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100 Jahre Ingeborg BachmannEine filmische Geisterbeschwörung

6 min
Regina Schilling (l.) und Sandra Hüller bei den Dreharbeiten in Rom.

Regina Schilling (l.) und Sandra Hüller bei den Dreharbeiten in Rom.

Zu Ingeborg Bachmanns 100. Geburtstag ehrt sie die Kölner Regisseurin Regina Schilling mit einem Film – und Sandra Hüller spielt die Hauptrolle.

Es ist viel gesagt und geschrieben worden über Ingeborg Bachmann. Zu ihren Lebzeiten, als Kritiker sie beklatschten, bestaunten und belächelten – als poetisches Ausnahmetalent und Femme fatale, als scheues Reh, sperrige Intellektuelle, als Nervenwrack. Und nach ihrem frühen Tod 1973, als sie in ihrer Wohnung in Rom schwere Verbrennungen erlitt.

Die Autorin war und ist ein Medienphänomen. Alleine im Vorfeld ihres 100. Geburtstags am 25. Juni sind mehrere neue Biografien erschienen, darunter auch die Erinnerungen ihres Bruders Heinz. Es gibt Bücher über Bachmanns Rom und über ihr München und jede Menge Briefwechsel – mit Heinrich Böll, Hans Magnus Enzensberger, Hans Werner Henze, Paul Celan, Max Frisch...

Ein klassisches Biopic hätte da wahrscheinlich nicht viel Neues zutage fördern können – weswegen die Kölner Regisseurin Regina Schilling auch keins gedreht hat. Ihr Film soll eher so eine Art „Geisterbeschwörung“ sein, wie sie sagt, eine „Séance“. So etwas könnte leicht albern und esoterisch werden. Zu Beginn von „Jemand, der einmal ich war“ fühlt sich das manchmal so an, weil man sich als Zuschauer erst einmal in die Versuchsanordnung einfinden muss.

Sandra Hüller will nicht Ingeborg Bachmann sein – sie stellt sie dar. Was der Film auch bewusst herausstellt, indem Regieanweisungen gezeigt werden oder wie sich die Schauspielerin mit einer Perücke und Kette rauchend in die Autorin verwandelt. Und obwohl Hüllers Ingeborg Bachmann sich im Stil der 1960er kleidet, ihre Texte auf eine Schreibmaschine hämmert und in einer altmodischen Wohnung in Rom lebt, sieht man sie auch mal mit einem Handy oder Elektroroller.

Der Film versucht also gar nicht erst, Authentizität zu simulieren, ist eher eine vorsichtige Annäherung. „Sandra Hüller hat auch von Anfang an gesagt, dass sie Bachmann eigentlich nicht sprechen, in die Figur gar nicht so reingehen möchte. Und wir waren uns einig, dass wir etwas Offenes machen wollen, improvisieren.“ Die Texte Bachmanns, die über den Szenen liegen, hat die Schauspielerin deswegen vor dem Dreh eingelesen. Und Regina Schilling hat sie dann mit Archivmaterial montiert.

Magischer Sog ins Leben der Autorin

Hat man sich einmal darauf eingelassen, entwickelt diese literarische Geisterbeschwörung einen magischen Sog in das Leben der Autorin. Und es ist verstörend, aus ihrer Position zu sehen, wie durchdringend der Blick der Männer war und wie schwer er auf ihr lastete. Wie sie mit einem ganz anderen Maß gemessen, mit ganz anderen Attributen bedacht wurde als ihre Schriftstellerkollegen. Bei Autoren, die viel tranken oder Drogen nahmen, galt das beispielsweise als besonders cool. Tat eine Frau dasselbe – und Ingeborg Bachmann trank definitiv zu viel und nahm jede Menge Tabletten – war sie höchstens psychisch zerrüttet.

Über diese Darstellung ärgerten sich Sandra Hüller und Regina Schilling. „Darum versuchen wir, ihr im Film auch etwas Selbstbestimmtes, Freies zu geben“, sagt die Regisseurin. Sie will zeigen, dass es eine bewusste Entscheidung der Autorin ist, irgendwann einfach nicht mehr ans Telefon zu gehen. Dass sie durch Rom streunt und sich mit wechselnden Männern trifft – weil sie das kann und will.

„Mir ist wichtig, dass das nicht nur als Deformation gesehen wird, sondern dass da auch eine große Unabhängigkeit drinliegt.“ Mit ihrem Film will sie dazu beitragen, „dass dieser Nimbus der schwierigen, leidenden, verbrannten Autorin verschwindet. Dass dieses Drama rausgenommen wird - und man klarer auf die Texte guckt“.

