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Lebenshunger im HungerlebenNeue Ausstellung lädt ein zur Zeitreise ins Nachkriegsköln

Das Historische Archiv der Stadt will mit einer neuen Ausstellung das Alltagsleben in Köln in den Jahren 1946/47 nachvollziehen.

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Köln in Trümmern: In das Bild aus der zeitgeschichtlichen Sammlung des Historischen Archivs wurde für die Ausstellung „Hungerleben, Lebenshunger“ im Vordergrund die erfundene Kölnerin „Käthe“ mit ihren Kindern montiert

Köln in Trümmern: In das Bild aus der zeitgeschichtlichen Sammlung des Historischen Archivs wurde für die Ausstellung „Hungerleben, Lebenshunger“ im Vordergrund die erfundene Kölnerin „Käthe“ mit ihren Kindern montiert

Hunger, Kälte und Verlust begleiten uns beinahe jeden Tag, erinnert sich Käthe Müller. Der Alltag bestehe oft aus Warten: „Warten auf Lebensmittel, Warten auf Nachrichten, Warten darauf, dass etwas besser wird.“ Die 35-Jährige lebt mit ihren beiden Kindern in einer engen, stickigen Behelfsunterkunft. Ein Kind ist bei einem Bombenangriff gestorben, ihr Mann ist im Krieg gefallen und ihr Bruder wird vermisst. Käthe ist die Hauptperson bei einem „Experiment der Geschichtsvermittlung“.

Das sagt Archiv-Direktor Ulrich Fischer über die neue Ausstellung im Historischen Archiv der Stadt. Käthe Müller ist eine fiktive Person, ihre Biografie wurde mithilfe von künstlicher Intelligenz erfunden. Der Ort zur Sammlung von Dokumenten, dessen Aufgabe es ist, Authentisches zu bewahren und zugänglich zu machen, hat für sein neues Projekt eine sicher nicht unumstrittene Methode gewählt. Käthe berichtet von ihrem Leben im zerbombten Nachkriegsköln. Aber sie hat dort nie gelebt.

„Was ist authentisch, was ist gemacht?“

„Damit sind wir mittendrin in der aktuellen Debatte“, sagte Fischer in seiner Rede zur Ausstellungseröffnung. „Was ist authentisch, was ist gemacht?“ Schon die Ankündigung der Präsentation habe Diskussionen im Internet ausgelöst. Es gab Lob wie Kritik noch bevor die Ausstellung eröffnet wurde. Nun kann man sie anschauen, um zu sehen, wie ein Archiv Geschichte lebendig macht. Das Experiment ist gelungen. „Hungerleben, Lebenshunger – Köln 1946/47“ bietet eine spannende Zeitreise in die wenig erforschte Phase zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Gründung der Bundesrepublik.

Für die Besucherinnen und Besucher im Archiv am Eifelwall ist von Anfang an klar, dass Käthe ein Avatar ist. Wenn sie mit ihren Kindern in großformatige, historische Fotos montiert wird, ist das immer eindeutig zu erkennen. Die Ausstellungsmacherinnen hätten von realen Personen und Schicksalen berichten können. Aber dann wären immer nur kleine Ausschnitte aus Lebensläufen präsentiert worden. Vollständige Biografien mit Beschreibungen von Gefühlen, Sorgen und Eindrücken einfacher Kölnerinnen und Kölner gibt es nicht. So wurden Informationen, Erinnerungen und Zeitzeugenberichte aus verschiedensten Quellen zusammengetragen, damit Käthe erzählen kann.

Mit dem eigenen Smartphone oder einem Audiogerät, das man im Archiv ausleihen kann, folgt man ihr durch die Trümmerstadt. Die Erzählung wird ergänzt durch Hintergründe und historische Fakten sowie zahlreiche gut ausgewählte Ausstellungsstücke. Mit dem Zeigen von Fotos und Gegenständen allein wäre es schwieriger gewesen, einen aus heutiger Sicht kaum vorstellbaren Alltag im zerstörten Köln erlebbar zu machen. „Bilder können nicht alles zeigen“, sagt eine der Ausstellungsmacherinnen, Felicitas Jobs. Es fehlen die subjektiven Gefühle.

Trapezkünstler über dem Heumarkt in der Trümmerstadt 1946

Der Titel der Ausstellung ist gut gewählt: Man erfährt von unvorstellbarer Not, einem furchtbaren „Hungerleben“. Aber in diesem Elend ist eben auch an vielen Orten immer wieder „Lebenshunger“ zu spüren. Trapezkünstler balancieren über den zerstörten Heumarkt, an der Straße „Auf dem Berlich“ eröffnet eine Parfümerie und Theater nehmen den Spielbetrieb wieder auf. Die Archivmitarbeiter haben Käthe eine Stelle als Sekretärin an der Universität verschafft.

Inmitten der Trümmer Orte, an denen weitergedacht wird

„Viele wundern sich darüber, dass man zwischen Trümmern und Hunger an Vorlesungen denkt“, hört man sie sagen. „Aber vielleicht braucht eine Stadt gerade dann Orte, an denen weitergedacht wird.“ Die Kraft zum Überleben verschaffen die „kleinen Augenblicke, die daran erinnern, dass noch nicht alles verloren ist“. Das könne ein Kinderlachen zwischen den Ruinen sein, ein Stück Brot oder ein bisschen Musik in den Trümmern.

Leben in einer engen, stickigen Behelfsunterkunft nach dem Zweiten Weltkrieg: Für die Ausstellung „Hungerleben, Lebenshunger“ wurden die erfundene „Käthe“ und ihr Sohn in das historische Bild montiert.

Leben in einer engen, stickigen Behelfsunterkunft nach dem Zweiten Weltkrieg: Für die Ausstellung „Hungerleben, Lebenshunger“ wurden die erfundene „Käthe“ und ihr Sohn in das historische Bild montiert.

Wenn man aus heutiger Sicht auf die Nachkriegszeit schaut, ist kaum vorstellbar, wie eine Gesellschaft nach der NS-Diktatur zusammengefunden hat: Verfolgte trafen auf Täter, Regimegegner auf Mitläufer, zurückkehrende Soldaten auf ehemalige Exilanten. Damit es weitergehen konnte, gab es eine stille Übereinkunft: Keiner schaute zurück, alle nur nach vorn. Nach den Ursachen für Diktatur, Krieg und Massenmord hat damals kaum einer fragen wollen – ein Dilemma für Historiker, die heute eine Ausstellung über diese Zeit machen.

Wie viel vom Verdrängten muss man darstellen, wenn das Verdrängte zur Lebenswelt der Zeit gehört? Die Ausstellung verschweigt nichts. Aber auf eine ausführliche Darstellung der Vorgeschichte des Bombenkrieges muss sie verzichten. „Unsere Fläche ist zu klein, um alle Details auszuerzählen“, sagt Kurator Max Plassmann. Die Ausstellung soll eine Anregung sein, selbst weiter zu forschen.


„Hungerleben, Lebenshunger – Köln 1946/47“ ist bis zum 21. März 2027 zu sehen. Der Eintritt ist frei. Die Ausstellung im Historischen Archiv der Stadt Köln am Eifelwall 5 ist Dienstag und Donnerstag bis Sonntag von 9 bis 16.30 Uhr sowie Mittwoch von 9 bis 19 Uhr geöffnet. Es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm mit Vorträgen, Lesungen und Filmvorführungen. Informationen dazu findet man online.