Köln – Wildschweine haben sich als erste den Weg gebahnt. Da waren die beiden Grünbrücken über die Autobahn 3 und die Rösrather Straße (L 284) noch gar nicht geöffnet. Aber die günstige Verbindung über die vielbefahrenen Straßen hatten die Vierbeiner sofort entdeckt. Hochgedrückte Zäune, umgepflügte Erdkrumen und jede Menge Fährten sprachen Bände. Seit die Brücken vor fast einem Jahr freigegeben wurden, taten es ihnen andere Tierarten gleich. Die Geschwindigkeit, mit der etwa Hirsche mit ihren Weibchen den alten Wildwechsel wieder aufnahmen, hat selbst die Experten überrascht.
„Wir suchen ganz gezielt nach solch alten Wanderwegen, wenn wir eine Querung planen“, sagt Peter Schütz, Biologe beim Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv). Der Übergang zwischen Wahner Heide und Königsforst sollte vor allen Dingen dem Rotwild einen größeren Lebensraum verschaffen. „Bislang endete deren Wanderung am Zaun“, sagt Schütz. „Als wir die Brücken dann geöffnet haben, war das wie ein Ventil.“ Derzeit ist die Möglichkeit, das Revier wechseln zu können, von besonders großer Bedeutung: In der Brunft dulden die alten Platzhirsche die jüngere Konkurrenz nicht mehr in ihrer Nähe. Der Nachwuchs muss weichen. Entsprechend erhöht sich der Verkehr auf der Brücke.
Doch nicht nur Wildschweine und das Rotwild als das mit Abstand größte in freier Natur lebende Wildtier Nordrhein-Westfalens haben die Brücke schon für sich entdeckt. Auch kleineres Getier zählt zu den Nutznießern. Zur Freude der Fachleute ist die Ringelnatter gefunden worden. Während die Anwesenheit von Vierbeinern mit insgesamt zwölf mit Bewegungsmeldern ausgestatteten Kameras nachgewiesen wird, wurden für die völlig ungefährlichen, aber besonders geschützten Reptilien an sonnigen Stellen so genannte Schlangenbretter ausgelegt. Das erwärmte Holz bietet dann einen gerne genutzten Unterschlupf – für die Zählung müssen die Betreuer nur das Brett anheben.
Hirsche und Kühe lernen
Zweifel, dass die Verbindung zwischen Königsforst und Wahner Heide rege genutzt werden würde, hatten die Fachleute ohnehin nicht. Mit Problemen in der Startphase hatten sie allerdings gerechnet. Vor allem die S-Bahn-Trasse, die die Tiere ebenfalls queren müssen, bereitete Sorgen. Doch auch die zerstreuten sich rasch. „Hirsche und ihre Kühe sind sehr lernfähig“, beschreibt Jörg Pape, Rotwild-Sachverständiger für Wahner Heide und Königsforst. Sie hätten den Bereich zwischen A3 und Rösrather Straße schnell für sich entdeckt und sich tagsüber dort aufgehalten. Auf der Bahnstrecke habe es nur einmal einen Zwischenfall mit tödlichem Ausgang für das Rotwild gegeben, ergänzt Pape. Den habe allerdings ein Reiter verursacht, der an den Gleisen entlangritt und die Tiere aufschreckte, sodass sie panisch davonstoben. „Danach ist nichts mehr passiert.“
Verstummt sind unterdessen die Proteste der Bürger, die nicht nur den Sinn hinterfragt hatten, sondern auch die Kosten monierten. Das Ensemble hat immerhin rund zehn Millionen Euro verschlungen. Zwei Drittel davon wurden aus dem Konjunkturpaket II finanziert, etwa vier Millionen übernahm die Stadt. Wie die Querung über A 3 und die L 284 ziehen Verbindungswege dieser Art immer wieder Kritik auf sich – und schaffen es sogar ins Schwarzbuch des Bundes für Steuerzahler. Jüngst wurde unter der Überschrift „Luxustunnel für Lurche“ sechs Krötentunnel angeprangert, deren Sinn hinterfragt wird. Sie haben 650.000 Euro gekostet und veranlassten den Steuerzahlerbund zu der Bemerkung „Viele Kröten für die Kröte“. 2012 hatten es zudem eine Wildbrücke im Landkreis Bad Kissingen, die unweit einer Fußgängerbrücke liegt, und eine Wildkatzenbrücke bei Göttingen ins Schwarzbuch geschafft.
Den Einwand, dass die Verbindung zwischen Wahner Heide und Königsforst zu teuer sei, will Michael Petrak, Fachbereichsleiter der Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadensverhütung beim Lanuv, indes nicht gelten lassen. Autobahnen bedeuteten einen dauerhaften Eingriff in die Natur, bei dem nicht nach dem finanziellen Aufwand gefragt werde. „Die Brücken haben so viel gekostet wie knapp 100 Meter Autobahn auf dem Kölner Ring.“ In Köln sei die Kritik inzwischen regelrecht umgeschlagen: Naturfreunde jedweder Art wollten die Verbindung zwischen Wahner Heide und Königsforst gerne mitnutzen. „Bei keiner anderen Grünbrücke hatten wir so viele Anfragen, ob auch Reiter, Radfahrer oder Fußgänger sie passieren dürften, wie bei dieser“, sagt Petrak. Doch dass das nicht funktioniere, verstehe sich ja wohl von selbst. Das Wild würde die Brücke nur annehmen, wenn dort unbedingte Ruhe herrsche.
