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7500 Teilnehmer unterwegsKölner Schull- und Veedelszöch – wo das Brauchtum weitergegeben wird

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Die Schull- und Veedelszöch in der Severinstraße. Im Vringsveedel starten die Züge traditionell, hier stehen ganz besonders viele Zuschauer am Zugweg.

Die Schull- und Veedelszöch in der Severinstraße. Im Vringsveedel starten die Züge traditionell, hier stehen ganz besonders viele Zuschauer am Zugweg.

47 Veedelsvereine und 37 Schulen waren seit Sonntagmorgen unterwegs durch Köln. Wie Teilnehmende und Zuschauende den Zug erlebten.

In der Severinstraße gibt es am Sonntag eine Mission: das Brauchtum weiterzugeben. Pünktlich um 11.11 Uhr, nachdem der Countdown heruntergezählt wurde, setzen sich am Chlodwigplatz die Schull- un Veedelszöch mit 7500 Teilnehmenden in Bewegungen, der Wegesrand füllt sich mit Familien. Viele von ihnen wohnen gar nicht mehr in Köln, erzählen aber, wie sie ihren Kindern den Karneval ihrer Heimatstadt zeigen wollen.

Köln-Besucher kamen extra aus Bremen

Wie Christian Bräuer, der mit seinen Söhnen Max und Phil aus Bremen angereist ist. Jedes Jahr fährt er mit seinen Kindern am Karnevalssonntag für einen Tag nach Köln, wo er geboren ist. Und jedes Jahr steht die Familie, der Vater als Fischernetz und seine Söhne als Fische verkleidet, an derselben Stelle: „Auf der Severinstraße ist die beste Stimmung“, sagte Bräuer. 

Felix und Pia Kämper sind aus dem Ruhrgebiet hergefahren. Sie als Einhorn verkleidet, und er mit einem Basketball-, nein Kamellekorb umhängend, sammelten mit ihren Eisbär-Kindern Helena und Anton Süßigkeiten. Der Vater zeigt hoch auf ein Fenster im Haus hinter ihnen. „Früher haben wir da gewohnt und den Zug am Fenster geguckt“, sagt er. „Da sind die Schokoladen direkt in die Wohnung geflogen, die Schnitzer der bunten Packungen sind bestimmt immer noch an der Decke.“ Jetzt fahren sie mit den Kindern wieder her und treffen die ehemaligen Nachbarn.

Gegenüber steht der gebürtige Kölner René Meschonat, der mit seiner Familie in der Nähe von Stuttgart lebt. Seit Jahrzehnten fährt er mit seiner Frau Christa am Karnevalswochenende nach Köln. „Erst haben wir das den Kindern weitergegeben, jetzt sind die Enkel dran“, sagt sie. Die Kinder Denis und Sarah Kungl schwirrten mit den Enkeln Leonie und Emilia, alle als Bienen verkleidet, um die Großeltern herum. Kamelle-Fangen hatten auch die Kleinen schon drauf.

Auch interkulturell wird das Brauchtum am Sonntag weitergegeben. Ping und Penny Ma erleben erst ihre zweite Session in Köln, sie kommen aus China. Ihre Tochter Judy trägt ein edles traditionelles Kleid aus ihrer Heimat. „Gestern haben wir chinesisches Neujahr gefeiert, heute kombinieren wir das mit Karneval, das klappt gut“, sagt Ping Ma.

Kölner Schulen thematisieren die Bildungsmisere

Vor ihnen zieht der erste Teil des Zuges, die 37 Schulen, vorbei. Sie setzen sich kreativ mit der Bildungsmisere und dem schlechten Zustand der Schulgebäude auseinander. Die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Thusneldastraße sind zum Beispiel als Baustelle verkleidet, mit Pflastersteinen auf dem Kopf, um auf den schlechten Zustand der Schule aufmerksam zu machen. Das Heinrich-Mann-Gymnasium kommt als Fliegen verkleidet und titelt: „Su ne Driss! Am HMG is al kapott, da wolle sujar de Fleje fott“. Der Clou: ein aufwändig gestaltetes Schulklo, über das die Fliegen kreisten.

