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Auf dem Traktor im RosenmontagszugAls wäre man im Stadion und der FC schösse permanent Tore

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16.02.2026, Köln: Reporter Uli Kreikebaum erlebt den Rosenmontagszug auf einem Traktor der Blauen Funken mit Fahrer Otto Schmidt  Foto: Arton Krasniqi

Reporter Uli Kreikebaum erlebt den Rosenmontagszug auf einem Traktor der Blauen Funken mit Fahrer Otto Schmidt.

Im Traktor im Rosenmontagszug mitzufahren, ist etwas seltsam, findet unser Autor: Man ist mittendrin, aber nicht so richtig dabei. 

Wenn der Traktor anfährt, schreien Menschentrauben nach Kamelle, strahlen Münder den Männern des Reservekorps der Blauen Funken entgegen, dessen Wagen wir ziehen. Wie schön Menschen doch sind, wenn sie lachen! Wenn der Schlepper zum Stillstand kommt, verstummen die Schreie, geworfen werden darf nicht mehr, sobald der Wagen steht. Otto Schmidt fährt wieder an, die Menschen lachen und schreien. „Funktioniert doch wie auf Knopfdruck“, sagt Schmidt und grinst. Fahren – Schreien – Stoppen – Stille.

Mit dem Traktor im Rosenmontagszug: Ein wenig seltsam

Mit dem Traktor im Rosenmontagszug zu fahren, ist ein wenig seltsam: Man ist mittendrin im größten Spektakel des Jahres und irgendwie nicht dabei. Mittendrin, weil man Tausende Menschen in gelöster Stimmung sieht. Das ist fast surreal, weil es so selten ist: Als wäre man im Stadion und der 1. FC Köln schösse permanent Tore.

Viele kleine Menschlichkeiten sind zu sehen, die im Supermarkt oder in der Straßenbahn doch eher selten sind: Ordner, die blauen Funken helfen, in ihren Plastiküberzug zu schlüpfen und sie so in „Funken in Aspik“ verwandeln, wie der Moderator auf einer Bühne ruft. Zugbegleiterinnen, die ständig Schokolädchen aufheben, um sie Kindern in die Beutel zu stopfen. Polizisten – aus ganz Deutschland übrigens – mit Strüßjer und Stofftier-Teufelchen im Revers, die permanent lächeln und an diesem Tag ein bisschen entschädigt werden für ihre Einsätze bei Demonstrationen von Extremisten.

Ich habe meine Mütze der Zugbegleiterin gegeben. Die ist nass und durchgefroren, das hat man gesehen
Traktorfahrer Otto Schmidt

Otto Schmidt stoppt den Schlepper nach rund eineinhalb Stunden während eines Regenschauers plötzlich, steigt aus, und kehrt wenig später ohne seine Blaue-Funken-Mütze zurück: „Die habe ich der Zugbegleiterin hinter uns gegeben“, sagt er. „Die ist nass und durchgefroren, das hat man gesehen.“ Die Zugbegleiterin wird später ein Selfie mit Schmidt am Dom machen.

16.02.2026, Köln: Reporter Uli Kreikebaum erlebt den Rosenmontagszug auf einem Traktor der Blauen Funken mit Fahrer Otto Schmidt  Foto: Arton Krasniqi

Letzte Absprachen vor dem Zug: Fahrer Otto Schmidt

Nicht richtig dabei ist man im Traktor während des Rosenmontagszugs, weil man fast nichts sieht vom Zug. Wer wie Schmidt (59), Lohnunternehmer in der Landwirtschaft aus einem Dorf bei Bernkastel an der Mosel, einen Schlepper fährt, sieht nur die Fußgruppe vor sich – und im Rückspiegel den Wagen hinter sich. Er sieht Mohsen Torkamanzah und Issa Mohadi in ihren gelben Warnwesten, die den Schlepper sichern, sieht die Zugbegleiterinnen, die den Wagen des Reservekorps begleiten, sieht die Menschen, die schreien und lachen – und das war es.

„Ich muss schon auch immer sehr konzentriert sein“, sagt Schmidt. „Es ist alles enorm eng, ständig laufen einem irgendwelche Wegelagerer vors Fahrzeug – wir können deswegen hier auch nicht die ganze Zeit plaudern.“ Die Menschenreihen kommen Traktor und Wagen immer wieder so nah, dass man sich wundert, warum nicht öfter etwas passiert. „Das ist, weil wir maximal Schrittgeschwindigkeit fahren – und jeder Traktor und Wagen von sechs Leuten begleitet wird“, sagt Schmidt. „Das ist alles sehr gut organisiert hier.“

In Köln sind die Straßen heute voller Schokolade. In meinem Heimatland Iran sind sie voller Blut
Mohsen Torkamanzah (63)

Mohsen Torkamanzah ist 63, man sieht, dass der Job für ihn auch körperlich anstrengend ist. Als ihm kurz hinter dem Neumarkt ein Lappenclown eine Bratwurst vom Grill im Brötchen in die Hand drückt, bedankt er sich glücklich. „Ich mag Karneval“, sagt er. „In Köln sind die Straßen heute voller Schokolade. In meinem Heimatland Iran sind sie voller Blut.“ Allein in seiner kleinen Heimatstadt Babol seien von den Milizen des Mullahs im Januar mehr als 200 Menschen getötet worden. „Ich habe 15 Freunde und Verwandte verloren“, sagt Torkamanzah. Sieben Jahre sei er im Iran als politischer Gefangener inhaftiert gewesen. „Aber es ist schön, dass hier alle fröhlich sein können.“

