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Straßenkarneval in Köln: Der wilde Zug vor dem Rosenmontagszug

Die „Ahl Säu“ feiern wild.

Die „Ahl Säu“ feiern wild.

Foto:

Grönert

Köln -

Sie sind so etwas wie das Warm-up vor dem Rosenmontagszug: Die Gruppen, die beim Zoch vorm Zoch morgens schon den kompletten Zugweg entlang laufen und bei den wartenden Jecken für die richtige Einstimmung sorgen.

Das bedeutet auch: Es geht früher los als bei allen anderen. „Ich bin um 5.30 Uhr aufgestanden“, sagt Adi Loesser von den 1. Original Kölner Piraten. Es dauert seine Zeit, bis er sich in „James Blood“ verwandelt hat. Der 1. Offizier trifft sich mit seiner Crew aus 25 Piraten um 7.30 Uhr, um das Schiff „Santa Colonia“, die Kanone und den Gefangenenwagen parat zu machen. „Einer muss hier ja die Kommandos geben, sonst kommen mer nit an“, sagt er, als sie sich vom Hauptquartier in Höhe des Rudolfplatzes auf den Weg zur Severinstorburg machen.

Ein ungezähmtes Fantasievolk

Ein ungezähmtes Fantasievolk

Foto:

Grönert

Dort warten schon die Poller Böschräuber. Sie sind als Fantasievolk verkleidet. „Ich war beruflich in der ganzen Welt unterwegs und alles, was ich mitgebracht habe, verwenden wir für unsere Kostüme“, sagt Peter Berg. Damit meint er ausgefallene Stoffe, Hörner, Muscheln und indigenen Holz- oder Perlenschmuck. „Wir haben alle Freiheiten im Zug, das gefällt uns am besten, und deswegen sind wir schon seit über 40 Jahren dabei“.

Wie genau der Zug vorm Zug entstanden ist, weiß keiner der Teilnehmer so richtig, auch die Altgedienten nicht. Das sei einfach so gewachsen, sagen sie. Es gibt nur eine minimale Organisation, die da lautet, dass die Gruppen im Abstand von zehn Minuten laufen und wer nach wem folgt. Für dieses Jahr hat sich neben den vier Gruppen, die schon lange mitgehen, auch die Bürgerbewegung „Pulse of Europe“ angemeldet. „Nur zersamme sin mer stark“ ist ihr Motto. Die „Ahl Säu“ sind als „Werbekarawane“ unterwegs, weil Werbung im Zug vom Festkomitee untersagt worden sei.

Vier Meter hohe Tollitäten: das Glücksdreigestirn.

Vier Meter hohe Tollitäten: das Glücksdreigestirn.

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Grönert

Also laufen sie in sehr fantasievoll gestalteten 4711-, Kölsch-, Tankstellen- und auch Bestatterkostümen („Wir geben Ihrer Zukunft ein Zuhause“) mit. Ulla Phillipp macht Werbung für den 1. Kölner Event-Windel-Verleih – aus aktuellem Anlass für die Karnevalisten, die es nicht zur Toilette schaffen. „Wir lassen so richtig die Sau raus beim Zug, sind laut und wild“, sagt sie. In der Gruppe geben schnelle Trommeln, Bongos und Tamburine den Takt an.

Zum Schluss laufen die Pappnasen Rotschwarz mit ihrem Motto „Mer klääve nit am Wachstumswahn – Mer danze us der Reih!“. Die Gruppe mit Aktivisten von Attac Köln, Occupy Cologne und anderen Organisationen setzt sich mit selbst gebauten Vier-Meter-Großpuppen, den „Wachstumswaisenknaben“, dem „Bayer-Monsanto-Monster“ und dem „Glücksdreigestirn“, vor den Rosenmontagszug. Dazu gibt’s satirische Flugblätter zum „Us-der-Reih- Danzkurs“. Das „Dirty Dancing“ geht so: Man dreht sich im Kreis und sagt schmutzige Dinge wie „Braunkohle oder Diesel“.

Piraten halten sich nicht an Gesetze

Was die unterschiedlichen Gruppen eint, ist der Wunsch einfach Karneval zu feiern und ihn zu interpretieren, wie es ihnen gefällt. Sie als Vorprogramm zu bezeichnen, würde ihnen nicht gerecht werden, denn sie betreiben ebenso viel Aufwand mit Kostümen und Fuhrwerk wie die ordentlichen Karnevalsgesellschaften. Der entscheidende Unterschied ist, dass die Vorgruppen keine Mitglieder im Festkomitee sind.

Als echte Freibeuter wollen sich die Kölner Piraten nicht an Gesetze halten. „Wir sparen uns die Warterei vorm Zug, und es gibt kein großartiges Reglement. Die Leute freuen sich trotzdem auf uns“, sagt Heinrich Wagner alias Henry Goldfinger. „Außerdem müssen wir nur uns selbst und keine Kamelle schleppen“, sagt auch Berg von den Böschräubern. Denn der Zoch vorm Zoch versüßt den Zuschauern ohne Bonbons das Warten. „Es macht die Vorfreude noch größer“, findet Petra Halbmann, die zwei Stunden Wartezeit in Kauf nimmt, um beim Rosenmontagszug ganz vorn zu stehen.