Der 29-jährige Luis Teichmann hat bereits zwei Bücher geschrieben. Er promoviert gerade und erreicht mit seinen Videos zahlreiche Menschen.
Bekannt als „5_sprechwunsch“Kölner Rettungssanitäter klärt auf Social Media über Blaulicht-Alltag auf

Luis Teichmann gibt Einblicke in Rettungseinsätze und warnt vor unseriösen Informationsquellen zum Thema Gesundheit.
Copyright: Gerriet Scheben
12-Stunden-Schicht an Karneval, Rettungsgasse bilden, trotz Erkältung Sport machen, im Fall, über den man nicht reden möchte, fehlt die Patientenverfügung – Luis Teichmann geht als „5_sprechwunsch“ offen auf diese Themen ein. „Wenn wir im Einsatz sind, nutzen wir Zahlencodes“, erläutert der Rettungssanitäter: „Die 5 heißt, es gibt einen Sprechwunsch mit der Leitstelle.“
Seit 2018 ist der 29-Jährige in Köln als Rettungssanitäter im Einsatz. Situationen, die er dabei erlebt, erzählt er in oft humorvollen Videos nach, ausgespielt auf Social Media. Teils nimmt er dafür verschiedene Rollen ein – etwa einen Mann, der ständig ohnmächtig wird, aber meint, keinen Rettungswagen zu brauchen, seinen Kumpel, der die Rettungskräfte alarmiert hat, und auch den Sanitäter, der sich erst mal einen Überblick verschaffen muss.
Das soll nicht nur belustigen: „Wenn man Leute zum Lachen bringt, dann hilft das auch beim Reflektieren“, sagt Teichmann. Das mache einige medizinische Themen zugänglicher, als mit erhobenem Zeigefinger darauf hinzuweisen. Die Taktik scheint aufzugehen: Auf sozialen Netzwerken wie YouTube (445.000 Follower), Instagram (683.000 Follower) und TikTok (1,7 Millionen Follower) erreicht der gebürtige Aachener eine Vielzahl von Menschen. Trotz der hohen Reichweite sieht er sich nicht als Influencer. „Ich bin Berufsbotschafter und Digital Creator“, erläutert Teichmann. Später mehr dazu.
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Der Kölner Karneval stellt längst keine Überforderung mehr dar
In Köln arbeitete Luis Teichmann zunächst für die Johanniter. Inzwischen fährt er auf Rettungseinsätze für Falck Notfallrettung und Krankentransport GmbH. Die Lagen in der Stadt mit K seien sehr unterschiedlich. Allein schon je nach Stadtgebiet unterschieden sich die Voraussetzungen. „In kleineren Orten wie Marienburg oder Rodenkirchen gibt es eine sehr vertraute Nachbarschaft“, erläutert Teichmann. Die Menschen seien sozial stärker vernetzt und passten besser aufeinander auf. Köln als Großstadt sei anonymer.
„Die Lanxess-Arena mit großen Events stellt den Rettungsdienst vor Herausforderungen“, schildert er eine Besonderheit in Köln. Es bestehe zudem der Anspruch, „alles gleichzeitig zu wollen“, wie etwa Karneval und Berufsverkehr.
Mit einem hartnäckigen Vorwurf räumt er an dieser Stelle auf. „An Karneval hat man die Lage inzwischen hervorragend im Griff“, sagt Teichmann und vergleicht: „2018 war es am 11.11. schwieriger – viel zu viele Patienten, viel zu wenig Rettungsmittel.“ Aber die beteiligten Akteure wie Rettungsdienste, das Ordnungsamt, die Polizei, Feuerwehr und Stadt hätten in den vergangenen Jahren einiges dazugelernt. „Die Zusammenarbeit läuft super.“
Herausforderungen für den Rettungsdienst nehmen zu
Trotz der eingespielten Kooperation steigen die Ansprüche laut Teichmann: „Grundsätzlich haben wir im Rettungsdienst große Herausforderungen.“ Hierzu zählt Teichmann eine zunehmende Zahl von Rettungseinsätzen in Köln, wie in anderen deutschen Großstädten. Er nennt den Fachkräftemangel. Außerdem verweist er auf die Klimakrise, die besonders gefährdeten Gruppen, wie Kranke, Seniorinnen und Senioren stärker zusetzen. „Wir haben heißere Sommer und punktuell kältere Winter. Die Leute bekommen eher Kreislaufprobleme.“ Plus: der demografische Wandel – ältere Menschen brauchen tendenziell häufiger Rettungswagen als jüngere.
Weiter zählt Teichmann Internettrends auf, die mehr Einsätze veranlassen, unter anderem die Hot-Chip-Challenge. Dabei aßen die Gefilmten Chips, die mit der weltweit schärfsten Chili gewürzt worden waren. Die teils heftigen Reaktionen lud man auf Tiktok hoch. Nicht selten wurden Notrufe abgesetzt.
Gemäß Teichmann fehlt bislang ein Instrument, um niedrig priorisierten Hilfegesuchen angemessen nachzukommen: „Wer sagt mir an einem Samstag um 20 Uhr, wenn ich Schmerzen habe, die keinen Rettungswagen auf den Plan rufen, was ich machen soll?“ Für derartige Fälle braucht es seiner Einschätzung nach eine Anlaufstelle zwischen ärztlichem Notdienst und Rettungsdienst, konkret medizinische Fachkräfte, die vor Ort beraten können. „In Deutschland laufen bereits Pilotprojekte“, fügt er an.
