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„Aggressive Tumore aufhalten“Kölner Onkologe erklärt Krebserkrankung bei Kindern – und die Gefahr von Neuroblastomen

Lesezeit 5 Minuten
Ein Arzt zeigt auf einem Ultraschall-Bild auf den Kopf eines Babys.

Kinder mit Krebserkrankungen haben eine Heilungschance von rund 80 Prozent, bei einem aggressiven Neuroblastom liegt die Überlebenschance jedoch nur bei rund 50 Prozent. Matthias Fischer forscht daran, dies zu verbessern. (Symbolbild)

80 Prozent aller Krebserkrankungen bei Kindern können geheilt werden. Eine wesentlich niedrigere Heilungschance besteht noch beim Neuroblastom, einem oft hochaggressiven Tumor.

Der Kinder-Onkologe Prof. Dr. Matthias Fischer von der Uni-Klinik Köln forscht über das Neuroblastom – ein häufig bei Kindern auftretender Tumor. Er spricht über die Heilungschancen und welche Therapiemöglichkeiten gerade entwickelt werden.

Herr Fischer, ihr Forschungsfeld ist ein ganz besonderer Tumor – was ist ein Neuroblastom?

Matthias Fischer: Das ist ein Tumor, der sich aus dem peripheren Nervensystem entwickelt, oft bildet er sich im Bauch. Im Kindesalter ist das Neuroblastom ein relativ häufiger Tumor, bei Erwachsenen tritt er sehr selten auf.

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Warum sind vor allem Kinder betroffen?

Das liegt vermutlich daran, dass der Tumor aus Vorläuferzellen des Nervensystems entsteht. Diese Vorläuferzellen, wie der Name schon sagt, reifen mit der Zeit aus oder sie verschwinden im Laufe der Entwicklung des Körpers. Deshalb wird die Wahrscheinlichkeit eines Neuroblastoms mit zunehmendem Alter geringer. Andererseits treten viele bei Erwachsenen häufige Krebsarten, wie Prostata- oder Lungen-Krebs, bei Kindern nicht auf.

Was macht den Tumor für die Forschung so bemerkenswert?

Das Neuroblastom ist spannend, weil es zwei ganz unterschiedliche Verlaufsformen haben kann. Etwa die Hälfte der Fälle sind Hochrisiko-Tumoren, die sehr aggressiv wachsen und intensiv behandelt werden müssen.

Die andere Hälfte sind „günstige“ Neuroblastome. Sie weisen häufig eine sogenannte spontane Regression auf. Das heißt, der Tumor bildet sich von selbst zurück, verschwindet oft komplett und kommt auch nicht wieder. Manche Neuroblastome bilden sich auch nur gering zurück oder bleiben stabil, werden aber trotzdem von einem malignen, also bösartigen Tumor, zu einem benignen, gutartigen Tumor. Dies kann man an einer Ausreifung der Tumorzellen erkennen. Auch in solchen Fällen ist die Langzeitprognose hervorragend, da man mit einem solchen Tumor meist gut leben kann.

Wie kann man die aggressiven Verlaufsformen behandeln?

Die Kinder mit aggressiven Neuroblastomen müssen intensiv und relativ lange behandelt werden. Sie bekommen über etwa sechs Monate eine intensive Chemotherapie, gefolgt von einer Hochdosis-Chemotherapie mit Stammzellentransplantation, Bestrahlung und Immuntherapie. Das ist sehr hart und belastend für die Patienten. Trotzdem liegt die Überlebenschance von Kindern mit Hochrisiko-Neuroblastom nur bei 40 bis 50 Prozent, das ist bei Kindern ein unbefriedigendes Ergebnis. Denn insgesamt können etwa 80 Prozent aller Krebserkrankungen bei Kindern geheilt werden. Daran sieht man, dass es beim Neuroblastom einen hohen Bedarf gibt, etwas zu verbessern.

Was haben Sie darüber bereits herausgefunden?

