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Ex-FC-Kickerin Tuğba Tekkal„Sülz ist nicht das hippste Viertel, aber eines, in dem ich gerne wohne“

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Eine Frau steht vor einem Fußballtor auf einem Bolzplatz.

Früher war Tekkal Teil der Frauenmannschaft des FC, heute ist sie dem Verein noch immer verbunden. Hier steht sie auf dem kleinen Bolzplatz an der Münstereifeler Straße.

Viel Grün, ruhige Straßen, kurze Wege: Was die Ex-Profifußballerin an ihrem Veedel liebt – und wofür sie es verlassen muss. Ein Spaziergang.

42 Prozent Grünflächen, Altbauten, ruhige Straßen: Sülz ist alles andere als laut. Wer hier keinen Kinderwagen schiebt oder schwanger ist, könnte sich fast fremd fühlen. Tuğba Tekkal ist Fan des Veedels. „Sülz hat für mich etwas Beruhigendes. Ich mag die Mischung aus kleinen Cafés, viel Grün – und dass alles zu Fuß erreichbar ist. Nicht das hippste Viertel, aber eines, in dem ich gerne wohne“, sagt die ehemalige Profifußballerin des 1. FC Köln und „Fast-Mitglied“ im FC-Vorstand.

2009 aus Norddeutschland nach Köln gezogen

Gelassen steht sie am Rand des Auerbachplatzes, dem Herzstück des Veedels – mit großem Spielplatz, kleinen Cafés und dem Wochenmarkt. „Ich koche gerne, kaufe auf dem Markt Kartoffeln, Eier, Buschbohnen. Und im Sommer, bei schönem Wetter, sitze ich mit Freunden auf Campingstühlen und mit einer Flasche Wein hier auf dem Platz – und schaue dem Treiben zu.“

Eine Frau sitzt in einem Café und trinkt Cappuccino.

Tuğba Tekkal sitzt in einem der vielen Cafés in Sülz und trinkt Cappuccino

Als sie 2009 ein Angebot vom 1. FC Köln bekam, in der 1. Frauenmannschaft zu spielen, zog die damals 24-Jährige aus Norddeutschland nach Köln. Zunächst wohnte sie am Friesenwall, später in Nippes und Ehrenfeld. „Ich habe mich damals mit keinem dieser Stadtteile wirklich identifiziert – dort habe ich nur übernachtet. Mein Zuhause war das Geißbockheim. Ich habe von morgens bis abends trainiert, das war mein Veedel.“

111 Mal für den 1. FC Köln aufgelaufen

Diese aktiven Zeiten sind längst vorbei. Tuğba Tekkal zieht es dennoch täglich zum Geißbockheim, zu ihrem FC, für den sie 111 Mal aufgelaufen ist. Sie spaziert dann vom Auerbachplatz stadtauswärts, quert den Sülzgürtel in Richtung Beethovenpark und geht weiter am Decksteiner Weiher vorbei bis zum Geißbockheim. „Je nachdem, wen ich treffe, dauert der Ausflug zwischen einer und zwei Stunden. Manchmal sehe ich Freundinnen, wir trinken einen Espresso, manchmal setze ich mich nur auf eine Bank und beobachte die Menschen – und dann gehe ich wieder zurück.“

Junge Fußballerinnen auf einem Fußballplatz

Tekkal mit jungen Fußballerinnen

Die heute 41-Jährige wurde in Hannover geboren und wuchs in einer kurdisch-jesidischen Großfamilie mit zehn Geschwistern auf. „Ich bin in einer Zeit groß geworden, als in Solingen Häuser brannten und Rassismus allgegenwärtig war. Mir wurde vermittelt, dass ich nie richtig dazugehören werde – egal, wie sehr ich mich anstrenge.“ Sätze, die lange in ihr nachwirkten. Halt und Selbstbewusstsein fand sie schließlich beim Fußball.

Tekkals Vorstandskandidatur war nicht erfolgreich

Im vergangenen Jahr kandidierte sie als Vorstandsmitglied des 1. FC Köln. Aber ihre Bewerbung im Team mit Carsten Wettich und Wilke Stroman fand keine Mehrheit. „Es wäre der Hammer gewesen, nach 77 Jahren Vereinsgeschichte als erste Frau dort in den Vorstand einzuziehen. Ich wollte dem Club etwas zurückgeben.“ Sie sei die einzige Frau neben acht männlichen Kandidaten gewesen – „selbst die Moderatoren in den Wahlarenen waren Männer“, sagt sie und lacht.

