sagt Lea Ellwardt, Professorin im Fachbereich für Soziologie und Sozialpsychologie. Sie arbeitet zusammen mit Amelie Reiner und Paula Steinhoff am Forschungsprojekt.

Jeckenstudie Uni Köln: Wenig Forschung über Effekte des Freizeitbereichs, Arbeitsplatz und Familie hingegen gut erforscht

Wir treffen die Professorin in ihrem Büro an der Universitätsstraße. In ihrer Forschung interessiert sie sich vor allem für die Effekte sozialer Netzwerke auf Personen im mittleren und hohen Alter. „Während man bereits einiges darüber weiß, welche Bedeutung die Familie oder der Arbeitsplatz hat, ist etwas weniger darüber bekannt, wie sich das im Freizeitbereich gestaltet, wo man sich ja eher aussuchen kann, mit wem man in Kontakt tritt und wie oft“, sagt Ellwardt.

Wie die Forscherinnen überhaupt auf Karnevalsvereine kamen? „Es sollten absichtlich keine Sport- oder Musik- oder Kirchenvereine sein, weil diese bestimmte Voraussetzungen wie einen gewissen Leistungsanspruch oder religiöse Zugehörigkeit mit sich bringen.“ Außerdem: Die Idee entstand am Ende der Pandemie, die Karnevalsvereine gehörten zu den ersten, deren Mitglieder in Präsenz wieder aktiv waren.

„Es war gerade 200-jähriges Jubiläum des Kölner Karnevals und die Jecken waren in den Startlöchern. Auch mit dem Wissen, dass es allein 140 Karnevalsgesellschaften in Köln gibt, erwies sich der Karnevalskontext als perfekt für die Studie.“ Die Befragungen sind mittlerweile abgeschlossen. Es gab einen quantitativen Teil mit 114 Fragebögen von Personen zwischen 26 und 86 Jahren und einen qualitativen Teil mit 28 Tiefeninterviews (Alter 45 bis 80 Jahre), die je eine Stunde dauerten.

Im Fokus standen Karnevalsvereine mit rund 50 Mitgliedern: Den Forscherinnen war wichtig, dass die Mitglieder sich weitgehend untereinander kennen; so haben sie gleich mehrere Personen aus einem Verein befragt, um zu sehen, wie die Mitglieder untereinander vernetzt sind. Für einen positiven Effekt komme es nicht so sehr auf die Anzahl der zusätzlichen Kontakte an, sondern auf die Vielfalt. Oftmals reiche schon das Gefühl aus, dass man sich potentiell melden könnte, wenn man Hilfe oder einen Rat benötigt. Allein dieses Wissen könne schon ausreichen, um sich weniger einsam zu fühlen, so Ellwardt.

Lea Ellwardt hat das Forschungsprojekt durchgeführt.

Lea Ellwardt hat das Forschungsprojekt durchgeführt.

Ehrenamt im Karneval: Sinnstiftung und Zugehörigkeit sind primäre Motivation

Weshalb man sich engagiert, kann unterschiedliche Gründe haben. Gerade Frauen hätten in den Interviews häufig das Motiv der Sinnstiftung betont. Damit kompensierten sie vielleicht auch eine familiär bedingte berufliche Ausbremsung. Und erfahren nun Bestätigung. Bei freiwilligen Tätigkeiten hätten die Personen auch eher das Gefühl, Dinge steuern zu können, was auf der Arbeit nicht immer so sei. Das stärke auch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. „Die Wahrnehmung aus Bestätigung, einem Zugehörigkeitsgefühl und der Integration – das wissen wir auch aus früheren Studien – beeinflussen die mentale Gesundheit positiv, können aber auch Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen abmildern“, sagt Ellwardt. Menschen mit vielen sozialen Kontakten leiden auch seltener an Angststörungen oder Depressionen.

Durch die zusätzlichen Kontakte kämen auch Krankheiten und Behandlungen öfter zur Sprache. „Vielleicht hat eine Person eine Hüft-OP gehabt, da höre ich doch mal genau zu, vielleicht betrifft mich das demnächst auch – denkt man sich vielleicht. Oder man erhält gleich eine Empfehlung.“

Die 44-jährige Professorin ist gebürtig aus Mecklenburg-Vorpommern und nicht gerade eine Vollblut-Karnevalistin. „Bei uns heißt das Fasching und ich bin dann auch immer in den Dorfclub zum Feiern gegangen.“ Seit elf Jahren lebt Ellwardt in Köln. Sie hat in Dresden studiert und wurde an der Universität in Groningen promoviert. Sie flüchte zwar nicht an den Tollen Tagen – ein bisschen Feiern mit Freunden in der Kneipe sei schon mal drin – aber sie nutze die schulfreien Tage gern, um Familie zu besuchen. Für ihre „Jeckenstudie“ hat sie sich dennoch die Forscherinnenbrille aufgesetzt und ist punktuell in den Sitzungskarneval eingetaucht.

Das hat Professorin Lea Ellwardt bei der „Jeckenstudie“ überrascht

Einiges aus den Gesprächen mit den Jecken habe sie als Wahlkölnerin dann doch überrascht und beeindruckt. „Zum Beispiel die jahrelange Mitgliedschaft: Wenn man einmal so einer Karnevalsgesellschaft beigetreten ist, dann verlässt man die eigentlich nicht mehr. Selbst wenn man berufs- oder studienbedingt wegzieht, tritt man eher einer weiteren bei.“ Es habe Befragte gegeben, die Mitglied in vier oder fünf Gesellschaften seien.

Familien tragen das Engagement zudem oft mit. „Für jede Altersgruppe ist etwas dabei. Die Tanzkorps haben ja eine Art Altersgrenze. Vielleicht trainiert das Kind beim Tanzverein und die Eltern bringen sich mehr im Vorstand ein.“ Wer während der Session auch schonmal bis zu 15 Stunden pro Woche ehrenamtlich tätig ist, müsse von der Familie aufgefangen werden.