Aïcha Traore erzählt von Ressentiments, Rassismus und Menschen, die sie auf ihrem Weg bestärkten.
Laufbahn trotz StigmataAïcha, schwarz, weiblich, Muslimin, vom Kölnberg, studiert Jura

Aïcha Traore hat am Kölnberg gelebt, bis sie vor zwei Jahren ihr Jurastudium in Bielefeld begann. „Ich möchte an meiner Vergangenheit nichts ändern“, sagt sie.
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Wohnort Kölnberg, schwarz, weiblich, Muslimin. „Damit vereine ich wohl alle Nachteile, die man haben kann, um es in der Gesellschaft zu schaffen.“ Aïcha Traore lacht. Die 24-Jährige sitzt in der Bäckerei Klein an der Brühler Landstraße, die Hochhausriesen ragen im Hintergrund in den stahlblauen Himmel. Traore ist zu Besuch bei ihrer Familie. Vor gut zwei Jahren ist sie nach Bielefeld gezogen, um Jura zu studieren. Sie möchte Volljuristin werden, es läuft gut.
„Die ganzen Ungerechtigkeiten und Vorurteile, die ich erlebt habe, haben wahrscheinlich auch eine Rolle für meinen Berufswunsch gespielt“, sagt sie. Wenn Kinder in der Schule verspottet wurden, weil sie nicht dünn genug waren, komisch sprachen oder nicht gut in Sport waren, habe sie sich „immer eingemischt und auf die Seite der Schwachen gestellt“, sagt sie. In der Schule war sie Streitschlichterin. Bis sie eine Ungerechtigkeit so aufregte, „dass ich selbst Streit angefangen habe“. Sie lacht.
Aïcha Traore war in Rodenkirchen auf der Gesamtschule, in dem wohlhabenden Stadtteil im Kölner Süden hat sie auch gekellnert. Einmal habe sie gehört, wie Gäste beim Kaffee über „die Asozialen vom Kölnberg“ sprachen. „Da habe ich nur gedacht: Ah, ok, für Euch bin ich eine der Asozialen – dabei seid ihr immer nett zu mir und gebt mir Trinkgeld.“ Öfter als wegen der Postleitzahl sei sie wegen ihrer Hautfarbe stigmatisiert worden: „Die Blicke spüre ich bis heute jeden Tag, der Rassismus läuft aber meistens eher subtil ab.“ Zum Beispiel, wenn sie auf Englisch angesprochen wird. Oder in der Schule die Sportlehrer davon ausgingen, dass sie am schnellsten laufen könne. „Und viele meinten, ich müsste später Sportlerin werden – aber bestimmt nicht Wissenschaftlerin.“ Oder Juristin.
Entscheidend für ihren früh entstandenen Berufswunsch seien nicht nur die alltäglichen Ressentiments gewesen, sondern auch eine Anwältin, die sie kennenlernte, als ihre Eltern sich scheiden ließen. Die Frau, die ihre Mutter beriet, „trug immer einen Hosenanzug, sie sah toll aus und konnte sich sehr gut artikulieren“, erinnert sich Aïcha Traore. „Für mich wirkte sie wie eine echte Chefin, eine Autorität, die auch noch sehr nett zu mir war. Sie hat mich total beeindruckt.“
Aïcha Traore ist mit drei Geschwistern in einer Wohnung am Kölnberg aufgewachsen – dreisprachig: mit Dioula, eine der wichtigsten Sprachen der Elfenbeinküste, Französisch und Deutsch. Inzwischen spricht sie auch noch Spanisch und Englisch fließend.
Aïcha kam in die Kita, die später schließen musste, als eine Leiche aus dem Fenster geworfen wurde
Mit drei kam sie in den Kindergarten am Kölnberg, der später schließen musste, als nur einen Steinwurf entfernt eine Leiche aus dem Fenster geworfen wurde. „Wie traumatisierend muss das für Kinder sein?“ Solche Geschichten hörte sie manchmal. In der Kita habe sie eine wunderbare Erzieherin gehabt, „die mich sehr unterstützt hat“.
Als sie mit sieben in die Schule kam, ließen die Eltern sich scheiden – Aïcha lernte in dieser Zeit nicht nur die beeindruckende Anwältin kennen, sondern auch eine Grundschullehrerin, „die auch an mich und meine Fähigkeiten geglaubt hat“. Weil sie schlecht in Mathe war, erhielt sie nur eine eingeschränkte Gymnasialempfehlung, ging aber auf die Realschule – und fand auch hier eine Lehrerin, die sie schätzte und förderte. Sie musste – wegen Mathe – eine Klasse wiederholen, und schaffte am Ende doch das Abitur, mit guten Noten.
Sehr wichtig sei ab der 5. Klasse Azbiye Kokol gewesen. Die leitete schon damals das Jugendzentrum in Meschenich, das Kinder nicht nur nachmittags betreut, sondern in allen Lebenslagen hilft. „Frau Kokol hat sofort Nachhilfe für mich organisiert, in Mathe und eine zeitlang auch in Deutsch, weil ich schlecht in Rechtschreibung war“, erinnert sich Aïcha Traore. Später wählte sie Deutsch-LK: „Weil mich Sprachen faszinieren und ich gern lese.“
Wir haben auch Ausflüge gemacht, waren auf dem Reiterhof und sogar im Disneyland in Paris – das war für viele wie ein Wunder, für mich eines der schönsten Erlebnisse überhaupt
Mittwochs war Mädchennachmittag im Jugendzentrum: Tanzen, Schminken, Kino, Kunst. „Einfach abschalten, mit Freundinnen chillen.“ Der Tag habe ihr auch deswegen viel bedeutet, weil „der Kölnberg sehr männlich geprägt ist und Frauen dringend eigene Räume brauchen“. Oft seien die Männer arbeitslos und tränken, „und die Frauen halten zu Hause den Laden irgendwie zusammen“.
Mit vielen der Mädchen aus dem Jugendzentrum ist sie noch befreundet. „Wir haben auch Ausflüge gemacht, waren auf dem Reiterhof und sogar im Disneyland in Paris – das war für viele wie ein Wunder, für mich eines der schönsten Erlebnisse überhaupt“, erinnert sich die 24-Jährige. „Das Jugendzentrum hat die Normalität hergestellt, die viele von uns von zu Hause nicht kannten.“
Meine Herkunft hat mich stärker gemacht. Aber ich würde mir wünschen, dass die Politik nicht nur sagt, dass sie am Kölnberg etwas verbessern möchte – sondern auch etwas tut
In Aïcha Traores Erinnerung war der Kölnberg „lange ein Ort, an dem es relativ sauber war und man keine Angst haben musste“. Das habe sich in den Jahren 2014/15 geändert. „Unabhängig von der Herkunft der Menschen hat sich die Situation seitdem verschlechtert: Es ist dreckiger geworden, viele Leute scheinen nicht zu wissen, dass man Müll nicht einfach wegwirft. Einige können sich nicht benehmen“, sagt sie. Immerhin gingen die Hausverwaltungen, Polizei und Ordnungsamt inzwischen „stärker dagegen vor“.
Wäre sie lieber woanders aufgewachsen, in einem Reihenhaus mit Garten, Trampolin, Hund und Katze? „Der Kölnberg ist meine Heimat, ich würde nichts ändern wollen“, sagt Aïcha Traore. „Meine Herkunft hat mich stärker gemacht. Aber ich würde mir wünschen, dass die Politik nicht nur sagt, dass sie am Kölnberg etwas verbessern möchte – sondern auch etwas tut.“
