Abo

Kommentar

Satirischer Wochenrückblick
Der Fußgänger der Lüfte

Ein Kommentar von
2 min
Am Rheinufer in der Kölner Altstadt kommt es an vielen Stellen zu Konflikten zwischen Fußgängern und Radfahrern.

Am Rheinufer in der Kölner Altstadt kommt es an vielen Stellen zu Konflikten zwischen Fußgängern und Radfahrern.  

Köln versagt als Freiflächen-Lieferant – sehr zum Ärger des Fuss e.V.

Was würde Eugène Ionescos „Fußgänger der Luft“ wohl denken, könnte er an einem sonnigen Wochenende von der Promenade am Altstadtufer abheben, um die Masse Mensch aus Flaneuren, Fahrradfahrern und Flohmarktfreunden und das Chaos, das von ihnen ausgeht, von oben herab zu betrachten?

Würde der Piéton de l‘air die lang ersehnte existenzielle Leere spüren, die ihm in dem Gedränge abhanden kam? Oder die Realität infrage stellen, die einen immer dann besonders hart trifft, wenn man über den eigenen Tellerrand schaut?

Und die ist hart. Köln ist voll. Köln hat einfach keinen Platz mehr. Vor allem nicht für Touristen. Weil die einfach nicht flexibel sind und immer nur dahin wollen, wo alle hinrennen. Zum Dom, zum Rheinufer, auf die Liebesschlösserbrücke und zum Schokoladenmuseum. Maximal bis zur Bastei. Weil ihre Kreuzfahrtschiffe dort vor Anker liegen.

Das strapaziert die Gastfreundschaft dermaßen, dass sich dem Fuss e.V. die Zehennägel aufrollen. „Köln präsentiert sich als Touristenstadt, aber liefert keine Flächen, auf denen sich Touristen bewegen können“, klagt dessen Vorsitzende Anne Grose, als ob man ein paar tausend Quadratmeter Freifläche mit Tourismuscharakter wie Kartoffeln im Frühbeet säen könnte. Nach Karneval, um sie spätestens Anfang Mai zu ernten.

Alle mal absteigen – bis auf den FC

Das kann man so sehen. Man könnte es aber auch gelassener sehen, denn dieses Phänomen gibt es nicht bloß in Köln, sondern in allen europäischen Touristen-Hotspots. Und in Köln nicht bloß am Rheinufer, sondern auf der Domplatte, auf der Hohenzollernbrücke, in der Ehrenstraße, in der Altstadt, in nahezu allen Brauhäusern, auf den Rheinbrücken, auf dem S-Bahnsteig im Hauptbahnhof, in der KVB im Berufsverkehr, in der Lanxess-Arena und bei allen Heimspielen des FC.

Was also tun? Den Touristen die Flächen zuweisen, wo garantiert nix los ist und sie sich frei bewegen können? Auf der Kirmesfläche in Deutz oder der Pferderennbahn, wenn kein Renntag ist? Oder in der gesperrten Trankgasse?

Nein. Es geht um mehr Gelassenheit. Darum, dass alle bis auf den FC, auf die Empfehlung eines Rheinufer-Radfahrers hören, der „Einfach mal absteigen“ empfiehlt.

Das Rheinufer ist eine Flaniermeile. Das gilt für alle. Auch für E-Scooter, Rikscha-Fahrer, Lieferdienste und alles, was sonst noch glaubt, sich schneller als in Schrittgeschwindigkeit fortbewegen zu müssen. Das gilt auch für Läufer, zu denen ich mich zähle. Man kann auch mal ein Stückchen gehen. Aufeinander zu. Und nicht aufeinander los. Wenn es mal zu voll wird. Das nennt man dann buntes Treiben. Und wo, wenn nicht in Köln, kennt man sich damit bestens aus.