Vor 20 Jahren begann der Bau von Kölns erstem weitgehend autofreien Quartier. Bis heute sind die Wohnungen begehrt und das Siedlungsleben aktiv.
„Hier spielen die Kinder noch auf der Straße“Autofreie Siedlung in Nippes feiert 20-jähriges Bestehen

Ab hier autofrei: Der nordöstliche Eingang zur Siedlung unweit der Kreuzung Am Alten Stellwerk/Kempener Straße/Simon-Meister-Straße.
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„Hier spielen die Kinder noch auf der Straße, ganz so wie früher“, schwärmt Hans-Georg Kleinmann, Vorstand des Siedlungsvereins „Nachbarn 60“. „Und nach wie vor ist unser Quartier von bundesweitem Interesse – sowie gelegentlich sogar weltweit, wenn internationale Fachleute die Siedlung besuchen.“ Neben Stadtplanern und Umweltverbänden aus ganz Deutschland besuchten im Laufe der Jahre auch Delegationen aus Finnland, Japan und Südamerika die rund vier Hektar große Siedlung auf einem Teil des früheren Geländes des Eisenbahn-Ausbesserungswerks im Nippeser Westen, auf der heute in 440 Wohneinheiten rund 1500 Menschen leben.
Anfang 2006 starteten Bauarbeiten zur neuen Siedlung
Die erste autofreie Siedlung Kölns, zugleich eine der ersten Deutschlands, feiert im laufenden Jahr ein Jubiläum: Anfang 2006 starteten, nach der Grundsteinlegung Ende des Jahres zuvor, die Bauarbeiten zur Siedlung. Noch im Auftaktjahr wurden rund 100 Wohneinheiten fertig: die ersten Menschen zogen ein. Die letzten vier Mehrfamilienhäuser mit insgesamt 64 Wohnungen wurden 2013 bezogen, womit das Projekt vollendet war. Im laufenden Jahr wird das 20-jährige Bestehen Thema sein, unter anderem dem traditionellen Sommerfest in der autofreien Siedlung.
Wenn es um die Siedlung sowie um deren Geschichte geht, dürfte sich wohl kaum jemand so gut auskennen wie Kleinmann: Der heute 72-Jährige ist von Anfang an Vorstandsmitglied bei „Nachbarn 60“, noch zuvor engagierte er sich beim Arbeitskreis Autofreie Siedlung Köln, der sich seit 1994 für den Bau einer Siedlung dieser Art in der Stadt einsetzte, deren genauer Standort zunächst offen war. Aus diesem Verein ging ab 2007, mit dem fortschreitenden Bezug der Wohnungen und der Entwicklung eines Veedelslebens, „Nachbarn 60“ hervor.
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Im Juli 2008 war die Autofreie Siedlung noch im Bau, ganze Baufelder waren noch leer, links vom Kreisverkehr ist das St. Vincenz-Krankenhaus zu sehen.
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Der Verein organisiert Feste und Feiern, entwickelt Konzepte rund um Mobilität und Versorgung und betreibt die „Mobilitätsstation“, wo sich etwa Lastenräder, Transportkarren, aber auch Bierbänke und Partygeschirr, Kettcars oder Tischtennisplatten ausleihen lassen. Mittlerweile tragen zehn Arbeitsgruppen des Vereins, von Gärtnern über Nachbarschaftskaffee bis zu Klimaschutz und dem lebendigen Adventskalender, zum sozialen Leben bei.
Nach wie vor eine der größten autofreien Siedlungen Deutschlands
Der Rat hatte 1998, genau 20 Jahre nach Ende des Werkstattbetriebs der Bundesbahn, den Bau der Siedlung auf dem Areal beschlossen; ein Teil davon als autofreies Gebiet. Die Straße „Am Ausbesserungswerk“ am Nordrand des Kantinenparks und der Straßenast von „Am Alten Stellwerk“, der vom Wendehammer der Lokomotivstraße zur Kreuzung Kempener Straße / Simon-Meister-Straße führt, markieren die ungefähre Grenze des autofreien zum nicht-autofreien Teil der Neubausiedlung.
Das Quartier gehört noch heute zu den großen autofreien Siedlungen Deutschlands. Ab wann genau eine Siedlung als „autofrei“ gilt, ist jedoch nicht einheitlich geregelt und ein Vergleich solcher Wohnquartiere deshalb schwierig. Der kategorische und per Satzung festgeschriebene Verzicht aufs eigene Auto ist sehr selten und ist eher bei sehr kleinen Wohnsiedlungen oder einzelnen Wohnanlagen anzutreffen. Häufiger ist eine Planung, die ohne motorisierten Individualverkehr innerhalb der Siedlung auskommt, und Autostellplätze zumindest stark limitiert; diese liegen in Parkhäusern oder -garagen am Rand des Quartiers. Das größte Projekt dieser Art in Deutschland dürfte die Vauban-Siedlung in Freiburg mit rund 2600 Wohneinheiten sein. Weitere ähnliche autofrei oder autoarm geplante Orte gibt es in Tübingen, Esslingen, Hamburg-Barmbek, Berlin-Kreuzberg, Bremen und Münster.
Auch in Nippes gibt es die Möglichkeit, ein Auto zu besitzen – auch wenn dies vom Quartierskonzept her nicht unbedingt erwünscht ist, und nur eine Minderheit einen Pkw hält. Hierfür muss man jedoch einen Stellplatz in der Parkpalette am Rande der Siedlung erwerben. Bis 2013 parkten manche Bewohner der Siedlung ihr Auto heimlich in den Straßenzügen der Umgebung: Dieser Praxis machten die damals im Umkreis eingeführten Bewohner-Parkgebiete ein Ende.

Im Frühjahr 2008 stehen Kräne entlang der Kempener Straße, das Stellwerk 60, ein Teil der Autofreien Siedlung ist im Bau.
Copyright: Michael Bause
„Vor 20 Jahren dachten viele, ein Projekt, das auf Autofreiheit setzt, wäre von vornherein zum Scheitern verurteilt“, erinnert sich Kleinmann. „Heute ist die Siedlung dagegen viel mehr im Zeitgeist angekommen.“ Nach wie vor sind die Wohnungen extrem gut nachgefragt; die Kaufpreise für Wohneigentum haben sich in 20 Jahren annähernd verdreifacht – und wenn eine der Mietwohnungen, die 82 Prozent der Wohneinheiten ausmachen, frei wird, steht sie nicht lange leer. „Heute leben Menschen aus rund 40 Nationen bei uns.“
Der Verein „Nachbarn60“ bietet am Samstag, den 7. Februar 2026, um 11 Uhr eine Führung durch die autofreie Siedlung an. Treffpunkt ist die Mobilitätsstation am südlichen Eingang der Siedlung (Adresse: Kesselhausstraße 1).

