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„Manche würden sich prostituieren“So reagieren Kölner Sterneköche auf den Guide Michelin

7 min
07.03.2026: Gastrokritik von Carsten Henn („Henns Geschmackssache“) über „Neobiota“ im Pantaleonswall 27. 
Sonja Baumann und Erik Scheffler (Eigentümer und Küchenchefs) Foto: Martina Goyert

Sonja Baumann und Erik Scheffler im neuen Lokal am Pantaleonswall. Die beiden Köche freuen sich über ihren zurückeroberten Stern im Guide Michelin 2026.

Das Neobiota hat sich wieder einen Stern zurückerobert. Enttäuschung gibt es über einen ausgebliebenen zweiten Stern für ein Kölner Restaurant. Köln hat NRW-weit die meisten Sterne.

Die große Überraschung blieb in diesem Jahr aus. Nach der Preisverleihung des renommierten Restaurantführers Guide Michelin am Dienstagabend in Frankfurt holte sich das Neobiota nach seinem Umzug „seinen“ Stern zurück, ansonsten gab es keine weiteren Veränderungen. Damit zählt Köln wieder elf Sterne, verteilt auf zehn Sternelokale, und überholt auch wieder Düsseldorf, wo es neun Sternerestaurants gibt.

Daniel Gottschlich bleibt damit Kölns einziger Koch mit zwei Sternen. „Das bedeutet mir viel“, sagt der Koch und Inhaber des Ox & Klee im Rheinauhafen. „Vor allem auch deshalb, weil ich es am Anfang meiner Karriere nie auf solche Auszeichnungen angelegt habe.“ 2016 holte Gottschlich den ersten Stern des Guide Michelin, 2019 folgte der zweite. In den ersten Jahren sei dieses Gefühl „einfach nur toll“ gewesen, schnell habe er aber auch den Drang verspürt, sich immer weiter zu verbessern. Als Hauptziel würde Gottschlich einen möglichen dritten Stern – die höchste Auszeichnung, die der Guide Michelin vergeben kann –  nie ausrufen. Wenn es dazu käme, wäre es für ihn eher die „logische Konsequenz einer kontinuierlichen Top-Leistung des ganzen Teams“. 

Guide Michelin 2026 in Köln: Ox & Klee mit zwei Sternen

Nach der großen Enttäuschung des aberkannten Sterns im vergangenen Jahr freuen sich Sonja Baumann und Erik Scheffler vom Neobiota nun umso mehr über die Auszeichnung. Über längere Zeit geschlossene Lokale mögen die Michelin-Tester nicht. Nach ihrem Umzug von der Kleinen Brinkgasse an den Pantaleonswall war es also nicht völlig überraschend, dass der Guide dem Neobiota 2025 den Stern nicht erneut verliehen hat. 

Ein bisschen erwartet hat Scheffler die Einladung aus Frankfurt dieses Jahr aber schon. „Als wir im Mai 2018 eröffnet haben, gab es im Februar 2019 schon den Stern. Wenn ich sehe, wofür wir vor acht Jahren den Stern bekommen haben und was wir jetzt machen, passt das jetzt auch“, sagt Scheffler. „Der Stern ist nun wieder bei uns und Sonja als einzig neu ausgezeichnete Sterneköchin 2026 steht mit purem Understatement für starke Frauen und ein modernes Miteinander in der Branche. Vielen Dank an unser Team, das den Erfolg für und mit uns trägt“, so Scheffler.  Die Neobiota-Köche dürfen sich doppelt freuen, da sie in der neuen Kategorie der „Mindful voices“ aufgelistet werden.

Dieses neue Format soll Menschen aus Gastronomie, Hotellerie und Weinbau in den Mittelpunkt rücken und sie für ihre zeitgemäßen und zukunftsweisenden Konzepte würdigen. Das Format startet zunächst in den nordischen Ländern, der grüne „Nachhaltigkeits“-Stern hingegen wurde zum 1. Juni dieses Jahres wegen intransparenter Kriterien eingestellt. Kritik von prominenten Sterneköchen wie Billy Wagner (Nobelhart & Schmutzig in Berlin) bezeichnete den Stern als „Greenwashing“.