Die Kinder der GGS Forststraße ziehen als Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel mit. Die Kinder sind als Spielpüppchen mit runden Schaumstoffköpfen verkleidet, mit einem Spielbrett auf dem Kopf. „Seit dem Ende der Weihnachtsferien haben sich die Kinder jeden Samstag getroffen, um die Kostüme gemeinsam zu basteln“, erzählt Schulleiterin Annette Kramer. Sie wollen darauf aufmerksam machen, dass die Bedingungen, unter denen die Schulen arbeiten müssen, immer herausfordernder werden: große Klassen in viel zu kleinen Räumen, zu wenig Lehrkräfte und immer mehr administrative Aufgaben. „Trotzdem wollen wir positiv gestimmt bleiben“, sagt Kramer. Getreu dem Motto: Die Schulpolitik is nit dr Hit, äver mir ärgere uns nit.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Auseinandersetzung mit Künstlicher Intelligenz und ChatGPT: Das Hansa-Gymnasium trägt unter dem Motto: Nix lese un nix liere – ävver mit ChatGPT et Abi fiere“, Tablets auf dem Kopf. Eine überdimensionale Hängematte, die die Schüler durch den Zug tragen, weist auf rosige Zeiten hin: Wenn das Abitur durch Chat GPT gesichert scheint, bleibt viel Zeit für Müßiggang in der Hängematte. Das Hölderlin-Gymnasium propagiert Kölsche Intelligenz statt KI: Auf den Kostümen prangt als Algorithmus das Kölsche Grundgesetz mit den Lektionen Zuversicht, Toleranz und Humor.

Veedelsvereine zeigen Heimatliebe mit kreativen Kostümen

Während der zweite Teil mit den 47 Veedelsvereinen loszieht, ist sogar die Sonne kurz über der Severinstorburg zu sehen. Es war dennoch eine gute Idee des Stammdesch Kölsche Klüngel, einen Regenschirm in ihr Kostüm zu integrieren. Aus ihnen bastelten sie Volieren, in deren Mitte sie als bunte Vögel verkleidet sind. Kurz darauf zieht sich der Himmel wieder zu und es beginnt zu nieseln.

„Das ist der handgestrickte Karneval, der ursprüngliche Brauchtumskarneval“, hatte der neue Zugleiter Jörg Scheider im Interview vorab über die Schull- un Veedelszöch gesagt. Und genau diese Veedelsliebe zeigt der Stammdesch Südstadtjecke: Sie bauten eine mobile Version des historischen Kinos Roxy am Chlodwigplatz, mit aufwändig gestalteter Müffelthek, Kaatebud und Popcornmaschine. Dabei haben sie sogar eine Kinositzreihe mit Laken-Leinwand. In den Sesseln natürlich: Hänneschen und Bärbelchen.

Die zahlreichen Baustellen in Köln sind auch Thema bei den Veedelsvereinen. Die Katholische Jugend rund um den Chlodwigplatz liefert gleich eine Lösung – mit Legosteinen. Wieso nicht die Schlaglöcher mit den bunten Bausteinen stopften? Ihre Kostüme machen es vor. Auch die Dauerbaustelle auf dem Weidmarkt stellt für sie auch kein Problem mehr dar: Baue man doch einfach Stelzen aus Lego.

Die Zöch sind auch ein Wettbewerb um die schönsten Kostüme, vorne dabei im Rennen ist seit vielen Jahre der Stammdesch Kölsche Sonnekinder. Zum Basteln träfen sie sich ein Dreivierteljahr jeden Samstag, sagt Vera Schüller, Enkelin des Vereinsgründers. Ihr Thema ist diesmal die in Verruf geratene Deutzer Kirmes. „Jeder kann sich kreativ einbringen“, sagt Schüller zu den vielseitigen Kostümen. Sie selbst trägt ein Glücksspielrad um den Hals. Sie dreht es an: „Danze“ – „Singe“ – „Schunkeln“ – auf „Kamelle“ bleibt der Zeiger dann stehen.

Volltreffer: Die Menge jubelt.

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