Eine junge Frau im FC-Trikot

Tuğba Tekkal im FC-Trikot

Im Laufe des Bewerbungsverfahrens hat sie viel Zuspruch bekommen – aber auch die andere Seite erlebt: Sexismus und Rassismus. Kommentare wie „Wir brauchen keine Sch… Türkin“, „Dann tragen bald alle Kopftuch“ oder „Hau ab in die Türkei“ gehörten noch zu den harmloseren. Als Verliererin sieht sie sich trotzdem nicht, und an ihrer Liebe zum Club ändert die gescheiterte Bewerbung auch nichts.

„Der FC ist meine Heimat, hier habe ich viel gelernt“

Ihren Mitgliedsausweis mit der Nummer 105519 hält sie in Ehren, darüber hinaus hat sie eine Sammlung von Geißböcken – aus Plüsch oder Gips, bunt oder in Gold, FC-Trikots sowie Picknickdecke und Badelatschen in den Vereinsfarben. „Der FC ist meine Heimat, hier habe ich viel gelernt – und vielleicht auch anderen jungen Frauen Mut gemacht.“

Mädchen und jungen Frauen Mut machen – das ist heute ihre Mission. Vor zehn Jahren gründete Tuğba Tekkal das Projekt „Scoring Girls“, in dem Mädchen unabhängig von ihrer Nationalität, sozioökonomischen Herkunft oder Glaubensrichtung durch den Fußball und pädagogische Angebote gestärkt werden. Die ersten Teilnehmerinnen kamen aus der Flüchtlingsunterkunft in der Nikolausstraße in Sülz.

„Ich habe sie damals einfach eingeladen, mit mir zu kicken. Wir trafen uns hier auf dem kleinen Bolzplatz an der Münstereifeler Straße“, erzählt sie und stellt sich ins Tor.  „In den letzten Jahren habe ich viele kleine Tuğbas kennengelernt. Ich habe mich in ihren Geschichten wiedergefunden und sie sich in meiner.“

Büro der „Scoring Girls“ an der Berrenrather Straße

Erschreckend sei, dass viele Probleme noch immer dieselben sind. „Aber ich habe mir geschworen: Diese Mädchen sollen nicht das durchmachen, was ich erlebt habe. Ich will ihnen Steine aus dem Weg räumen und Chancen eröffnen, die ich mir selbst hart erkämpfen musste. Dieses Land ist ein Land der Chancen – davon bin ich überzeugt.“

Weil die ersten Kick-Treffen auf dem Bolzplatz in Sülz stattfanden, befindet sich auch das Kölner Büro der „Scoring Girls“ bis heute in der Berrenrather Straße – obwohl die Flüchtlingsunterkunft in Sülz längst geschlossen ist.

„Scoring Girls ist nicht nur Fußball – das ist ein Türöffner“, erklärt die Ex -Profispielerin. „Es geht um Teilhabe, Nachhilfe, schulische und bürokratische Unterstützung. Allein in Köln erreichen wir in den Stadtteilen Chorweiler, Gremberghoven, Junkersdorf und Mülheim ungefähr 200 Mädchen und ihre Familien. Die Eltern muss manmitnehmen, sonst funktioniert das ganze System nicht.“

Bücher kaufen, essen gehen, Kölsch trinken

Tuğba Tekkal wohnt seit zehn Jahren in Sülz – und bereut keinen einzigen Tag. Sie fühlt sich wohl hier. Zwischen Sülzburg- und Berrenrather Straße bekomme man fast alles: In der kleinen Buchhandlung werde man bestens beraten, man könne italienisch oder asiatisch essen, im Unkelbach Kölsch trinken oder aus dem Café Paus die besten To-Go-Getränke für Spaziergänge Richtung Geißbockheim mitnehmen.

„Manchmal habe ich aber abends Lust auf einen Martini oder Amaretto Sour – dann gibt es im Veedel leider nichts Passendes. Dann hilft nur noch der 24-Stunden-Kiosk an der Zülpicher Straße, da gibt es alles. Wenn ein Artikel über Scorling Girls oder unsere Arbeit in der Zeitung erscheint, dann drehe ich in diesem Kiosk meine Instagram-Videos.“

„Ich bin viel rumgekommen, aber von der Mentalität her steht Köln für mich an erster Stelle. Ich bin offen, trage mein Herz auf der Zunge, knüpfe gerne neue Kontakte – diese Herzlichkeit kenne ich von zu Hause. Die Kölner sind wie wir Kurden: direkt, herzlich und echt.“

Und noch etwas liebt sie an Köln: „Karneval! Da bin ich nicht zu bremsen. Es wäre großartig, wenn es einmal einen Wagen im Rosenmontagszug gäbe, auf dem alle FC-Spielerinnen – die alten und die neuen – gemeinsam mit den Jecken und FC-Fans feiern könnten“, sagt die Sportlerin.


Tugba Tekkal empfiehlt den Buchladen in der Sülzburgstraße 27, den Thailänder Chang Thai an der Berrenrather Straße 196 und den 24- Stunden-Kiosk an der Zülpicher Straße 298.