In Corona-KriseWegen Angst vorm Krankenhaus werden „viele Krankheiten verschleppt“

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Halten Abstand: Christian Flügel-Bleienheuft (l.), Vorsitzender des Gesundheitsnetzwerks Köln-Süd, und Frank M. Baer, Ärztlicher Direktor des Antonius-Krankenhauses in Bayenthal

Halten Abstand: Christian Flügel-Bleienheuft (l.), Vorsitzender des Gesundheitsnetzwerks Köln-Süd, und Frank M. Baer, Ärztlicher Direktor des Antonius-Krankenhauses in Bayenthal

  • Im Kölner Süden haben sich Ärzte aller Fachrichtungen, das Antonius-Krankenhaus und das Seniorenheim Maternus zu einem Netzwerk zusammengeschlossen.
  • Doch vor allem das Maternus Seniorencentrum ist zu einem Corona-Hotspot geworden. Dort sind bislang 24 Personen gestorben.
  • Wir haben mit dem Leiter des Netzwerks, Christian Flügel-Bleienheuft, und Frank M. Baer, Ärztlicher Direktor des Antonius-Krankenhauses, über die aktuelle Situation gesprochen.

Köln – Wie viele Corona-Patienten haben Sie im Antonius Krankenhaus bislang behandelt?

Frank M. Baer: Seit Mitte März waren es insgesamt 51, 20 wurden als genesen entlassen, elf befinden sich noch in Behandlung, einer davon auf der Intensivstation. 20 Patienten sind an dem Coronavirus verstorben. Die Verstorbenen hatten ein Durchschnittsalter von 85 Jahren und kamen überwiegend aus dem Maternus-Heim in Rodenkirchen.

Im Kölner Süden besteht durch das Gesundheitsnetz Köln-Süd eine enge Zusammenarbeit zwischen Fachärzten, dem Antonius Krankenhaus und dem Seniorenheim Maternus. Wie konnte es passieren, dass das Maternus zum Corona-Hotspot wurde?

Christian Flügel-Bleienheuft: Solange ein Heim eine hohe Fluktuation von außen hat, ist das Risiko sehr groß. Das Virus kann von jedem eingeschleppt werden - Pflegern, Küchenkräften, Reinigungspersonal, Besuchern. Corona ist hoch infektiös, wenn es einmal im Haus ist, dann springt es rasch von Bett zu Bett. Da ist auch ein Netzwerk machtlos.

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Wie hat sich das Netzwerk in der Krise bewährt?

Flügel-Bleienheuft: Durch einen permanenten Austausch haben wir für eine optimale, engmaschige Versorgung jedes einzelnen Patienten gesorgt. Der Informationspfad fängt im ambulanten Bereich an, geht ins Krankenhaus, und geht im günstigsten Fall wieder zurück. Es gibt keine Brüche und Lücken in der Versorgung: Alle Beteiligten, der Hausarzt, die Heimleitung und das Krankenhaus sind auf dem gleichen Wissensstand über jeden einzelnen Patienten. Ein perfektes Management, um keine Zeit zu verlieren und Leben zu retten.

Gesundheitsnetz im Kölner Süden

Vor 13 Jahren haben sich im Kölner Süden Ärzte aller Fachrichtungen, das Antonius-Krankenhaus und das Seniorenheim Maternus zu einem Netzwerk zusammengeschlossen. Ziel ist es, die vorhandenen Ressourcen gemeinsam besser zu nutzen und intensiver und fachdisziplinübergreifend zusammenzuarbeiten. Vorsitzender des Gesundheitsnetz Köln-Süd GKS ist Dr. Christian Flügel-Bleienheuft, der eine internistische Praxis in Rodenkirchen führt. Gemeinsam mit dem Ärztlichen Direktor des Antonius Krankenhauses, Prof. Dr. Frank M. Baer erklärt er , wie sich das Netzwerk in der Corona-Krise bislang bewährt hat .

www.gks-gesundheitsnetz.de

Baer: Die Koordination mit dem Gesundheitsnetzwerk hat die Ressourcen im Hause geschont und die Arbeit im Krankenhaus enorm entlastet. Die Patienten kamen nach Voranmeldung und wurden vom Infektionsteam in der Notaufnahme versorgt. Sie wurden bereits im Heim auf Covid-19 getestet und hatten damit bereits eine Diagnose. Das war für uns ein entscheidender logistischer Vorteil, denn diese Patienten konnten direkt auf den Covid-19-Infektionsstationen gemeinsam mit anderen infizierten Patienten behandelt werden und mussten nicht bis zur Diagnosesicherung in Einzelzimmern versorgt werden. Außerdem hatten viele infizierte Patienten eine Patienten-Verfügung, in der sie ausdrücklich eine Intensivbehandlung ausgeschlossen haben. Diese meist sehr betagten Patienten wurden bei einer Verschlechterung ihrer Situation bis zu ihrem Ableben weiter palliativmedizinisch behandelt – was die hohe Sterberate erklärt. Auf der anderen Seite konnte die Intensivstation entlastet werden und Beatmungskapazitäten standen ausreichend zur Verfügung.

