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„Der Zirkus hält mich jung“Edelgard Herzog ist der wohl größte Fan des Circus Roncalli

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Edelgard Herzog an ihrem Stammplatz im Café des Artistes, dem rollenden Café des Circus Roncalli.

Edelgard Herzog an ihrem Stammplatz im Café des Artistes, dem rollenden Café des Circus Roncalli.

Die 83-Jährige sah in den vergangenen 43 Jahren über 500 Vorstellungen. Jeder im Zirkus kennt sie.

Was es genau war, was Edelgard Herzog so in den Bann zog, das kann sie heute nur schwer erklären. Nicht ein bestimmter Künstler, kein Clown, kein Artist, auch nicht die Nummer – heute unvorstellbar –, bei der ein Tiger auf einem Nashorn durch die Manege ritt. Es war das „Gesamtkunstwerk“, wie sie sagt, und die Liebe zum Detail. Ganz sicher weiß sie, dass es im Jahr 1983 war, als ihre Liebe für den Circus Roncalli erwachte, die bis heute ihr Leben prägt.

Menschen, die nach einer Show des Circus Roncalli begeistert nach Hause gehen, gibt es viele. Es gibt auch viele, denen es so gut gefallen hat, dass sie wiederkommen – und dafür sogar weite Anreisen auf sich nehmen. Und dann gibt es Edelgard Herzog. Die 83-Jährige ist der wohl größte Roncalli-Fan auf diesem Planeten. Über 500 Vorstellungen hat sie in den vergangenen 43 Jahren erlebt – und sie hat noch lange nicht genug.

Viele Erinnerungen hat Herzog in ihren Ordnern und Alben abgespeichert.

Viele Erinnerungen hat Herzog in ihren Ordnern und Alben abgespeichert.

Viel besser als den ersten Impuls kann Edelgard Herzog erklären, warum sie nach so vielen Jahren auch heute noch so begeistert vom Zirkus ist und immer wiederkommt. Schon längst sieht sie sich nicht mehr nur als Zuschauerin, sondern als Teil der Roncalli-Familie. „Durch das Hinterherreisen haben mich die Artisten schnell wiedererkannt“, sagt Herzog, die so viel Herzblut in ihre Besuche steckt, dass man sie gar nicht vergessen kann. Sie kennt die wichtigsten Geburtstage. Wenn jemand seinen Ehrentag feiert, gibt es schon mal Blümchen. Manchmal auch Schokolade für das ganze Team oder einen dreisprachigen Abschiedsbrief für Künstler, die den Zirkus verlassen.

Jeder, der am Neumarkt an der Produktion des Circus Roncalli beteiligt ist, kennt sie. Wenn etwa die Clowns abseits der Manege durch die Ränge ziehen, dann kommt es nicht selten vor, dass sie Edelgard Herzog im Vorbeigehen kurz zuzwinkern. Schon 2008 wurde Herzog während einer Vorstellung für 25 Jahre Treue und 375 Besuche mit einem Blumenstrauß vom damaligen Zirkusregisseur und heutigen Geschäftsführer Patrick Philadelphia geehrt. 

Stammgäste wie Edelgard Herzog sehen Dinge, die das normale Publikum nicht sieht. „Zu Beginn einer Tour ist jede Darbietung der Artisten ein Rohdiamant, der übers Jahr allmählich geschliffen und irgendwann zum Juwel wird.“ Mal kommt ein neuer Trick hinzu, mal verändern sich kleinere und größere Details, mal die Hintergrundmusik.

„In Köln geht das Publikum schon ziemlich gut mit“

Viele Jahre reiste Herzog gemeinsam mit ihrem mittlerweile verstorbenen Lebenspartner, der ihre Zirkus-Leidenschaft teilte. Weitere langjährige Begleiter sind ihre beiden Clownspuppen Maurice und Humberto. „Wiederholungstäter“ wie die Kölnerin gibt es auch in anderen Städten. Aus den vielen Wiedersehen mit Gleichgesinnten sind in all den Jahren zahlreiche Kontakte und sogar Freundschaften entstanden.

Zwischen den Städten habe Herzog schnell Unterschiede ausmachen können. „In Köln geht das Publikum schon ziemlich gut mit, besser als in anderen Städten“, sagt Herzog. „Aber auch Hannover oder Bremen haben ein dankbares Publikum.“ Der prominente Platz mitten in der Innenstadt sei in Köln etwas Besonderes. Schön sei es aber auch im Düsseldorfer Rheinpark oder auf dem Rathausplatz in Wien.

Vor den Shows hat Edelfan Herzog ein festes Ritual. Auf ihrem Stammplatz im Café des Artistes, dem rollenden Zirkus-Café, genehmigt sie sich einen Prosecco, saugt die Stimmung auf. Eine halbe Stunde vor dem Beginn der Vorstellung ist sie stets eine der Ersten am Einlass, nach der obligatorischen Brezel geht es rein ins Zelt.

Die beiden Clown-Puppen begleiten Edelgard Herzog auf ihren Reisen.

Die beiden Clown-Puppen begleiten Edelgard Herzog auf ihren Reisen.

Ihre Roncalli-Besuche hat die frühere Chefsekretärin in all den Jahren genau dokumentiert. Ein Blick in die Aufzeichnungen aus dem Jahr 1988: 17 Shows sah Herzog damals innerhalb von anderthalb Monaten in Köln, es folgten Ausflüge nach Pforzheim, nach Hannover und zum Jahresabschluss drei Vorstellungen an drei aufeinander folgenden Tagen in Bremen. In einem wuchtigen Ordner hat Herzog Zeitungsartikel und Eintrittskarten abgeheftet, dazu kommen tagebuchähnliche Einträge, in denen einzelne Zirkus-Besuche mit den Erlebnissen in und abseits der Manegen handschriftlich festgehalten sind.

Schnappschuss-Sammlung war der Türöffner

Ihre Schnappschuss-Sammlung hat Herzog in einem Album abgeheftet. Fotos von Künstlern hinter den Kulissen, aber vor allem in der Manege aus vielen Jahren Roncalli finden sich dort. „Weil ich die Nummern genau kenne, weiß ich, in welchem Moment ich abdrücken muss“, sagt Herzog. Weil sich auch die Artisten über die Foto-Geschenke freuten, bezeichnet Herzog ihre Schnappschüsse als Türöffner für einen noch engeren Kontakt zu den Hauptdarstellern des Zirkus’.

Auch die langfristige Entwicklung des Circus Roncalli hat Herzog selbstverständlich im Blick. „Es gibt immer mal wieder Dinge, an die ich mich gewöhnen muss“, sagt sie. Manchmal vermisst sie die klassischen Clowns, solche wie Roncalli-Gründer Bernhard Paul als Zippo oder seine Clowns-Partnern Angelo Munoz und Weißclown Francesco Caroli. Trotz aller Veränderungen sagt Herzog: „Am Ende ist dann doch alles irgendwie stimmig.“

Wenn der Circus Roncalli Ende Mai weiterzieht, dann wird Edelgard Herzog innerhalb von sechs Wochen mindestens zehn Kölner Shows besucht haben. In Düsseldorf ist sie im Anschluss auch noch dabei, doch so viele Reisen wie früher wird sie danach nicht mehr auf sich nehmen. Das Alter ist dabei gar nicht mal der erste Grund. „Der Zirkus hält mich jung“, sagt Herzog. Die Bahn ist das Problem. Die sei nicht mehr so zuverlässig wie damals. Jemand wie Herzog darf das sagen. Sie ist als Fan des Circus Roncalli die Zuverlässigkeit in Person – seit 43 Jahren.