Abo

Spurensuche in Köln
Als es in Gremberghoven noch einen Folterkeller gab

Lesezeit 4 Minuten
Einst Fabrik, später Schauplatz eines dunklen Kapitels der Porzer Geschichte

Einst Fabrik, später Schauplatz eines dunklen Kapitels der Porzer Geschichte

Gremberghoven – Sie kamen mitten in der Nacht, brüllten auf der Straße und hämmerten mit den Fäusten an die Tür. Franz Heiden musste also das Schlimmste befürchten, als er am 13. Juli 1933 aus dem Fenster spähte und die SA-Männer sah. Er versuchte, mit seiner Frau vor den Schlägern über den Hof zu fliehen. Vergeblich.

Als die Verfolger das Feuer auf das Paar eröffneten, stellte es sich. Heiden wurde anschließend mit drei Dutzend anderen Porzern in die leerstehende Fabrik für elektrische Zünder an der Ecke Frankfurter Straße/Maarhäuser Weg gebracht.

In diesem umfunktionierten SA-Lager „Hochkreuz“ begannen im Juli 1933 die wohl brutalsten Verhöre, die es in Gremberghoven je gegeben hat.

Teile der Gebäude existieren noch heute

Noch heute existieren Teile der Fabrik in Gremberghoven – ein Verwaltungsgebäude, in dem Verhöre stattfanden, und weitere Lagerräume.

Witold Rus (55), der heute einen kleinen Papierhandel auf dem beschaulichen Areal besitzt, führt über den Hof, wo einst die Folterungen von Kommunisten und anderen Regime-Gegnern stattfanden.

Seine Eltern hatten das Areal 1953 gekauft und anschließend den Handel auf dem Grundstück aufgebaut. „Als Kind haben sie mir erzählt, was hier passiert ist“, sagt Rus. „Ich fand das ziemlich unheimlich.“

Den Frühling und Sommer 1933 hatten die Nationalsozialisten deutschlandweit genutzt, um mit ihren politischen Gegnern abzurechnen. Nach Hitlers Machtergreifung wurden Parteien, Gewerkschaften und andere Verbände gleichgeschaltet.

In Porz trat der Bürgermeister, der dem katholischen Zentrum angehörte, auf Druck der Nationalsozialisten zurück, die den linientreuen Hermann Oedekoven ins Amt beriefen. Die Nationalsozialisten setzten außerdem Sonderkommissare als Schaltstelle zwischen Partei und Polizei ein, die wiederum Prügelkommandos zusammenstellten, die im Juni 1933 zunächst in Bergisch Gladbach echte oder vermutete Regimegegner mundtot gemacht hatten.

Bürgermeister Oedekoven forderte sie auch für Porz an und hatte schnell eine Liste mit mindestens 45 Personen zusammengestellt, die verhaftet werden sollten.

Zeitzeugen leben nicht mehr. Was damals geschah, lässt sich aber mit Hilfe von Protokollen ermitteln, die im Landesarchiv Duisburg zu finden und nicht immer leicht zu lesen sind. Gegenüber den Briten haben die NS-Opfer nach dem Zweiten Weltkrieg ausgesagt, wie sie im SA-Lager misshandelt wurden.

Untergebracht wurden die Gefangenen in der ehemaligen Schlosserei. Im ehemaligen Pförtnerhaus wurde ein Vernehmungszimmer eingerichtet, das frei stehende Kesselhaus war für die Prügelattacken vorgesehen worden. Mit Kreide hatten SA-Leute dort „FK“ für Folterkeller an die Tür geschrieben.

Franz Heiden wurde im Kesselhaus 14 Tage lang systematisch gefoltert. „Ich wurde abwechselnd von zwei Beamten und einem SA-Mann ins Gesicht geschlagen.“

Karl Clemens und Peter Lambertz wurden während der Misshandlungen sämtliche Zähne ausgeschlagen, Urban Breitenbach mit einem Strick beinahe stranguliert, während die staatlich bestellten Schläger mit Gummischläuchen auf ihn eindroschen. Matthias Diegl starb im Januar 1934 an den Folgen der Folter.

Notdürftig verarztet, dann wieder zusammengeschlagen

Manche der Gefangenen wurden abends von Sanitätern notdürftig verarztet, um am nächsten Morgen wieder zusammengeschlagen zu werden, sagt der Historiker und frühere Porzer Archivar Gebhard Aders im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.

Währenddessen gingen die Täter schon mal über die Straße in ein nahe gelegenes Wirtshaus und rühmten sich ganz offen ihrer Taten: „Heute ist bei uns Blut geflossen.“ Aus den Gefangenen prügelten sie zahlreiche Geständnisse heraus: Von den 40 Inhaftierten wurden 21 ins Kölner Gefängnis Klingelpütz überführt.

Vier wurden wegen Hochverrat, 17 wegen krimineller Vergehen angeklagt. Franz Heiden wurde entlassen, musste sich aber zum Arbeitsdienst melden.

Noch einmal – im November 1933 – wurde die Fabrik als Lager missbraucht. Als in der Stadt Lindlar bei der Reichstagswahl 44 Prozent der Bürger gegen die Nationalsozialisten stimmten, vermutete der Kreisleiter eine Verschwörung und setzte eine Untersuchungskommission ein, zu der auch der Porzer Bürgermeister Oedekoven gehörte.

Erneut wurde eine Liste mit 21 Personen zusammengestellt, die ins SA-Lager Gremberghoven gebracht wurden, so Aders. Die Vernehmungen brachten aber nicht den gewünschten Erfolg, die Gefangenen wurden freigelassen.

Nach dem Krieg wurden die Ereignisse im Lager von der Justiz aufgerollt. Einige Wachleute erhielten Gefängnisstrafen, die Haupttäter waren aber im Krieg gefallen, galten als vermisst oder waren untergetaucht. Die Hintermänner der Hochkreuz-Aktion, darunter Bürgermeister Oedekoven, kamen ungeschoren davon.

Mein Ort