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Sommerserie
Designer-Möbel vom Kettensäge-Roboter

Köln – Architektur der Spitzenklasse markiert den Beginn unseres Spaziergangs. Der Pfeil hat gewissermaßen ins Weiße getroffen, auf die Ecke Breniger Straße/Alfterstraße in Zollstock. Strahlend helle Fassaden, Grünflächen, Kopfsteinpflaster: Wir stehen in der Siedlung Zollstock nach einem Entwurf von Wilhelm Riphahn.

Von den Bauten, die eine sachliche Eleganz verströmen, steigern wir uns auf dem Weg zum Dom und treffen unter anderem auf sympathische Ladenhüter aus Fleisch und Blut. Zum Beispiel Anne Fassbender. „Der FC spielt bei uns eine ganz große Rolle“, sagt die 19-Jährige. Fassbender macht im Betrieb von Maler Ralf Berg an der Breniger Straße eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement. Das Vereinslogo des FC ziert großflächig eine Wand im Ladenlokal. Der Chef ist unterwegs, Fassbender hält die Stellung und erzählt: Die Leidenschaft für Fußball verbinde alle Angestellten. Die Sommerpause der Bundesliga sei natürlich eine Geduldsprobe.

Ein paar Meter weiter. Die Siedlung ist eine ausgesprochene Wohngegend. Nicht mal ein Kiosk kommt uns unter die Augen, die wenigen Geschäfte befassen sich ganz, ja, mit dem Wohnen. Mission: Schöner Wohnen. „Ich habe heute gar keine Arbeitskleidung an“, sagt Teppichverleger Peter Thür. Das scheint ihm unangenehm zu sein. Normalerweise packt der 56-Jährige Inhaber auch bei Aufträgen mit an. Dass er heute im gebügelten Hemd nur Büroarbeit macht, sei eine absolute Ausnahme. Und auch nicht sein Metier. „Ich wollte nie Chef sein“, sagt er, „ich bin es aus der Not heraus.“ Bevor er seinen eigenen Betrieb gegründet hat, habe er 36 Jahre lang für die Firma Zentex gearbeitet. Bis die Firma aus Kostengründen zahlreiche Teppichhäuser schloss. „Vier Bandscheiben-OPs. Wer nimmt mich denn noch?“, sagt Thür. Er hat jetzt drei Angestellte, darunter ehemalige Zentex-Kollegen.

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Jetzt müssen wir Peter Thür dreifach überreden. Dazu, sich in gebügeltem Hemd fotografieren zu lassen. Dazu, sich fürs Foto doch mal in die Sonne zu setzen. Und da kurz sitzen zu bleiben. Thür ist ein Stehaufmännchen. Genau wie sein Nachbar aus Kindertagen. „Wir wohnten auf der Vorgebirgstraße, gleich neben Peter Müller.“ Der Boxer mit dem Spitznamen „Müllers Aap“ schrieb 1952 Sportgeschichte, weil er den Ringrichter ausknockte. „Der Peter ging gern angeln und reichte uns danach Fische durchs Fenster.“ Ein Freundschaftsdienst, um die Großfamilie Thür zu ernähren – der Teppichverleger ist das jüngste von neun Geschwistern. „Drei leben noch.“

Weiter nach Norden. Im Park an der Bornheimer Straße sitzen Antonia Kunze und Heidi Leyer. Mutter und Tochter genießen die Sonne. Noch ein bisschen Zeit bleibt, bis Kunze (85) wieder zurück in das nahe gelegene Seniorenheim muss. Das Mittagessen steht an und ein vielfältiges Beschäftigungsprogramm am Nachmittag. „Meine Mutter hat mehr zu tun als ich“, sagt Leyer (60) und lacht. „Wir haben zum Beispiel einen Chor“, sagt Kunze, „ich kenne viele alter Lieder, kann aber eigentlich gar nicht singen.“ Die Tochter widerspricht Letzterem. Kunze sagt, sie fühle sich wohl in der Einrichtung, in der sie seit einigen Monaten wohnt, „da bleibe ich bis zum Ende meines Lebens.“

Am Theophanoplatz plätschert der Fischreiterbrunnen von Georg Grasegger und Kleinkinder toben an den Spielgeräten. Auf dem Höninger Weg treffen wir zwei Studentinnen auf dem Weg zu einer Klausur. „Wir haben uns gut vorbereitet, aber es war unheimlich viel Stoff“, sagt Sonja Kühn. Und jetzt? Et kütt wie et kütt. Sagt nicht Kühn, sondern ist die Inschrift eines Hauses auf der anderen Straßenseite. Aus Stahl gestanzt und zwischen grauen Fliesen platziert überzeugt das Kölsche Grundgesetz nicht so recht. Et es wie et es.

