Die Röschen-Sitzung spielt in einer queeren Unterwasserwelt mit einer deutlichen Botschaft zwischen Wellen, Witz und Widerstand.
Ein Meer aus WitzQueere Röschen-Sitzung feiert Premiere im Kölner Gloria Theater

Das Moderatorenpaar Matthias Brandebusemeyer und Marion Radtke (in der Mitte) bei der Röschen-Sitzung im Kölner Gloria Theater
Copyright: Dirk Borm
Schon beim Betreten des Gloria Theaters wird klar: Hier wird’s nicht nur jeck, sondern auch ziemlich feucht. Begrüßt von Kölns laut eigener Aussage queerstem Bademeister, stürzen sich die Besucherinnen und Besucher der diesjährigen Röschen-Sitzung in die karnevalistischen Fluten und tauchen ein in ein glitzerndes „Queerallenriff der Träume“. Unter dem Motto „Land unter! Jetzt auch mit Tiefgang“ lädt die schwul-lesbische Karnevalssitzung in dieser Session zur Unterwasserparty – und zwar zu einer, die sich thematisch gewaschen hat: Zwischen lesbischen Nixen, Pellkartoffelköniginnen, genetischem „Macho-ismus“, Meer als genug Wortwitz und einem wütenden Vater Rhein bleibt kein Auge trocken.
Nachdem sich der queere Bademeister von Besucherinnen noch mit etwas Glitzerschminke versorgen lassen hat, kann es auch schon los gehen: Sitzungspräsidentin Marion Radtke und Sitzungspräsident Matthias Brandebusemeyer machen die Luken dicht und führen das Publikum zunächst in die Regularien der Röschen-Sitzung ein. Diese unterscheiden sich, so das Festkomitee, deutlich von heteronormativen Karnevalssitzungen: Hier heißt es ‚Aloah‘ statt ‚Alaaf‘, Raketen werden keine gestartet, stattdessen pflanzt und gießt das Publikum gemeinsam Röschen.
Ein dreifach donnerndes Aloah!
Passend zum Motto performt das Röschen-Ensemble zum Einstieg in die Sitzung ein Cover von „Happy Together“ der amerikanischen Band The Turtles und schmettert Zeilen wie „Lieben, Lachen, Feiern, das fällt uns gar nicht schwer!“ Dafür gibt es direkt das erste dreifach donnernde „Aloah“, dem Publikum gefällt es. Das präsidiale Duo beginnt mit einem ausschweifenden Jahresrückblick und fragt: „Kann man angesichts der apokalyptischen Weltlage noch Witze machen?“ Die Antwort: „Ja, aber nicht mehr so lange.“ In diesem Stil schlängeln sich die beiden durch Themen wie die Einschränkung der Rechte queerer Menschen, Weinköniginnen und Künstliche Intelligenz. Mit Sätzen wie „Dumm sein ist nur für die anderen schlimm“ bekommen – wie es sich für eine Karnevalssitzung gehört – von Weltpolitiker bis Promi alle satirisch ausgetüftelt ihr Fett weg.
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Plötzlich erklingt ein Kreischen von hinten aus dem Saal, das sich zu einem allgemeinen Jubeln erhebt: Mit raschelnden Pompoms marschieren die Pink-Poms auf die Bühne. Die rein männliche Cheerleader-Gruppe performt mehrere Choreografien und jeder einzelne strahlt dabei noch mehr als die Regenbogenpailletten an ihren Kostümen. Der Jubel bricht zu keiner Zeit ab. So müssen sich wohl Weltstars fühlen. Danach ist es auch definitiv wärmer im Saal.
„Trag die Liebe in deinem Herz, dann wird et jot“
Auch Vater Rhein höchstpersönlich hat seinen Auftritt auf der Röschen-Bühne. Er schimpft zum Beispiel über Strömungen, die in Deutschland immer weiter nach rechts fließen würden, und beschwert sich über das Wasser, das immer brauner werde. Auch über die Lage queerer Menschen in den USA lässt er sich aus und ruft so laut, dass es auch der letzte Jeck hört: „Es muss sich was ändern, denn andernfalls steht uns das Wasser bis zum Hals!“ Spätestens nachdem er wütend die Bühne verlässt, ist klar: Karneval war, ist und bleibt politisch. Und angesichts der politischen Weltlage, die hier zwar humoristisch, aber doch ehrlich verhandelt wird, muss er das auch sein. Daran lässt das prall gefüllte Programm der Röschen-Sitzung keinen Zweifel.
„Trag die Liebe in deinem Herz, dann wird et jot“, singt Marion Radtke und tanzt in einem glitzernden Anemonen-Kostüm durch das aufwendig gestaltete Tiefsee-Bühnenbild. Die Röschen überzeugen nicht nur mit einem Programm in beeindruckender Kurzweiligkeit, sondern auch ganz besonders mit durchdachten Licht- und Soundeffekten, rasanten Kostümwechseln und wunderschönen, schillernd bunten Looks. Musikalisch gerahmt wird die Show von der Band „Abends mit Beleuchtung“ und Kapellmeister Lysander Schwiebert.
Diverses Programm der Extraklasse
Weitere Höhepunkte des fast vierstündigen Programms sind ein Musical, in dem das Dreigestirn sich auf die Suche nach dem Rheingold begibt, inklusive spektakulärer Begegnungen unter Wasser. Wer hätte gedacht, dass der Pfeiler der Mülheimer Brücke so gut tanzen kann? Und auch eine Büttenrede, die eigentlich Konfrontationstherapie ist, oder ein Techno-Service-Stück mit Last-Minute-Tipps für Karnevalskostüme entlocken dem Publikum das ein oder andere Röschen. Das junge Talent Coremy fängt mit ihrer Musikcomedy dann auch noch die letzten bis dato nicht eroberten Herzen ein.
Bei aller feuchten Wortwitze und kreativen Programmpunkte wird zwischen Glitzer, Gesang und Gezeiten auch dieses Jahr wieder deutlich: Wer hier abtaucht, tut dies nicht aus Realitätsflucht, sondern um Haltung zu zeigen. Laut, solidarisch und mit der festen Überzeugung, dass auch Karneval politisch ist. Und dennoch schafft es das Röschen-Ensemble, die Weltlage klar zu benennen und sie zugleich für ein paar Stunden hoffnungsvoll schunkelnd in einem Meer aus Witz versinken zu lassen.
Tickets für die Röschen-Sitzung (auch teilweise mit Gebärdensprachendolmetscherin) gibt es noch unter www.roeschensitzung.de/tickets/

