In der Serie „Der Moment“ schreibt der „Kölner Stadt-Anzeiger“ über entscheidende Momente im Leben von Kölnerinnen und Kölnern. Danny Beer erzählt schonungslos von seiner Alkoholsucht.
Der MomentWie der Kölner Danny Beer sich fast zu Tode soff und als Stallbursche ein neues Leben fand

Danny Beer ist trockener Alkoholiker. Auf einem Milchbauernhof in der Eifel hat er einen Neuanfang geschafft.
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Wenn Milchbauer Franz Hoffmann sich freitags abends mit Freunden aus dem Eifeldorf Winnerath zum Bier trifft, ist sein wichtigster Mitarbeiter nicht dabei: Danny Beer, der frühmorgens und abends die Kühe melkt, den Stall ausmistet, die Tiere füttert und zusammentreibt, bei Geburten hilft und beim Schlachten, zieht es dann vor, in seiner Wohnung die Füße hochzulegen, obwohl ihm Gesellschaft in dem 200-Seelen-Ort manchmal doch fehlt.
Wenn Menschen zusammenkommen, um Bier zu trinken, hält der 47-jährige Kölner lieber Abstand. „Ich könnte da auch Cola oder Wasser trinken, inzwischen habe ich damit keine Probleme mehr“, sagt er. „Aber ich muss das nicht unbedingt haben, ich mag auch den Geruch von Alkohol nicht.“

Porträt von Danny Beer vor der Kirche St. Elisabeth in Höhenberg
Copyright: Uli Kreikebaum
Mit Bier hatte es angefangen, da war er 14 und lebte in dem kleinen Ort Hassenhausen in Sachsen-Anhalt. Dorffeste, Abende mit Kumpels, Wochenenden im Nirgendwo – Bier gab es fast immer zu viel. „Und ich gehörte zu denen, die immer noch eins mehr getrunken haben.“ Nach der Schule machte Danny Beer eine Lehre zum Rohr- und Kanalbauer. „Auf Montage war ein Kasten Bier am Feierabend zu fünft oder zu sechst gar nichts, irgendwann kam der Schnaps dazu. Und noch ein bisschen später habe ich angefangen, heimlich zu trinken.“
Ich war Spiegel-Trinker. Wenn ich nachts aufgewacht bin, habe ich zwei, drei Flaschen Bier gebraucht, um danach wieder schlafen zu können
Als er gefeuert wurde, weil er mehrfach mit Fahne zur Arbeit erschienen war, eröffnete sich ein Ausweg: Seine Freundin hatte einen Job in Köln gefunden, Beer entschied sich, mitzugehen, um neu anzufangen. Er begann, als Malergehilfe zu arbeiten – „wir haben damals sehr viele Kölner Schulen gestrichen“, erinnert er sich. Doch der Alkohol holte ihn ein. Die Arbeit sei ihm irgendwann egal gewesen, er sei einfach nicht mehr hingegangen. Mit seiner Freundin habe es immer öfter Streit gegeben, weil er getrunken habe. Als sie sich trennte, zog er zu einem Saufkumpel – und versackte vollends.
Danny Beer sitzt bei Kaffee und Nussecken im Besprechungsraum von Pfarrer Franz Meurer in St. Elisabeth. Von seiner Sucht erzählt er schonungslos. Er sei „Spiegel-Trinker“ gewesen, der immer einen gewissen Alkohol-Pegel brauchte, „um zu funktionieren“, sagt er. Wenn er nachts aufwachte, zitternd im Kaltschweiß, habe er „zwei, drei Flaschen Bier getrunken und versucht, weiterzuschlafen“. Den Tag habe er mit „zwei, drei Flachmännern begonnen“. Auf einen Kasten Bier und eine halbe Flasche Schnaps sei er jeden Tag gekommen. „Das ging so weit, dass die Wohnung total verwahrlost war und ich jede Selbstachtung verloren habe. Ich habe irgendwann sogar ein Tuch vor den Spiegel gehängt, weil ich mich selbst nicht mehr sehen konnte.“
Immer öfter sei er im Vollrausch bewusstlos geworden. „Ich dachte, gut dann sterbe ich eben, es ist sowieso egal.“ Selbstmitleid sei seine größte Stärke gewesen. „Das ist bei vielen Alkis so – alle sind schuld, nur nicht man selbst.“ Er lacht.
Als er eines Tages am Tropf im Krankenhaus erwachte, mit schwerer Lungenentzündung, Lungenfellentzündung und Wasser in der Lunge, habe der Arzt ihm gesagt: „Wenn Sie so weitermachen, haben Sie maximal noch zwei oder drei Jahre.“ 38 war er da, „das Leben lag eigentlich noch vor mir, aber ich hatte die besten Jahre versoffen“.
In diesem Moment, als er dem Tod von der Schippe gesprungen war und der Arzt ihm sagte, dass er bald draufgehen würde, habe er sich entschieden, aufzuhören mit dem Trinken, sagt Danny Beer. „Bis dahin hatte ich immer nur Entgiftungen gemacht, aber nie eine Therapie.“ Jetzt ging er für ein halbes Jahr in stationäre Therapie, in der er nicht nur seine Kindheit mit alkoholsüchtigem Vater aufarbeitete und Sport trieb, sondern auch neu lernte, morgens aufzustehen, Aufgaben zu erfüllen, den Alltag zu ordnen. Nach der Therapie ging er zum Jobcenter und sagte: „Ich brauche einen Job, der mir Struktur gibt, Ein-Euro-Job, was auch immer, ich mache alles.“ Die Agentur vermittelte ihn nach Vingst/Höhenberg zur Gemeinde von Pfarrer Meurer, für die Danny Beer fortan die Grünanlagen und Beete im Veedel pflegte. Fast fünf Jahre machte er das – so zuverlässig, dass Meurer ihm half, einen festen Job zu finden.
Ein harter Job, der kein Wochenende kennt – und trotzdem gute Arbeitsbedingungen
In Winnerath hat die Kölner Gemeinde ein kleines Jugendheim, um benachteiligten Kindern und Familien kostenlose Ferien zu ermöglichen. Als der Milchbauer Franz Hoffmann einen neuen Gehilfen suchte, schlug Meurer Danny Beer vor – dessen Großeltern hatten eigene Schweine gehalten, Hassenhausen war umgeben von großen landwirtschaftlichen Betrieben – „und ich bin jemand, der ganz gern allein ist“.

Danny Beer mit Milchbauer Franz Hoffmann
Copyright: Meurer
Drei Wochen arbeitete er zur Probe, seit einem Jahr und drei Monaten schafft Beer inzwischen in Vollzeit als Stallbursche. Steht morgens um 6.15 Uhr auf, melkt 65 bis 70 Kühe, mistet den Stall aus, füttert und tränkt die Tiere, holt Holz aus dem Wald und spaltet es, melkt am frühen Abend wieder. Ein harter Job, der kein Wochenende kennt – und trotzdem gute Arbeitsbedingungen: faires Gehalt, Urlaub, Frühstück und Mittagessen kostenfrei beim Bauern, eine geräumige Wohnung.
„Ich liebe meine Arbeit, sie hat mir ein neues Leben ermöglicht“, sagt Danny Beer. Zum Glück fehle ihm noch eine Frau an seiner Seite. Die zu finden sei als Stallbursche in dem kleinen Eifeldorf schwierig. „Aber zu Bauer sucht Frau gehe ich sicher nicht!“