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Kölner DrogenkriegBeamter soll gegen Geld Polizeicomputer angezapft haben

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Ein Polizist am Computer (Symbolbild)

78 Mal soll ein Polizist aus Bonn verdächtige Abfragen im Polizeiinformationssystem getätigt haben. (Symbolbild)

Mit 20 bis 200 Euro sollen Kriminelle sich bei dem Beschuldigten Informationen aus dem Polizeiinformationssystem erkauft haben.

Der Skandal um einen mutmaßlich korrupten Polizeikommissar aus Bonn ist größer, als bisher bekannt. Der 26-jährige Beamte Mahmoud D. (Name geändert) soll nach Recherchen des Kölner Stadt-Anzeiger im Polizeiinformationssystem „ViVA“ für etliche Beschuldigte aus dem Kölner Drogenkrieg strafrechtliche Erkenntnisse ausgespäht haben. Zudem soll er etwa für einen Islamisten, der den russischen Autokraten Wladimir Putin verehrt, Verfahrensinhalte aufgerufen haben. Insgesamt registrierten die Strafverfolger mindestens 78 Abfragen in der VIVA-Datei durch Mahmoud D. ohne erkennbaren dienstlichen Hintergrund.

Verdacht auf Bestechung, Strafvereitelung im Amt und Verrat von Dienstgeheimnissen

Auch schöpfte der Polizist mit marokkanischen Wurzeln nach Erkenntnissen der Ermittler INPOL-Angaben des Zollfahndungsamtes Essen zu einem türkischstämmigen Verdächtigen ab. Für mindestens 16 Personen, oft aus dem Rauschgiftmilieu, soll der Beschuldigte im Polizeicomputer Personendaten ausgelesen haben. So etwa auch auf Wunsch von Akteuren, die wegen Gewaltdelikten und Geldwäsche bereits aufgefallen waren. Unter anderem geht es bei Mahmoud D. um den Verdacht der Bestechung, der Strafvereitelung im Amt und des Verrats von Dienstgeheimnissen. Sein Verteidiger wollte sich auf Anfrage nicht zu den Vorwürfen äußern.

Gegen einen Preis von 20 Euro aufwärts, so die Ermittlungen, soll der Kommissar für Auftraggeber illegal das polizeiliche Informationssystem angezapft haben. Mal sollen 175 Euro pro Person auf dem Paypal-Konto des Beamten gelandet sein, mal kleinere Summen. Anfang Juli 2024 soll er einen Bericht über verdächtige Beobachtungen der Polizei in der Keupstraße in Mülheim für seinen Auftraggeber abgerufen haben.

Brisanterweise gab der Beschuldigte häufiger den eigenen Namen in der Behörden-Datei ein. Vermutlich, um frühzeitig zu erfahren, wenn gegen ihn ermittelt werde. Offenbar fürchtete Mahmoud D., dass man ihm auf die Schliche kommen könnte.

Illegale Abfragen zum Komplex „Kölner Drogenkrieg“

Gleich zwei Mal soll der Ordnungshüter für eine wichtige Figur im Kölner Drogenkrieg auf den Polizeicomputer zugegriffen haben. Illias K. gehörte einer Bande an, die von Köln-Kalk aus im großen Stil Marihuana und Kokain aus Marokko und den Niederlanden einschleuste. Seit dem 21. Juni 2024 hatte die Gang 700 Kilogramm Gras in einer Halle in Hürth gelagert. K. beaufsichtigte die fünf Wachleute, die den Stoff sichern sollten. Ein Überfallkommando schlug zu und raubte die Hälfte der Marihuana-Ware im Wert von 1,5 Millionen Euro. Wütend suchte der Kalker Drogen-Boss Sermet A. nach dem Insider in den eigenen Reihen, der den Dieben den Tipp gegeben hatte. Er heuerte drei Schläger aus den Niederlanden an, um aus seinen Wachleuten in der Lagerhalle gewaltsam die Wahrheit herauszuprügeln.

Illias K., Chef der Wachmänner, wurde übel zugerichtet, ehe die Polizei die holländischen Folterer am 25. Juni 2024 festnehmen konnte. Seitdem fürchtete der Gangster um sein Leben. Die 22-jährige Unterweltgröße soll den Bonner Kommissar tags darauf gebeten haben, für ihn nochmal das Polizeiinformationssystem zum Verfahrensstand auszuforschen. Vier Tage später explodierte ein Sprengsatz vor einer Wohnadresse im Rechtsrheinischen. Eine Warnung, die Illias K. galt. Zunächst tauchte er ab, wurde aber dann gefasst. Inzwischen verurteilte ihn das Landgericht zu einer mehrjährigen Haftstrafe.

Polizist chattete mit Kalker Drogenbande

Häufig chattete Kommissar Mahmoud D. mit einem weiteren Mitglied der Kalker Drogenbande. Der Kriminelle bat ihn schließlich um Infos aus dem Polizeicomputer. Daraufhin antwortete der Polizist: Seine besonderen Fähigkeiten werde er einsetzen, wenn es sich lohne. In dem Kontext tönte Mahmoud D., dass er jede Anzeige gegen seinen Chatpartner herausfiltern könne. Dann übermittelte der Beamte dem Drogenschieber seine Bankverbindung. Die Strafverfolger stießen bei ihren Untersuchungen auf zwei Überweisungen von insgesamt knapp 200 Euro.

Die Auswertung seines Chatverkehrs ergab, dass der Kommissar häufig eine Shisha-Bar in der Keupstraße besuchte. Das Lokal galt als Treffpunkt etlicher Größen der Kalker Drogenbande. Des Öfteren sollen die Kriminellen auf die Dienste des Beamten zurückgegriffen haben. So etwa kurz vor Mitternacht am 13. Mai 2024. An jenem Tag hatte die Polizei den Ex-Geschäftsführer der Bar auf der Autobahn mit 2,5 Kilogramm Cannabis erwischt. Entsprechend informiert suchte der beschuldigte Kommissar noch in dem Lokal mit seinem Diensthandy Näheres im Polizeisystem über den Fall herauszubekommen.

Ermittlungen gegen weiteren Polizisten

Im Kölner Drogenkrieg fielen etliche Dealer aus der Bar in Ungnade. Am 2. Juli detonierte nahe dem Eingang ein Sprengkörper. Die Warnung, so der Verdacht, stammte vom Kalker Rauschgiftboss Sermet A., der sich derzeit vor dem Landgericht Köln verantworten muss. Im Falle eines Schuldspruchs droht ihm die Sicherungsverwahrung. Womöglich kommt der Deutsch-Iraker nie wieder frei.

Im Fall des 26-jährigen Polizeikommissars laufen die Ermittlungen wohl ebenfalls auf eine Anklage hinaus. Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer wollte sich auf Anfrage hierzu nicht äußern. Nur so viel: „Das Verfahren steht kurz vor dem Abschluss.“ Wie Bremer dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ bestätigte, richten sich die Ermittlungen inzwischen gegen einen weiteren Polizeikommissar. Auf Geheiß seines Kollegen Mahmoud D. soll er eine falsche Strafanzeige gefertigt haben.