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Immer wieder Unfälle in Köln Abbiegeassistent soll Straßen sicherer machen

Eine Radfahrerin verunglückte im Mai beim Rechtsabbiegen nach einer Kollision mit einem Lkw am Friesenplatz.

Eine Radfahrerin verunglückte im Mai beim Rechtsabbiegen nach einer Kollision mit einem Lkw am Friesenplatz.

  • Zuletzt hatte es Mitte Mai einen Unfall am Friesenplatz gegeben, bei dem ein Lkw eine 55-jährige Radfahrerin beim Rechtsabbiegen in die Venloer Straße überrollte und dabei tötete.
  • Seit Monatsbeginn gilt für die größten in der EU fahrenden Lastwagen die Pflicht, einen elektronischen Abbiegeassistenten installiert zu haben, um Unfälle beim Abbiegen zu vermeiden.
  • Auch die KVB testet derzeit unterschiedliche Systeme.

Köln – Immer wieder kommt es auf Kölns Straßen zu Unfällen beim Rechtsabbiegen, meist weil Lkw-Fahrer Radfahrer oder Fußgänger im toten Winkel auf Kreuzungen übersehen. Seit Monatsbeginn gilt für die größten in der EU fahrenden Lastwagen die Pflicht, einen elektronischen Abbiegeassistenten installiert zu haben, um Unfälle beim Abbiegen zu vermeiden. Allerdings gilt diese Auflage nur für Neufahrzeuge, ältere Baujahre haben noch zwei Jahre lang die Möglichkeit, nachgerüstet zu werden.

Ausgenommen von der Regelung ist damit die weit überwiegende Zahl der Laster, Busse und Müllwagen, wie sie auch auf Kölns Straßen vielfach unterwegs sind. Für alle, die sich auf Rad- und Fußwegen in der Stadt sicher bewegen wollen, ändert sich also vorerst nichts. Eine vertane Chance also für mehr Sicherheit auf Kölns Straßen?

Schon mehrere Unfälle 2020

Zuletzt hatte es Mitte Mai einen Unfall am Friesenplatz gegeben, bei dem ein Lkw eine 55-jährige Radfahrerin beim Rechtsabbiegen in die Venloer Straße überrollte und dabei tötete. Ob der Unfall durch ein automatisches Warnsystem wie den Abbiegeassistenten zu verhindern gewesen wäre, ist bis heute nicht klar. Laut Polizei handelt es sich um den ersten tödlichen Fahrradunfall in Köln in diesem Jahr – aber nicht um den ersten mit einem Rechtsabbieger.

Zuvor hatte an Gründonnerstag ein Lastwagen beim Auffahren auf ein Supermarktgelände einen vierjährigen Jungen vor den Augen seines Vaters in Zollstock überfahren. Das Kind konnte vor Ort reanimiert werden, starb aber später im Krankenhaus. Beide Unfälle weckten traurige Erinnerungen an den Morgen des 28. Mai 2018, als ein Müllwagen der Abfallwirtschaftsbetriebe (AWB) beim Rechtsabbiegen einen Siebenjährigen auf dessen Fahrrad in Widdersdorf überfuhr. Der Junge starb ebenfalls vor den Augen seines Vaters. Das Gerichtsverfahren gegen den Fahrer wurde eingestellt. Es habe sich um einen „tragischen Unfall“ gehandelt, so die Richterin. Der Müllwagen-Fahrer sei für einen kleinen Moment unachtsam gewesen.

Zehn Kölner Abbiegespuren in der Prüfung

„Tragisch“ sind solche Zusammenstöße aus Sicht von Radfahrern und Fußgängern oft deshalb, weil sie womöglich – zumindest in ihrer Regelmäßigkeit – zu verhindern wären. Sogenannte „freilaufende Rechtsabbieger“ gelten schon lange als Gefahrenpunkt. „Freilaufende Rechtsabbieger“ sind separate Abbiegespuren, die am geradeausfahrenden Verkehr ampelunabhängig vorbeigeführt werden. Einst im Sinne einer autogerechnet Stadt zur Beschleunigung des Straßenverkehrs gebaut, sind sie heute besonders Radfahrern ein Dorn im Auge.

Die querenden Radfahrer haben an diesen Stellen Vorfahrt, die sich aber oft die Autos und Lkws nehmen und die Radfahrer übersehen, auch weil der Blick in den Rückspiegel manchmal eben nicht ausreicht. Ende vergangenen Jahres kündigte die Stadt an, mehr als 100 Kreuzungen mit „freilaufenden Rechtsabbiegern“ zu entschärfen und damit für mehr Sicherheit zu sorgen. Der Rat hatte die Stadtverwaltung zuvor beauftragt, alle 480 betroffenen Stellen zu überprüfen. Davon wurden zunächst etwa 40 Stellen „im Rahmen von Ad-hoc-Maßnahmen, Detailuntersuchungen oder Überprüfung von laufenden Planungen betrachtet“, wie es nun von der Stadt auf Anfrage hieß. An sieben Knotenpunkten wurden im vergangenen Jahr schon „freilaufende Rechtsabbieger“ durch Poller abgebaut. Davon waren unter anderem die Kreuzungen Venloer Straße/Kamekestraße und Aachener Straße/Wendelinstraße betroffen. Bis Ende 2020 sollen weitere Knoten entschärft werden. Momentan seien zehn Abbiegespuren in der Prüfung. In einer weiteren Untersuchung sollen bis 2021/22 nochmals etwa 50 Knoten begutachtet werden.