Wie „5_sprechwunsch“ Videos produziert
Als Rettungssanitäter arbeitet Luis Teichmann neben dem Studium. Seinen Master als Rettungsingenieur hat er an der TH Köln gemacht. Seit 2023 promoviert er an der Uniklinik Aachen, wohnt und arbeitet aber weiter in Köln. „Im Grundstudium ging es um Maschinenbau und Gebiete wie die Krisennotfallvorsorge, den Bevölkerungsschutz und die kritische Infrastruktur“, berichtet er: „Sehr viele aus dem höheren Dienst der Feuerwehr haben das studiert.“
Das Studium habe nicht direkt mit dem operativen Einsatzgeschehen als Rettungssanitäter zu tun. Das wissenschaftliche Arbeiten beeinflusst aber, wie Teichmann die Themen für seine Beiträge angeht. „Am Anfang steht ein Rettungswageneinsatz oder ein medizinisches Thema“, so Teichmann: „Dann kommt die Quellenrecherche. Es ist die Hauptarbeit, den Inhalt so aufzubereiten, dass er nicht zu tief geht, aber korrekt ist.“
Auf eine gründliche Einarbeitung folgen laut dem 29-Jährigen Script und Storyboard, also vorgeschriebene Texte und geplante Kameraeinstellungen für die verschiedenen Rollen im Video. „Ich filme eine Rolle am Stück durch und bin danach total fertig“, sagt Teichmann und lacht: „Das Umziehen ist unfassbar anstrengend.“ Den Schnitt erledigt er nach eigener Angabe selbst.
Für längere Videoformate, wie halbstündige Videos auf YouTube, in denen Teichmann etwa bei Rettungseinsätzen an Karneval gefilmt wird, holt er sich Unterstützung. Als einer der drei Geschäftsführer der Medienagentur MedWork Media GmbH ist Teichmann entsprechend vernetzt.
Luis Teichmann sieht sich trotz hoher Reichweite nicht als Influencer
Warum sich Luis Teichmann ungern in einen Topf mit Influencern werfen lässt? „Jeder kann einen Ärztekittel anziehen und im Internet vorgeben, er hätte Fachwissen“, sagt Teichmann: „Missinformation in der Medizin ist ein großes Problem!“ Im Gespräch mit dieser Zeitung geht er auf Studien der World Health Organisation (WHO) zur Corona-Pandemie ein. Laut der Studienergebnisse enthielten 51 Prozent der untersuchten Beiträge auf sozialen Medien gesundheitliche Fehlinformationen zum Thema Impfung, unter dem Schlagwort Covid-19 waren es 28,8 Prozent, beim Thema Pandemie 60 Prozent.
Zudem falle es vielen Internetnutzern und -nutzerinnen in Deutschland eher schwer, Gesundheitsinfos richtig zu verstehen und daraus informierte Entscheidungen abzuleiten. Ein Forschungsteam der Technischen Universität München ermittelte per repräsentativer Studie eine niedrige Gesundheitskompetenz für etwas mehr als drei Viertel der Befragten.
Was kann man tun, um unseriöse Quellen zu entlarven? Teichmann empfiehlt einen Hintergrund-Check: Wer gibt die Infos weiter? Hat die Person wirklich einen Doktortitel oder behauptet sie das nur? – und den Inhalt kritisch zu hinterfragen: Werden Verallgemeinerungen präsentiert? Liegen 1-oder-0-Aussagen vor, die einem Schwarz-Weiß-Denken folgen? Wird das Gesagte eingeordnet? Was sagen wissenschaftliche Quellen zum Thema?
Er selbst nennt zwei gesundheitliche Gebiete, zu denen von ihm keine Videos zu erwarten sind: psychiatrische Erkrankungen, etwa Schizophrenie, und Ernährungsmedizin. „Psychische Probleme sind zu vielschichtig und individuell“, erläutert Teichmann. In beiden Gebieten fehle es ihm schlichtweg an der nötigen Expertise.
Sein Fachwissen bringt der Berufsbotschafter neben dem digitalen Raum auch analog als Sachverständiger im NRW-Landtag ein. 2022 und 2024 hat er außerdem jeweils Bücher rund um den Job von Rettungskräften veröffentlicht, die auch auf die Arbeitsbelastung und strukturelle Missstände aufmerksam machen. Im zweiten Buch geht es Teichmann zufolge hauptsächlich um Köln. Mit einem dritten Buch sei fest zu rechnen. Laut Teichmann ist aber noch nicht abzusehen, wann.
Bei all den Verpflichtungen, denen der 29-Jährige nachgeht, ist er froh, wenn er etwas Sport unterbekommt. Er joggt oder spielt Fußball. Angesprochen auf seine Bekanntheit, entgegnet er: „Rettungsdienst wird oft mit mir assoziiert, man muss das aber nicht an mir festmachen. Es gibt 80.000 Leute, die den Job machen und es verdient haben, gesehen zu werden. Ein Dank an die vielen Menschen im Einsatz ist wichtig.“
Blaulicht für Blaulicht
Luis Teichmann hat mit Notarzt Marco Strohm und weiteren Kolleginnen und Kollegen den gemeinnützigen Verein Blaulicht für Blaulicht gegründet. Die Vereinsarbeit zielt darauf ab, Einsatzkräfte in eigenen Notsituationen zu unterstützen, sprich den Helferinnen und Helfern beizustehen, die sich sonst um andere Menschen kümmern. Zu den Hilfsmaßnahmen zählt laut Teichmann auch die Vermittlung von Einsatzkräften an Psychologinnen und Psychologen. (ges)

