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Talk in Kölner ComediaWie Wolfgang Niedecken vom Trümmerkind zur Legende wurde

8 min
Wolfgang Niedecken (rechts) spricht in der Comedia mit Jens Meifert und Anne Burgmer.

Wolfgang Niedecken (rechts) spricht in der Comedia mit Jens Meifert und Anne Burgmer.

BAP-Gründer Wolfgang Niedecken spricht über seine Kindheit in Köln, das Verhältnis zu seinem Vater, 50 Jahre Band und seine Sorgen um die Gegenwart.

Wolfgang Niedecken, Legende. Zumindest war das im Frühjahr anlässlich seines 75. Geburtstags auf den großen Werbetafeln im Kölner Stadtgebiet zu lesen. Als er darauf beim Talk der „Kölnischen Rundschau“ und des „Kölner Stadt-Anzeiger“ in der Comedia angesprochen wird, reagiert Niedecken mit der ihm eigenen Mischung aus Bescheidenheit und Humor: Er habe das gar nicht mitbekommen und müsse sich darüber erst mal Gedanken machen, was das heißt. „Aber wenn man mich mit Legende meint, dann ist das ja auch sehr ehrenhaft.“

Toni Polster – Ex-Spieler des 1. FC Köln und für viele Fans eine Legende – habe ihn immer so begrüßt: „A geh, der Wolferl – die Legende“. Niedecken mutmaßt insofern, dass nur sein Wiener Kumpel die Werbetafeln organisiert haben kann und sorgt für den ersten Lacher eines besonderen Abends.

Wolfgang Niedecken 1982 beim legendären Auftritt auf der Loreley

Wolfgang Niedecken 1982 beim legendären Auftritt auf der Loreley.

Während der Gründer, Sänger und Chef der Kölschrockband BAP in den üblichen Talkshowformaten der Fernsehsender stets nur wenige Minuten interviewt wird, sind es im ausverkauften Südstadt-Theater rund zwei Stunden. Anne Burgmer, Kulturchefin des „Kölner Stadt-Anzeiger“ und Jens Meifert, Chefredakteur der „Kölnischen Rundschau“, mussten dabei weniger Fragen stellen, als man denken könnte. Denn: Wie in vielen BAP-Songs ist Wolfgang Niedecken ein ausgezeichneter Geschichtenerzähler.

Unter dem Motto „Start und Ziel“ blickte der Künstler auf 50 Jahre BAP und 75 Jahre Wolfgang Niedecken. Dabei spannte sich ein weiter Bogen von der Kölner Südstadt der 1950er Jahre bis zum bevorstehenden Konzert am 10. Juli im Kölner Rhein-Energie-Stadion.

Die Kindheit

Niedeckens Leben beginnt in den Trümmern der Nachkriegszeit, zwischen Severinstorburg und Kartäuserwall. Seine Kindheit habe er als idyllisch empfunden, sagt Niedecken. „Als Kind kommst du nicht auf die Idee zu fragen, wieso da so ein schöner Abenteuerspielplatz ist. Du nimmst das als normal hin – so, als wenn du im Wald aufgewachsen bist, dann sind die Bäume eben normal.“

Die Kinder spielten auf der Straße Fußball oder ärgerten den Herrn Clemens, der auf einem Foto des bekannten Fotografen Chargesheimer zu sehen ist, das in der Comedia gezeigt wird.

Wolfgang Niedecken mit seinen Eltern bei der Erstkommunion.

Wolfgang Niedecken mit seinen Eltern bei der Erstkommunion.

Niedecken erzählt, wie der Mann an der Severinstorburg jeden Morgen seinen Drogeriestand mit einem Handkarren aufbaute – nur wenige Meter vom Lebensmittelgeschäft der Niedeckens entfernt. „Diese Karre war so eine wunderbare Schaukel – bis Herr Clemens plötzlich um die Ecke kam und gebrüllt hat: Ihr verdammten Pänz! Lasst die Karre los!“ Das Lied „Pänz, Pänz, Pänz“ der Bläck Fööss habe er niemals hören können, ohne an Herrn Clemens zu denken.