„Wir sind stolz, uns als Gesichter des neugeschaffenen Mindful Voice Award präsentieren zu dürfen. Es ist total schön, dass wir als erste Deutsche dafür ausgezeichnet werden und auch dieser Teil unserer Arbeit wahrgenommen wird.“ Das Neobiota hat im vergangenen Jahr immer mehr auf Fermentation gesetzt. Früchte und Gemüse baut ein Gärtner im eigenen Garten an, sie bevorzugen regionale Erzeuger.

Neobiota in Köln bekommt Stern des Michelin Guide zurück: „Gastronomisch schweres Jahr“

Gut tue der Stern nicht nur, weil man internationale Gäste auf Sternetour nun wieder einfacher zu sich lockt, sondern auch, weil „letztes Jahr gastronomisch ein schwieriges Jahr für uns und die Szene allgemein war“, so Scheffler. Aber seit diesem Januar laufe es sehr gut. „Die Gäste haben die neue Location total gut angenommen, die Terrasse ist im Sommer ein absoluter Segen.“ Ein Ärgernis sind die Baustellen im Gebäude. „Das wird gerade vom neuen Eigentümer sukzessive saniert und modernisiert. Tageweise Schließungen bleiben da nicht aus, das wird noch ein Jahr so gehen.“ Doch in der neuen Location sei mehr möglich: Hochzeiten und andere Veranstaltungen. Um die Qualität sicherzustellen, können Scheffler und Baumann maximal 70 Frühstücksgäste empfangen und abends zum Dinner bis zu 30 Personen, obwohl es theoretisch mehr Plätze gibt.

Die „Mindful voices“-Auszeichnung erhält auch das erst im vergangenen Jahr eröffnete Restaurant Kluth von Hannes Radeck und Kevin Rademacker. „Wir sind super glücklich. Das ist eine tolle Wertschätzung für das, was wir hier machen“, sagt Radeck. Das Duo setzt in der Ehrenfelder Hansemannstraße auf nachhaltige, saisonale Produkte von Produzenten, die sie persönlich kennen. Und auf maximale Transparenz. Am Tisch bekommt der Gast eine Liste mit allen Produkten und den dazugehörigen Produzenten.

Seine Enttäuschung über den ausgebliebenen zweiten Stern für das La Societé an der Kyffhäuser Straße kann Geschäftsführer Peter Hesseler am Telefon kaum verbergen. „Von der Qualität wäre das gerechtfertigt gewesen, ich bin sehr traurig.“ Chefkoch Leon Hofmockel war in Frankfurt, kam jedoch ohne zweiten Stern zurück. Seit 2021 kocht er im La Societé, das klassische französische Küche mit modernen Elementen anbietet. Leon Hofmockel tritt hingegen bescheiden auf: „Man macht sich immer ein bisschen Hoffnung, weil man hart und viel arbeitet und ich jeden Tag mein Bestes gebe. Alles andere liegt nicht mehr in meiner Hand.“ Er wolle sich gar nicht beschweren, „das ist schon okay so. Vielleicht klappt es nächstes Jahr“, so der 32-Jährige. 

Am Mittwoch war im La Societé noch Ruhetag, Donnerstag geht es aber weiter: mit leichter Sommerküche. „Wir haben derzeit nur ein Fleisch im Menü, unsere Königskrabbe und Gänselebercreme, eine leichte Vinaigrette mit Papaya und Senfkörnern als Salat ist eine spannende Kombi, die gut ankommt“, so der Koch.

Für absolut verdient, „gerecht“ und fällig hätte Gastronom Vincent Moissonier den zweiten Stern für das La Societé gehalten. Der Franzose fordert diesen schon seit Jahren öffentlich ein. „Leon Hofmockel ist ein junger Mann, der die gute Gastronomie verköpert, die Gastfreundschaft. Was ich von meinen Kunden höre, ist, dass sie die Konstanz, Seriosität und Bescheidenheit schätzen. Leon hat bei den Besten gelernt, er ist ein sehr guter und das muss honoriert werden.“  

