Im Kölner Karneval gibt es bereits Anlaufstellen. Auch bei der c/o pop wurden Awareness-Strukturen ausgebaut.
„Kosten kann sich nicht jeder leisten“Wo es in Köln Awareness-Strukturen gibt – Klubkomm fordert Beteiligung

Beauftragte für Achtsamkeit sind auf Festivals in der Regel gut sichtbar gekennzeichnet.
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Im Kölner Karneval werden Anlaufstellen für Opfer von Diskriminierung oder sexueller Gewalt längst mitgedacht. Mitarbeitende des Teams „Edelgard“ waren an den tollen Tagen mit Info-Teams auf der Straße unterwegs, aber auch telefonisch erreichbar. In der Südstadt, im Studentenviertel sowie im Belgischen Viertel habe man so mehr als 4700 Personen erreicht. „Generell haben wir bei diesem Einsatz einen erhöhten Bedarf für Beratung besonders bei jungen Menschen festgestellt,“ erklärte danach Çiya Rädler, die als mobile Einsatzkraft für das Projekt unterwegs war. „Viele berichten draußen auf der Straße, von ihren Erlebnissen und äußern sich dankbar über das Hilfsangebot.“ Am 11.11. setzte die ausrichtende Ostermann-Gesellschaft erstmals die kostenlose App „Guardy“ ein. Auch sie soll die Sicherheit der Feiernden erhöhen. Wer sich registrierte, konnte innerhalb der Feierfläche per Klick einen Notruf an die Sicherheitszentrale der Ostermänner absenden. Helfende konnten das Handy per GPS orten und zur Hilfe eilen. Durch das Anklicken der entsprechenden Alarm-Fläche kann auch angegeben werden, ob es sich um Belästigung, einen medizinischen Notfall oder ein anderes Sicherheitsproblem handelt. „An den Zugängen hingen Plakate, auf denen der QR-Code gescannt werden kann, der zu der App führt“, sagt Ralf Schlegelmich, Präsident der Ostermann-Gesellschaft. „Es hat in den vergangenen Jahren bei uns nie sicherheitskritische Situationen gegeben – und das soll auch so bleiben.“
Awareness: Ostermann-Gesellschaft setzte Guardy-App ein

Drei Zweierteams waren an Karneval an den Feierhotspots schichtweise unterwegs und stellten einen erhöhten Beratungs- und Hilfsbedarf bei jungen Feiernden fest.
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„Die App wurde gut angenommen“, sagt Schlegelmich. Ein einziger Notruf wurde am 11.11. abgesetzt – der habe sich später als gegenstandslos erwiesen. So genannte Awareness-Teams seien wichtige Ansprechpartner. „Das können wir als ehrenamtliche Karnevalisten nicht leisten. Die Ansprechpartner sind mit lila Westen gekleidet und mit den Hilfsteams der Malteser unterwegs. Schlegelmilch sieht das Thema vor allem bei großen öffentlichen Feiern.
Das Festival c/o pop hat seine Awareness-Strukturen in den vergangenen vier Jahren erheblich ausgebaut. „Mit den bestehenden Mitteln versuchen wir sie, so gut es geht, immer weiterzuentwickeln“, sagt Gründer Norbert Oberhaus. Auf der Festivalhomepage kann man sich über das Angebot, die Awareness-Leitlinien und Handlungsempfehlungen für Besucherinnen und Besucher informieren. In einer Leitlinie heißt es etwa: „Wir gehen aktiv gegen Sexismus und sexualisierte Gewalt vor. Sei dir deiner Position bewusst und übe keine Macht über andere aus. Grenzüberschreitungen jeglicher Art wie ungewolltes Anfassen, Anstarren, Hinterherpfeifen oder Kommentare werden nicht geduldet.“ Bei der c/o pop gilt die sogenannte „Betroffenenorientierung“: Das heißt, die Person, die übergriffiges oder diskriminierendes Verhalten erfährt, definiert es als solches.
c/o pop arbeitet seit etwa vier Jahren mit geschultem Awareness-Team
Die c/o pop arbeitet mit einer Awareness-Beauftragten im Team, bei der alle Fäden zusammenlaufen: Ihr Stundenkontigent beträgt laut Oberhaus 12 bis 16 Stunden pro Woche. An den Festivaltagen ist ein Awareness-Team mit erfahrenen oder geschulten Personen im Einsatz, die an gelben Westen zu erkennen sind: freitags und samstags, wenn das Festival mit dem Straßenfest an der Venloer Straße einen Höhepunkt erreicht, können das bis zu neun Personen sein. Sie fungieren als erste Ansprechpersonen. Das wird nicht mit Ehrenamtlern gelöst, sondern diese Personen werden bezahlt. Das Team sei jederzeit telefonisch zu erreichen, so Oberhaus. Norbert Oberhaus zieht ein positives Fazit. „Es wird angenommen und gesucht, und es gibt Vorfälle, wo es direkt gut funktioniert.“ Seit die c/o pop die Awareness-Präsenz erhöht hat, habe es weniger Vorfälle gegeben, sagt Oberhaus. „Allein, dass das Awareness-Team gut erkennbar ist, schreckt ein stückweit ab.“
Kölner Clubbetreiberinnen und Veranstalter werben schon länger mit Awareness und wollen nun beteiligt werden am neuen Konzept
Die Kölner Klubkomm, der Verband der Kölner Clubs und Veranstalter, begrüßt den Vorstoß der Politik: „Wir bearbeiten das Thema seit Jahren und haben oft den Wunsch geäußert, dass es auch auf politischer Ebene mehr Zuspruch erhält.“ Die Klubkomm erwartet nun, dass die Verwaltung für die Erstellung eines Konzepts auf den Verband zugeht. Legge warnt jedoch davor, dass der Beschluss zu kurz greifen könnte.
„Es ist nicht damit getan, Veranstaltern ein Awareness-Konzept aufzuerlegen. Schritt eins müsste eine einheitliche Definition von Awareness sein, die bisher fehlt. Der nächste Schritt wären zertifizierte Schulungen für Awareness-Teams. Nur ein Konzept garantiert nicht die Qualität, die es braucht.“ Tatsächlich sei die Frage zu klären: „Gilt das für jedes kleine Straßenfest? Die Kosten kann sich nicht jeder leisten. Eine Verpflichtung für Veranstalter garantiert nicht unbedingt die Qualität. Und ein schlechtes Awarenesskonzept bringt niemandem etwas.“
Köln sei mittlerweile auf einem guten Weg, was Awareness betrifft. Man müsse niemandem mehr erklären, warum ein Awareness-Konzept gut wäre. Damit es funktioniert, brauche es eine einheitliche Schulungsstruktur sowie ein Förderprogramm, das die Veranstalter darin unterstützt, das Personal zu schulen. „Gut an dem Beschluss ist, dass der Straßenkarneval so mehr Auflagen bekommt, um Sicherheitsstrukturen bereitzustellen. An Karneval passieren wahninnig viele Übergriffe“, sagt Legge.
