In Köln-Zollstock sorgt die Kunstinstallation „Anatomie eines Autos“ für Aufmerksamkeit in einer Autowaschstraße. Dafür wurde ein alter Polo zerlegt.
Wenn aus einem Schrottauto Kunst wirdWaschstraße in Zollstock zeigt Autoteile-Installation

Ein Nutzer der Autowaschanlage sieht sich die Kunstinstallation „Anatomie eines Autos“ an.
Copyright: Inge Swolek
Wasser, Bürsten, Staubsauger – eine Autowaschstraße bietet wenig Raum für große Emotionen. Für viele Autofahrer ist sie ein kurzer Stopp zwischen Wocheneinkauf und Biergarten. In der großen Mr. Wash-Anlage in Köln-Zollstock könnte dieser Stopp künftig etwas länger dauern. Im Bereich der Innenreinigung hängt jetzt Kunst: mehrere großformatige Tafeln, auf denen Hunderte Autoteile zu sehen sind – für den Kunstbanausen ist es sicherlich eine Sammlung von Ersatzteilen. Doch dahinter steckt eine besondere Geschichte.
Ausgangspunkt war ein alter Polo. Sein ursprüngliches Schicksal schien besiegelt: verschrotten, zerlegen, entsorgen.
Schrottauto gegen 10.000‑Euro-Spende
„Zufällig habe ich gehört, dass WDR-Moderator Fabian Raphael, sein altes Auto, das inzwischen 400.000 km auf dem Tacho hatte, für das WDR-Weihnachtswunder 2025 gegen eine Spende angeboten hat. Es war sofort klar: Mr. Wash, ein Unternehmen mit Sitz in Essen, muss beim Spendenmarathon mitmachen“, erzählt Annette Blattner, Chefin der Werbeagentur, die seit Jahren für das Unternehmen arbeitet.
Diese Idee stieß beim Unternehmer Richard Enning auf Zustimmung. Kurz darauf machte Blattner den ungewöhnlichen Deal perfekt: Schrottauto gegen 10.000‑Euro-Spende.
Damit begann für den alten Polo ein zweites Leben. Mehrere Monate stand das Fahrzeug in Dortmund, im Atelier des Künstlers Fred Louis von Oettingen. Er zerlegte den Wagen Stück für Stück – Türen, Cockpit, Motor, Lampen, Kotflügel und zahlreiche weitere Komponenten wurden ausgebaut. Rund 300 Autoteile fanden schließlich ihren Platz auf großformatigen Platten.
Ich möchte das Innere nach außen holen. Ein Auto ist für uns ein alltäglicher Gegenstand. Mich interessiert: Wie funktioniert diese Mechanik? Was ist das für ein Teil? Warum hat es genau diese Form?
„Ich möchte das Innere nach außen holen. Ein Auto ist für uns ein alltäglicher Gegenstand. Wir setzen uns hinein, fahren los und denken normalerweise nicht darüber nach, was unter dem Armaturenbrett passiert. Mich interessiert: Wie funktioniert diese Mechanik? Was ist das für ein Teil? Warum hat es genau diese Form?“, erklärt von Oettingen.
Aus dem Auto wurde eine Kunstinstallation. Dass diese ausgerechnet bei Mr. Wash zu sehen ist, passt in die Unternehmensgeschichte. Der Firmengründer Joseph Enning brachte das Konzept der automatischen Autowaschstraße Ende der 1960er-Jahre aus den USA mit nach Deutschland und auch die Idee, dass Autowäsche Unterhaltung ist.
Autowäsche als Erlebniswelt
„Wir haben mit einer gelben Wand in einer Niederlassung in Essen begonnen, damit ein bisschen Farbe hineinkommt. Dann wurde es immer mehr: schwarz-weiß geflieste Böden, Highway- und Autobahnschilder, Elvis-Presley-Plakate, eine alte Zapfsäule“, erzählt Annette Blattner.
Wer eine Rundreise durch die mittlerweile 37 Mr. Wash-Niederlassungen unternehmen würde, könnte dabei immer wieder in verschiedene Welten eintauchen. Industriekultur in Essen, Kreuzfahrtschiff-Romantik in Hamburg, tropische Vibes in Wiesbaden oder Polarlichter in Mülheim an der Ruhr. Und jetzt also ein zerlegter alter Polo als Wandkunstwerk in Köln-Zollstock.
„Kunst beim Autowaschen braucht es nicht. Sie ändert nichts an der Qualität der Autowäsche. Es geht darum, Ambiente zu schaffen. Lichteffekte, gemütliche Sitzmöbel, kostenlosen Kaffee – all das wird vom Besucher unbewusst positiv wahrgenommen“, sagt die Werbechefin Blattner. Dass man sich dann wohler fühle, sei durch wissenschaftliche Studien erwiesen.
Ob Kunst, Kaffee und gemütliche Sessel tatsächlich entspannter machen, sei dahingestellt. Die Kunstinstallation ‚Anatomie eines Autos‘ ist auf jeden Fall ein Hingucker.
Mein Punkt
Ich mag keine Autowaschanlagen. Entspannt fühle ich mich jedenfalls nicht, wenn ich, eingeschlossen im eigenen Auto, von allen Seiten von Bürsten, Lappen und Wasserstrahlen traktiert werde. Ob ausgerechnet Kunst an den Wänden daran etwas ändern kann? Ich bezweifle es.
Eine großartige Marketingidee ist die Aktion aber allemal. Und nachhaltig ist sie obendrein: Aus einem alten Auto wird Kunst, statt einfach auf dem Schrottplatz zu landen.
Ich überlege deshalb tatsächlich schon, ob ich nicht die alte Schreibmaschine meines Großvaters gegen eine Spende abgeben sollte. Natürlich nicht für eine Waschstraße. Aber vielleicht interessiert sich ja das Gutenberg-Museum in Mainz dafür. Ein Hingucker wäre sie allemal.