ADFC sieht verpasste Chance

Die baulichen Voraussetzungen für mehr Verkehrssicherheit in Köln sind die eine Sache, die Umrüstung von Fahrzeugen die andere. Erst ab 2022 wird der elektronische Abbiegeassistent EU-weit für neue Lastwagen und Busse eingeführt, ab 2024 muss jeder neu zugelassene Lkw ein solches System haben. Verkehrsexperten schätzen, dass mit dieser Technik die Hälfte aller Abbiegeunfälle verhindert werden kann. Schätzungen zufolge ist in Deutschland bislang kaum mehr als ein Prozent der Lkw mit einem Abbiegeassistenten ausgestattet.

Eine verpasste Chance sieht der ADFC daher in der seit Mittwoch deutschlandweit geltenden Regelung. Denn der ADFC fordert solche Systeme schon lange - und zwar nicht bloß für Neufahrzeuge. Auch Bestandsfahrzeuge sollten schnellstmöglich nachgerüstet werden. Kölns ADFC-Vorsitzender Christoph Schmidt schaut neidisch nach London: „Dort dürfen Lkw ab einer bestimmten Größe nur in die Innenstadt, wenn sie einen elektronischen Abbiegeassistenten haben.“ Beschlossen wurde das schon vor dem Brexit. Das zeige, dass diese Maßnahme europarechtlich möglich sei, sagt Schmidt. Und was in London umsetzbar sei, müsse doch auch hierzulande gelten können. „Der Bund muss den Kommunen Rechtssicherheit verschaffen, dass sie selbst regeln dürfen, welche Lkw sie in die Städte hineinfahren lassen“, fordert er und zieht einen Vergleich: „In keinen Hafen dieser Welt fährt ein Containerschiff ohne Lotsen.“

KVB testet

Als „leuchtendes Beispiel“ bezeichnet der ADFC-Vorsitzende die AWB, die nach dem tödlichen Unfall 2018 zuletzt die älteren Müllfahrzeuge für je etwa 3000 Euro mit neuer Technik ausgestattet haben. Die Fahrzeuge hatten früher nur eine Rückfahrkamera und einen Spiegel, der den toten Winkel verkleinert. Nun sind Seitenkameras dazugekommen. Dabei warnt den Fahrer ein Ton, wenn sich etwa ein Radfahrer dem Wagen zu sehr nähert.

Die KVB testet derzeit unterschiedliche Abbiegeassistenzsysteme für ihre Linienbusse. In fünf Solo- und Gelenkbussen kommen drei verschiedene Systeme von unterschiedlichen Herstellern zum Einsatz. Alle drei Abbiegeassistenten arbeiten mit Weitwinkelkameras, die an der rechten Seite der Busse in Dachhöhe angebracht werden. Zwei übertragen das reale Bild aus dem toten Winkel direkt auf den Monitor, der nahe dem Außenspiegel montiert ist, das dritte System wertet die Situation direkt aus und warnt den Fahrer mit Symbolen – etwa einem roten Männchen. Nach der Testphase will die KVB entscheiden, ob und mit welchem digitalen Abbiegeassistenten die etwa 250 Busse ausgerüstet werden. In der Vergangenheit waren die Leistungsfähigkeit und damit der Nutzen der bis dahin auf dem Markt angebotenen Systeme als nicht ausreichend befunden worden. Im Februar 2019 war auf der Stammheimer Straße nahe des Zoos eine 48-jährige Radfahrerin mit einem KVB-Bus kollidiert und wenige Tage später ihren schweren Verletzungen erlegen.

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Dass digitale Assistenten jegliche Unfälle verhindern, gilt unter Fachleuten als unwahrscheinlich. Jedes Assistenzsystem lässt sich ausschalten, etwa dann, wenn es nicht richtig funktioniert. Kleine Gegenstände können die Sensoren „austricksen“ – ebenso wie das bei Einparkhilfen der Fall ist. Wenn dort etwa ein Blatt an den Sensoren hängen bleibt, erkennt das System das als großen Gegenstand und warnt den Autofahrer. Dass die größten, bis zu 25,25 Meter langen, aus mehreren Anhängern bestehenden „Gigaliner“ mit einem Abbiegeassistenten ausgestattet werden sollen, soll nun die Fernstraßen sicherer machen. Auf innerstädtischen Straßen sind sie – zumindest in Köln – gar nicht erlaubt.