David Calvo (23) hat gerade in den leeren Briefkasten geguckt und trotzdem gute Laune. Es ist einer von sehr vielen Briefkästen, denn Calvo wohnt auf 26 Quadratmetern in einem großen Studentenwohnheim. „Alle sind sehr freundlich und es ist sehr ruhig“ , sagt der gebürtige Kolumbianer.

Ruhig ist es bei der Firma Bächer Bergmann nicht, aber dann liefe ja auch etwa falsch. Wir haben den Höninger Weg verlassen und einen Gewerbehof am Vorgebirgsglacisweg betreten. Auf dem ehemaligen Güterbahnhof wächst ein zarter Apfelbaum in einem Beet um einen ausrangierten Prellbock. Aus einem Flachbau daneben dringen Fräsgeräusche.

Georg Bergmann trägt Flip-Flops. Der 34-Jährige gelernte Tischler nutzt die Hände mittlerweile vor allem zum Programmieren und lässt Maschinen sägen. Ein gerade angeschaffter Kuka-Roboter ist sein ganzer Stolz. „Der kommt aus der Automobilindustrie, wir haben eine Kettensäge vorne dran montiert“, sagt Bergmann. Heute fertigt er Teile für Sessel mit integrierter Stereoanlage. Wo jetzt noch Kuka sägt, könnte in einigen Jahren das geplante, gewaltige Neubauprojekt Parkstadt-Süd verwirklicht sein. „Wir wollen bleiben“, sagt Tischler Bergmann, der sich auch bei der Bürgerbeteiligung zu dem Projekt engagiert habe. Ob die Werkstatt ihren Standort aufgeben müsse, hänge ganz vom Entwurf ab. Entschieden sei noch nichts. Sein Mietvertrag laufe noch fünf Jahre. „Wir haben zwar keine Laufkundschaft, aber viele Designer die immer mal wieder vorbeikommen“, sagt Bergmann. Er lege Wert auf die zentrale Lage seines Betriebs.

Graffiti und wilde Brombeersträucher prägen die Passage unter den Bahngleisen. Aus dem Volksgarten kommt Anne Rahman. Im Kinderwagen liegt ihr neun Monate alter Sohn Henri. Gerade haben sie sich mit anderen Kindern und Eltern auf dem Spielplatz getroffen haben. „Hier ist immer was los und man kommt schnell ins Gespräch“, sagt die 28-Jährige.

Sonnenblumen blühen auf dem Eifelplatz. Autos und Räder fahren im Kreisverkehr. Wir folgen der Straße Am Duffesbach bis zum Salierring. In der Tanzschule „Tanzraum“ treffen wir die nächsten Ladenhüter dieser Geschichte. „Jemand muss ja ans Telefon gehen“, sagt Melanie Linden. Am Mittag ist noch nicht viel los in der Tanzschule, am frühen Abend beginnt ein Kurs für Jugendliche. Jetzt ist Zeit, sich mit dem Kollegen Tim Sendzik in Pose zu werfen. Zeit, von einem neuen Trend zu erzählen: „Zouk, ein Tanz von den karibischen Inseln. Die Musik ist langsam und hat auch etwas Beat. Das gefällt mir“, sagt Linden.

Weißes Hemd, die Ärmel hochgekrempelt: Auch Wolkenburg-Chef Rudolf von Borries sieht in seinem Laden nach dem Rechten. „Wir haben einige Abi-Bälle hinter uns“, sagt er. Jetzt sei eine Grundreinigung angesagt. Weiter über den Neumarkt, durch Richmodstraße und Breite Straße bis zur Minoritenkirche. In deren Schatten sitzt Cody Julius (22) mit seiner Mutter Anita und seinem jüngeren Bruder Noah. Die Familie aus Richmond (Virginia) ist zehn Tage in Deutschland, drei davon in Köln. Der Architekturstudent will Kolumba sehen. Wir gehen in Richtung Wallrafplatz und weiter zum Dom. Angekommen.

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