Nicht nur diese Geschichte erzählt Niedecken mit einer Lebendigkeit, als sei es gestern gewesen. Dass es einmal einen Krieg gegeben hatte, sei ihm erst durch die Fernsehserie „So weit die Füße tragen“ bewusst geworden. Eine Frau in der dritten Etage war laut Niedecken die einzige im Haus, die einen Fernseher hatte. Ihr Sohn Winfried war Elvis-Fan und trug eine entsprechende Frisur, so der Sänger weiter. Zur Kommunion wünschte sich der kleine Wolfgang genau so eine – die er dank Zuckerwasser „gezimmert bekam“: „Ich sah aus wie Elvis, obwohl ich persönlich auf Elvis gar nicht stand. Aber es war sensationell.“

Wolfgang Niedecken bei einer Pressekonferenz zum Stadionkonzert mit Bap.

Wolfgang Niedecken tritt mit seiner Baned am 10. Juli im Rhein-Energie-Stadion auf.

Überhaupt, die Musik. An einem Karnevalstag sei Niedecken im Musketier-Kostüm ins Kino, um den ersten Beatles-Film zu sehen – „Yeah, Yeah, Yeah“. Umgeben von jungen Frauen im Brigitte-Bardot-Look habe er sich so sehr für sein Kostüm geschämt, dass er aus dem Kino geflüchtet sei, bevor das Licht angegangen ist. „Ich bin nach Hause, habe meinen Kommunionsanzug angezogen, die Haare nach vorne gekämmt und war von da an über Karneval Paul McCartney. Hat zwar keiner gemerkt, was das sein sollte, aber egal.“

Die Beziehung zu seinen Eltern

Ernster wird es, als Niedecken über seinen Vater spricht – und über das berühmteste BAP-Lied, „Verdamp lang her“, in dem es um die verpasste Aussprache zwischen Vater und Sohn geht. Sein Vater sei ein unheimlich lieber Mensch gewesen, 16 Jahre älter als die Mutter, streng katholisch, fleißig, dreimal im Krieg ausgebombt. Er habe sich immer nur Sorgen um seinen Sohn gemacht und zu seiner Frau gesagt: „Was soll aus dem Kleinen überhaupt mal werden? Der hat ja nur Hirngespinste im Kopf. Wie soll der sich jemals ernähren können?“

Das Verhältnis sei ungetrübt gewesen, bis der junge Wolfgang in der Schule die Filme von der Befreiung der Konzentrationslager sah. „Das war für mich ein unfassbarer Schock. Und das hat mein Vater zugelassen?“, habe er sich gefragt. Als er dann noch erfuhr, dass der Vater NSDAP-Mitglied war, „habe ich die Fragen gestellt, die wirklich wehtaten. Und ich habe ihm auch nicht abgenommen, dass er nichts gewusst hat – meiner Mutter übrigens auch nicht, die hat ja auch was gewusst.“

Heute sagt der Sänger mit dem Abstand der Jahre: „Ich habe mich sehr großspurig und mit einer ziemlichen Arroganz als Richter aufgespielt.“ Wenn er „Verdamp lang her“ auf der Bühne spielt, stehe sein Vater in der letzten Strophe immer neben ihm, in seinem grauen Kittel. „Und ich hoffe, dass er dann irgendwann mal sagt: Jung, ich mache mir jetzt keine Sorgen mehr.“

Auch seiner Mutter hat er ein Lied gewidmet. Als sie starb, schrieb er in der Woche danach den Song „Chippendale-Desch“. Sie sei es gewesen, die ihn immer unterstützt habe – auch bei der Musik.

So habe der junge Wolfgang ihr so lange die Akkorde von „The House of the Rising Sun“ auf der Gitarre seines Halbbruders vorgespielt , bis sie irgendwann ermattet zum Vater sagte: „Josef, kauf dem Jung jetzt eine eigene Gitarre.“

Der Weg zur Musik

Als Student fühlte sich Wolfgang Niedecken verpflichtet, dem Vater zu zeigen, dass er das Kunststudium ernst nahm. Daher hatte er zuvor sein Musikequipment bis auf eine Akustikgitarre verkauft. 1976 sei dann die Initialzündung gekommen, als ein ehemaliger Mitmusiker fragte, ob man nicht wieder gemeinsam Musik machen könne. In einem Wiegehäuschen an der Autobahn 555 bei Hersel, das dem Vater von Hans Heres gehörte, probte die Truppe fortan einmal die Woche „eine Kiste Bier leer“, wie Niedecken lachend erzählt.