Wir wollen herausfinden, was die günstigen Tumoren in die Regression treibt. Wenn wir diese Vorgänge verstehen, können wir vielleicht auch herausfinden, wie sich aggressive Neuroblastome aufhalten lassen. Wir haben beobachtet, dass die aggressiven Neuroblastome immer sogenannte Telomer-Erhaltungsmechanismen aufweisen, die eine unbegrenzte Zellteilung ermöglichen. Die günstigen Neuroblastome dagegen weisen diese Mechanismen nie auf. Bei den Telomeren handelt es sich um die Endstücke der Chromosomen, die das Erbgut speichern. Sie schützen das Erbgut vor Veränderung. Bei der Vermehrung normaler Zellen werden die Telomere aber mit jeder Zellteilung immer kürzer, weil das letzte Stückchen nie ganz rekonstruiert werden kann. Das geschieht so lange, bis eine bestimmte Schwelle erreicht ist, bei der die Zelle sich nicht mehr teilen kann oder abstirbt. Dieser Vorgang spielt zum Beispiel auch bei der Alterung des Menschen eine wichtige Rolle. Krebszellen – und eben auch aggressive Neuroblastome – reaktivieren Telomer-Erhaltungsmechanismen und können sich daher ewig weiter vermehren. Diese unbegrenzte Fähigkeit zum Wachstum ist einer der Gründe, warum Krebs so gefährlich ist.

Und was kann man dagegen tun?

Wenn man in Laborexperimenten Telomer-Erhaltungsmechanismen in aggressiven Neuroblastomen ausschaltet, bilden sie sich zurück oder entwickeln sich zu gutartigen Tumoren. Allerdings gibt es noch keine bei Patienten anwendbare Therapie-Strategie, mit der wir die Telomer-Erhaltung unterdrücken können. Es gibt leider noch kein Medikament, das diese Mechanismen so effektiv hemmt, dass die Tumoren nicht mehr wachsen.

Ich bin aber zuversichtlich, dass es sich lohnt, diesem Phänomen weiter nachzugehen. Denn das Prinzip der Telomer-Erhaltung und der Idee, diesen Mechanismus zu hemmen und so die Zellteilung aufzuhalten, trifft ja nicht nur auf Neuroblastome zu, sondern auf alle bösartigen Tumoren. Wenn man also effektive Medikamente gegen dieses Prinzip entwickelt, hätten wir etwas in der Hand, das im besten Fall auf sehr viele Krebsarten angewandt werden könnte. Und das wäre natürlich hervorragend.

Was macht Sie so zuversichtlich?

Die onkologische Forschung entwickelt sich immer schneller und besser. Wir haben heute viel bessere Möglichkeiten als vor zehn Jahren und diese Entwicklung wird sich fortsetzen. Um das Jahr 2000 herum gab es einen großen Durchbruch bei der Behandlung einer bestimmten Leukämie-Art, der chronisch-myeloischen Leukämie (CML). Man hatte es geschafft, einen bestimmten Hemmstoff, zu entwickeln, der spezifisch den Mechanismus blockiert, der die Vermehrung der Leukämiezellen antreibt. Dieses Medikament hat die Therapie der CML komplett revolutioniert und die Verlaufs- und Heilungschancen der Erkrankten massiv verbessert.

Für die onkologische Forschung war dieser Fortschritt eine große Motivation und hat zur Entwicklung zahlreicher ähnlicher Medikamente geführt, die im Sinne einer personalisierten Therapie bei verschiedenen Krebserkrankungen eingesetzt werden. Heute gibt es also schon zahlreiche spezifische Hemmstoffe, die verwendet werden, um Krebswachstum aufzuhalten. Daher bin ich sicher, dass wir auch in der Kinderonkologie mit der Erforschung der Krankheitsmechanismen langfristig die Behandlung krebskranker Kinder verbessern können.

Sie sind Leiter der Experimentellen Kinderonkologie der Uniklinik Köln. Was umfasst dieses Feld alles?

Die Experimentelle Kinderonkologie ist eine Abteilung, die sich primär der Krebsforschung bei Kindern widmet. Das ist allerdings ein weites Feld. Der eine Teil ist die klinische Forschung. Da gehören beispielsweise Patientenstudien dazu, in denen neue Therapien und Medikamente getestet werden, bevor sie offiziell zugelassen werden. Das bieten wir hier in Köln auch an.

Und der weitere Teil?

Dann gibt es noch die Grundlagen- und translationale Forschung, die sich mit den biologischen Prozessen von Krebserkrankungen und deren Nutzung für den Patienten beschäftigen. In diesen Bereichen forschen wir eben speziell am Neuroblastom. 

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