19.11.2021, Köln: Geschmackssache Carten Henn "La Societé". V.l. Torben Schuster, Leon Hofmockel, Christoph Barciaga, Stefan Helfrich, Peter Hesseler. Foto: Max Grönert

'La Societé'. V.l. Torben Schuster, Leon Hofmockel, Christoph Barciaga, Stefan Helfrich, Peter Hesseler. (Archiv)

Guide Michelin 2026: Zweiter Stern für La Societé in Köln blieb aus

Abgesehen davon darf sich Moissonier mit Koch Eric Menchon weiterhin über seinen Stern freuen, obwohl er auf diese Auszeichnung nicht mehr so einen Wert legt. Er rät den Gastronomen hingegen zu mehr Bescheidenheit: „Bleibt auf dem Teppich und denkt dran: Die Gäste füllen eure Kassen, nicht der Guide Michelin. Es gibt welche, die würden sich prostituieren, um an diesen Stern zu kommen. Das ist totaler Unsinn.“ Vor allem angesichts der aktuellen Weltlage, so Moissonier.

Das NeoBiota musste ein Jahr ohne Stern auskommen. Die Auszeichnung von 2024 überklebte das Restaurant mit dem Satz: „To be continued 2026“. Aufgenommen im September 2025

Das NeoBiota musste ein Jahr ohne Stern auskommen. Die Auszeichnung von 2024 überklebte das Restaurant mit dem Satz: „To be continued 2026“. Aufgenommen im September 2025

Das zweite Jahr ohne Stern wird es für Jan C. Maier und Tobias Becker vom Maibeck in der Altstadt sein. Wie es ihnen seit vergangenem Juni ergangen ist? „Die Veränderungen sind spürbar und signifikant, aber nicht alles ist dadurch schlecht geworden. Die internationale Wahrnehmung hat sich verändert, in der Altstadt haben wir immer viele internationale Gäste und Businessleute angezogen, ohne Stern fällt man durch ein Raster“, sagt Maier. Kulinarisch habe sich hingegen nichts verändert, es gibt weiterhin vier Gänge für 85 Euro.

14.06.2023, Köln:  Jan C. Maier & Tobias Becker sind die Köche. Das Sommermenü im Maibeck. Foto: Uwe Weiser

Jan C. Maier & Tobias Becker sind die Köche.

„Wir waren immer die Kneipe mit dem Michelin-Stern, das war unsere Story. Wir haben auch eine Pasta auf der Karte oder einen Kopfsalat. Wir machen einfaches Essen, aber sehr gut.“ Sie seien derzeit dabei, sich für Neues zu öffnen und ohne den Stern zu definieren. Kürzlich haben sie zum Beispiel tagsüber ein Wein-Pop-Up organisiert. „Es war damals ein Segen, dass wir ihn im ersten Jahr bekommen haben und wussten ja nicht wie es ohne ist“, so Maier. Mit Blick auf seine Kollegen hatte der Koch ebenfalls auf den zweiten Stern für das La Societé gehofft. „Das ist meiner Meinung nach das beste Restaurant in Köln. Leon Hofmockel ist zuletzt so nach vorne geschossen auf eine genießerische Art“, so Maier.


Kölns Sternerestaurants und -köche:

Zwei Michelin-Sterne:

Ox & Klee, Daniel Gottschlich (Im Zollhafen 18)

Ein Michelin-Stern

La Cuisine Rademacher, Marlon Rademacher (Dellbrücker Hauptstraße 176, Dellbrück) La Société, Leon Hofmockel (Kyffhäuserstraße 53, Kwartier Latäng) Le Moissonnier Bistro, Eric Menchon (Krefelder Straße 25, Agnesviertel) Maximilian Lorenz, Maximilian Lorenz (Johannisstraße 64, Kunibertsviertel) Pottkind, Enrico Sablotny (Darmstädter Straße 9, Südstadt) Sahila, Julia Komp (Kämmergasse 18, Griechenmarktviertel) Taku, Mirko Gaul (Trankgasse 5, Altstadt) Zur Tant, Thomas Lösche (Rheinbergstraße 49, Porz-Langel)Neobiota, Sonja Baumann und Erik Scheffler (Pantaleonswall 27)