In dieser Zeit schrieb Niedecken aus Liebeskummer seinen ersten kölschen Text („Helfe kann dir keiner“) inspiriert von einem Crosby, Stills, Nash & Young-Album, das er sich nicht leisten konnte. „Die Akkorde spielte ich aus der Erinnerung nach, und mein ganzer Liebeskummer floss auf vier Akkorde.“ Als er das den Mitmusikern im Proberaum vorspielte, habe einer nur gesagt: „Jung, das ist gut, da musst du mehr von machen.“

Da ein Großteil des Publikums die BAP-Karriere selbst miterlebt hat, fasste sich der Sänger bewusst kürzer. Schilderte, wie das erste Album 1979 gleich 4000 Mal im Kölner Sprachgebiet verkauft wurde und danach alles sehr schnell ging.

Mit „Verdamp lang her“ kam der bundesweite Durchbruch. BAP verdrängte sich schließlich selbst von Platz eins der Charts und hatte zeitweise vier Alben in den Top Ten. Den Moment, in dem er begriff, dass BAP keine Garagenband mehr war, verortet Niedecken beim legendären Rockpalast-Konzert auf der Loreley im August 1982. „Was passiert hier mit uns?“ habe er sich danach gefragt.

Trump, Putin, Infantino

Die damalige Zeit, geprägt durch den Kalten Krieg, sei mit heute kaum zu vergleichen: „Also, was würde ich dafür geben, noch mal diesen Reagan anstatt diesen Trump ertragen zu müssen?“, sagte Niedecken unter dem Beifall der Zuhörer. „Wir haben zwei unfassbare Irre an den größten Machtblöcken – ob das der Trump ist oder der Putin.“

Deutliche Worte fand der Fußball-Fan Niedecken auch zur bevorstehenden WM: „Ich liebe Fußball. Hier kommen Menschen zusammen und erleben etwas, was auch verbindend ist. Aber ich sehe die Gefahr, dass der Fußball überkommerzialisiert wird, wie es momentan in Amerika stattfindet. Es ist alles überteuert bis dort hinaus.“

Das Publikum in den Stadien verkomme zu Statisten, „da das eigentliche Geld mit dem Fernsehen gemacht wird“. Niedecken weiter: „Ich weiß nicht, ob es irgendwann so weit ist, dass ich sage: Den ganzen Scheiß will ich nicht mehr mitmachen.“ Fußball sei ein Schatz. „Den darf man doch nicht aufs Spiel setzen mit diesen ganzen Infantinos.“ Es gebe Gestalten, „die glaubt man gar nicht. Wenn man das für einen Film ausgedacht hätte, würde man sagen: Übertreib mal nicht.“

Trotz des Erfolgs sei ihm die Leichtigkeit nie abhanden gekommen, sagt Niedecken. Bedroht sei sie nur dann gewesen, wenn es innerhalb der Band Richtungsstreitigkeiten gab. „Imageberater von Plattenfirmen haben sich bei mir immer die Zähne ausgebissen.“ Er habe immer das gemacht, was er für folgerichtig hielt. „Ein Ding richtig machen ist mir lieber, als drei Dinge nicht richtig machen.“

Gegenwart und Zukunft

Jetzt gelte es, für das Stadionkonzert am 10. Juli den richtigen Bogen zu spannen – zwischen den Klassikern und dem, was BAP heute ausmacht. BAP sei immer eine Band gewesen, die sich erneuert habe. „Es fließt alles“, sagt Niedecken. „Und man muss das auch zulassen.“

Große Zukunftspläne schmiede er derzeit nicht: „Mein Vater ist mit 76 gestorben, meine Mutter mit 79. Soll ich da einen Vier-Jahres-Plan machen? So etwas hat im Sozialismus auch noch nicht funktioniert.“ Er mache aber für sein Leben gerne Musik und das noch möglichst lange. Seine beiden Töchter und seine Frau würden eines Tages die Reißleine ziehen, das sei abgesprochen: „Meine drei Damen werden mich aus dem Verkehr ziehen, wenn es mal so weit sein sollte.“