Sie haben vor vier Wochen die Intensivkapazitäten für potenzielle Covid-19-Patienten hochgefahren, gleichzeitig das normale OP-Programm heruntergefahren. Die befürchtete Corona-Welle ist ausgeblieben. Langweilen sich Ihre Ärzte?

Baer: Von unseren 222 Betten stehen 40 leer. Außerdem sind die Belegungszahlen im elektiven Versorgungsbereich um 50 Prozent gesunken. Wirtschaftlich ist das ein Problem, weil die vom Gesundheitsminister zugesagte finanzielle Kompensation für leerstehende Betten bei weitem nicht den Erlös, den wir mit einem belegten Bett sonst erwirtschaften, deckt. Deshalb fahren wir jetzt im elektiven Bereich den Krankenhausbetrieb unter optimalen Hygienebedingungen stufenweise hoch. Das heißt, wir operieren wie gewohnt Hüften, Knie und Schultern und führen geplante Eingriffe am Herzen und elektrophysiologische Eingriffe durch. Bis zu einer Normalisierung des Krankenhausbetriebs wird sicher noch einige Zeit vergehen denn viele Patienten sind besorgt in der aktuellen Situation ins Krankenhaus zu gehen.

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Die Patientenzahlen gehen insgesamt scheinbar zurück. Haben die Menschen Angst vor Ärzten und Krankenhäusern in Corona-Zeiten?

Flügel-Bleienheuft: Es scheint so. Die Angst, sich mit dem Coronavirus anzustecken, sitzt tief. Da kommt ein Riesenproblem auf uns zu. Sehr viele Krankheiten werden verschleppt, Angina pectoris oder kleine Schlaganfälle müssen zeitnah behandelt werden. Das Gesundheitsrisiko ist viel größer, als die konkrete Gefahr, sich mit dem Virus anzustecken. Wir tun in den Praxen alles, um für Patientensicherheit zu sorgen.

Baer: Wir sehen vermehrt Patienten mit einem verschleppten Herzinfarkt. Die Eingriffe an den Herzkranzgefäßen sind dann schwieriger durchzuführen, die Erfolgsquote bei der Öffnung der Gefäße sinkt und die Gefahr einer nachfolgenden schweren Herzschwäche steigt. Mein Appell lautet deshalb: Akute Herzbeschwerden bitte nicht zu Hause aussitzen, wählen Sie die 112. Wir haben das Antonius inzwischen komplett zweigeteilt: streng getrennte Wege für Covid-19-Patienten und elektive- und Notfallpatienten. Es gibt unterschiedliche Eingänge, die Covid-19-Patienten sind auf zwei gesonderten Infektionsstationen mit eigenem medizinischem Personal untergebracht.

Der Gesundheitsminister will mit sechs Milliarden Euro Praxen, Kliniken und Behörden mit Schutzmaterial ausrüsten. Was kommt bei Ihnen an?

Flügel-Bleienheuft: Das klingt gigantisch, aber letztendlich ist es ein super kleiner Tropfen auf einen ganz heißen Stein, der direkt verpufft ist. Meine Kollegin hat letzte Woche so eine „Minister – Überraschungsbox“ abgeholt, da waren 10 FFP2 Masken drin und 50 Einmalmasken für Patienten. Das reicht maximal für 14 Tage.

Ist die Maskenpflicht eine gute Entscheidung oder ein falsches Signal der Sicherheit?

BAER: Ich finde, dass es ein richtiges Signal ist. Die Maske im Straßenbild erinnert daran, dass etwas nicht stimmt, dass wir in einer besonderen Situation leben. Wenn alle es machen, dann ist es sinnvoll, weil wir uns gegenseitig schützen. Eine Maske entbindet aber nicht davon, alle anderen Hygieneregeln, also Abstand halten und häufiges Händewaschen, zu beachten.

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