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Lärmschutztunnel A1Die totale Überwachung

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Innerhalb einer Minute öffnen sich automatisch und gleichzeitig 1504 Brandschutzklappen im Glasdach des Lärmschutztunnels in Lövenich.

Lövenich – Wolfgang Schmidt steht auf dem Glasdach des Lärmschutztunnels über der Autobahn 1 in Lövenich und springt mit Elan und beiden Füssen auf eine der Scheiben. „Da passiert nichts, die halten was aus“, sagt der Ingenieur des Generalunternehmers Bilfinger Construction, der den Bau des Dachs koordiniert und gute 80 Kilogramm wiegen dürfte. 20000 von den dicken Spezialscheiben haben seine Leute in den vergangenen Monaten eingesetzt. Von Hand. Nachdem das Dach nun geschlossen ist, wird in diesen Nächten bei vollgesperrter Autobahn die Sicherheitstechnik der 1,5 Kilometer langen Röhre getestet. Das hochmoderne Kontrollsystem registriert fast alles: Temperaturschwankungen, Falschfahrer, Verkehrsdichte, Lichtverhältnisse – und meldet in Sekundenbruchteilen, wenn etwas nicht stimmt.

Die Zahl 30000 ist die immer wiederkehrende Größe des Tunnels. Das Glasdach hat eine Fläche von 30000 Quadratmetern, ebenso der Asphalt von Fahrspuren und Zufahrten. Beim Bau wurden 30000 Kubikmeter Erde bewegt. Gerald Seilerbeck interessieren vor allem die 30000 Sensoren und Aktoren, die jede Bewegung und jede Veränderung in dem Tunnel registrieren und wenn nötig ein Notfallprogramm anstoßen. Der Österreicher ist für alles verantwortlich, „wo Strom durchfließt“, sagt er, also die Betriebstechnik. Auf der gesamten Länge der voneinander getrennten Tunnelröhren für jede Fahrtrichtung hängen Temperaturmesskabel unter dem Dach. Schwankungen, etwa durch einen Brand, verorten sie zentimetergenau. Auffälligkeiten werden sofort an die Tunnelleitzentrale von Straßen NRW in Duisburg gemeldet, wo die knapp 50 Autobahn-, Bundes- und Landesstraßentunnel im Bundesland überwacht werden.

Lichtintensität wird permanent kontrolliert

„Allein dieser Tunnel liefert der Zentrale mehr Daten als alle anderen zusammen“, sagt Seilerbeck. Neben den Temperaturfühlern messen Windsensoren die Luftbewegung, was wiederum Auswirkung hat auf die zwölf Tonnen schweren Strahlenventilatoren unter dem Glasdach, die kontrolliert Schadstoffe aus dem Tunnel blasen. Auch die Lichtintensität wird permanent kontrolliert und darauf die Beleuchtung abgestimmt. „Nachts zum Beispiel dürfen die Lampen nicht zu hell sein, damit die Augen der Autofahrer sich schnell an die Beleuchtung gewöhnen, wenn sie von der dunklen Autobahn kommen“, erläutert Seilerbeck, dessen Fachwissen bislang vor allem in Alpentunneln gefragt war. Kaum etwas entgeht der Leitstelle. Sobald jemand auch nur einen Feuerlöscher aus einer der 13 Notrufnischen nimmt, wird dies gemeldet.

Die totale Überwachung komplettieren 97 Kameras, die sogar jeden Winkel der Notausgänge, die alle 150 Meter zu finden sind, und der 13 Notrufnischen im Blick haben. Zum Sicherheitstest gehört auch ein Soundcheck. Ohrenbetäubende futuristische Prüftöne dröhnen aus mächtigen Lautsprecher-Hörnern, über die bei Notfällen Ansagen an die Autofahrer gemacht werden. „Das müssen die Leute auch hören, wenn das Autoradio läuft“, sagt Seilerbeck. Je 1,2 Tonnen schwere Stahlschranken an den Einfahrten sorgen dafür, dass der Tunnel verriegelt werden kann. Sie sind so massiv, dass ein Pkw sie nicht durchbrechen könnte.

Auch das Glasdach ist nicht einfach ein lichtdurchlässiger Deckel. 1504 Brandschutzklappen öffnen sich im Notfall gleichzeitig innerhalb einer Minute. Ansonsten sind sie geschlossen. „Lärmschutz“, sagt Ingenieur Schmidt. Krach und Schadstoffe filtern 188 sogenannte Schalldämmlüfter in der Decke, die speziell für die Lövenicher Röhre entwickelt wurden und von denen jede „so viel kostet wie ein Kleinwagen“, weiß Schmidt, „das macht den Tunnel auch so teuer“. 200 Millionen Euro verschlingt das Vorhaben, das 2000 bis 3000 Anwohner ruhiger schlafen lässt. Wegen der hohen Kosten ist das Projekt umstritten. „Die Dachkonstruktion ist europaweit einzigartig“, schwärmt Schmidt dennoch. Sein alpenländischer Kollege sekundiert. „Es macht einen etwas stolz, bei so einem Pilotprojekt mitzumachen“, sagt Seilerbeck.