Otto Schmidt mit seinem Motorrad-Kumpel Ralf Offermann von den Blauen Funken vor dem Dom

Otto Schmidt mit seinem Motorrad-Kumpel Ralf Offermann von den Blauen Funken vor dem Dom

Otto Schmidt neigt nicht zu Gefühlsausbrüchen. Ab und an lachen und winken ihm vor allem kleine Jungs und deren Mütter zu – „weil die alle Traktor fahren wollen“, sagt Schmidt. Als der Wagen mal wieder stoppt und die Masse schweigt, ruft Schmidt seinen Freund Ralf an: Ralf Offermann, Gruppenwart der Blauen Funken im Rosenmontagszug, hat ihn im Jahr 2019 hierhergebracht. Die beiden haben sich beim Motorradfahren kennengelernt, sie sind im Ducati-Club. „Ralf ist eigentlich der einzige hier, den ich kenne. Man kann hier natürlich niemanden kennenlernen.“

„Auch Papa muss mal Pipi“

Beim nächsten Stopp eilt er wieder hinaus: „Auch Papa muss mal Pipi“, ruft er nur. Im Wagen des Reservekorps ist ein Urinal. Die Zugbegleiter werden etwas unruhig, weil Schmidt dreieinhalb Minuten wegbleibt – „war wieder abgeschlossen und es musste erst jemand kommen, der aufsperrt“, sagt Schmidt, als er zurückkehrt. Er fährt wieder an, die Menschen schreien wieder, die Lücke ist flugs geschlossen.

Stottert der Motor eigentlich, oder warum ruckelt es permanent so, als würden wir ungelenk schunkeln? „Das sind die Stollen der Reifen“, erklärt Schmidt. „Die sind groß, und wenn wir so langsam fahren, schaukelt es.“ Zum Schreiben ist das schlecht, aber es passt natürlich gut zum Tag.

Mohsen Torkamanzah und Issa Mohadi, die den Schlepper sichern, kommen aus dem Iran.

Mohsen Torkamanzah und Issa Mohadi, die den Schlepper sichern, kommen aus dem Iran.

Über den Traktor – zum Glück von Deutz, seiner bevorzugten Marke – weiß Otto Schmidt vermutlich alles. Er hat selbst einen Deutz-Schlepper von 1969 und einen geerbten, Baujahr 1953, zu Hause. Er repariert jeden Schaden selbst und könnte auch als Verkäufer der Traktoren arbeiten. Für heute nur so viel: Sein Blaue-Funken-Schlepper (Baujahr 1983) hat einen luftgefederten Sitz („angenehm für den Rücken“), eine Heizung und ein Dach über dem Kopf. „Das hatte ich im ersten Jahr nicht, und da war das Wetter noch schlechter als heute – und ich war am nächsten Tag krank.“

Ach so: Der Auspuff – eigentlich vorn – ist bei den Wagen nach hinten unten verlegt, damit die Abgase nicht den Herren auf dem Wagen um Kamelle-Dieter (Schwadorf), der von jedem Bühnenmoderator begeistert begrüßt wird, ins Gesicht wehen. „Das ist leider ungünstig für die Zugbegleiter“, sagt Schmidt. Ein bisschen Dieselabgas inhaliert man auch im Fahrerhaus bei offenen Fenstern.

„Alles in Ordnung. Gut organisiert. Wie jedes Jahr“

Daran ist Otto Schmidt gewöhnt. An die Länge des Tages dann doch eher nicht. Er ist heute um 2.30 Uhr aufgestanden, nach einem Kaffee und einem schnellen Frühstück hat er sich ins Auto gesetzt. Um 5 Uhr war er in Köln-Dellbrück, hier haben die Blauen Funken ihre Wagenhalle. In Kolonne ging es von dort zur Zugaufstellung am Karolinerring. Um 10.11 Uhr durchschritt die Gesellschaft traditionell als erste Gruppe die Severinstorburg. 640 Männer, neun Wagen, 20 Pferde, 15 bis 17 Tonnen Kamelle.

Um 14.33 Uhr, nach fast viereinhalb Stunden, hat Schmidt die sieben Kilometer lange Strecke bewältigt. Von der Gregorius-Maurus-Straße biegt er links in die Christophstraße ab, Zugbegleiter Mohsen Torkamanzah, der seinen Rucksack im Bereich der Kupplung abgelegt hat, joggt ihm verzweifelt hinterher – in Sorge, seine Sachen nie wieder zu sehen.

Als alle blauen Wagen in Reih und Glied stehen, fahren sie in Kolonne zurück in die Wagenhalle nach Dellbrück. Schmidts Traktor wird dort bis zum nächsten Rosenmontagszug unangetastet bleiben. „Zumindest sieht es so aus – saubergemacht hat ihn innen jedenfalls niemand in den letzten Jahren.“ Bei seinem Fazit bleibt Otto Schmidt ganz Stoiker: „Alles in Ordnung. Gut organisiert. Wie jedes Jahr.“ Der Beifahrer bilanziert: Mittendrin, kaum dabei, gute Laune steckt an.