Ich würde mir wünschen, dass man klarer auf die Texte guckt - und dass dieses Drama rausgenommen wird
Regina Schilling

Ingeborg Bachmann ist also viel mehr als eine Leidende, aber zweifellos litt sie. An den Folgen der Bombardierungen ihrer Heimatstadt Klagenfurt im Zweiten Weltkrieg, an einer Welt, in der der Holocaust möglich war. Aber auch an einer Welt, die Frauen strukturell benachteiligt. Ein Thema ihres ersten und einzigen Romans „Malina“. Eine Diagnose, die mehr als 50 Jahre nach Erscheinen aktuell ist. Auch wenn die 1960er in puncto Frauenfeindlichkeit noch mal eine ganz andere Nummer waren, wie das Archivmaterial zeigt.

Und dass der Begriff „Mansplaining“ damals noch nicht gebräuchlich war, heißt nicht, dass Frauen davon nicht genervt waren. Nachzulesen in Bachmanns Erzählung „Simultan“: „(...) meistens hatte er sie belehrt oder ihr etwas erklärt, das Thermometer und das Barometer, (...) was der Raketenantrieb war und warum Flugzeuge fliegen, wie die Situation in Algerien früher und danach war, und sie, mit ihren riesigen, kindlich aufgerissenen Augen, hatte getan, als hörte sie zu.“

Regina Schilling hat „Malina“ als Teenagerin gelesen: „Da fing sich der Schleier für mich an zu lüften. Und ich sah, dass wir als junge Frauen damals vor allen Dingen Romane von Männern gelesen hatten, und mit ihnen gemeinsam auf die Welt geschaut haben“. Für sie habe die Lektüre von „Malina“ eine Tür geöffnet, die sie dann zu anderen Autorinnen wie Virginia Woolf oder Elfriede Jelinek führte. 

In ihrer Vielschichtigkeit ließ sich Bachmann nie so richtig von der feministischen Bewegung der 1960er und 70er Jahre vereinnahmen. „Die Männer sind unheilbar krank“ ist zwar ein legendärer Satz aus einem Fernsehinterview. Aber „die Männer“, das ist bei ihr nicht nur das Fremde, auf das man anklagend mit dem Finger zeigt. Das ist immer auch schon ein Teil des eigenen Selbst. Da ist die Identitätskrise beinahe unausweichlich: „Bin ich eine Frau oder etwas Dimorphes?“, fragt die namenlose Erzählerin in „Malina“: „Ich bin keine Frau (...) ich bin ein Irrtum.“

In der öffentlichen Aufmerksamkeit steht Ingeborg Bachmanns Werk zu selten für sich alleine. Ihre Beziehungen zu berühmten Männern wie Max Frisch versorgten die Feuilletons mit Klatsch und Tratsch. Und die Wissenschaft mit diversen Briefwechseln.

Ingeborg Bachmann auf dem Spoleto Literaturfestival 1965

Ingeborg Bachmann auf dem Spoleto Literaturfestival 1965

Auch Bachmanns Äußeres und Auftreten faszinierten manche Kritiker mindestens ebenso sehr wie ihr Werk. „Viel blondes Haar, sanftbraune Augen, still und scheu in Ausdruck und Rede“ – so wird die Dichterin in einer großen Spiegel-Titelstory von 1954 eingeführt, ein Zeugnis ihrer kometenhaften Karriere. Die Kritik war begeistert. Und genauso empört, als die Dichterin zwei Jahre später beschloss, nur noch Prosa zu schreiben. „Wie brutal das gewesen sein muss, wenn man sich als Frau nicht mehr angepasst hat“, sagt Regina Schilling. Mit ihrer verrätselten, metaphernreichen Lyrik sei Bachmann „die Göttin“ gewesen. Doch als es dann in Prosa-Texten um konkrete Unterdrückung und Missachtung von Frauen ging, „hat man ihr nicht zugestanden, da reinzugehen, in die Wunde“.

Gerade finden in Klagenfurt, der Geburtsstadt der Autorin, die 50. Tage der deutschsprachigen Literatur statt – ein Wettbewerb zu Ehren Ingeborg Bachmanns. In diesem Jubiläums-Jahr ist übrigens mit Kurt Prödel auch ein Autor aus Köln dabei. Regina Schilling mag diese Art des Erinnerns: „Ein lebendiges Denkmal“.

Sandra Hüller hat Regina Schilling bei ihrer Arbeit für die lit.Cologne kennengelernt, wo sie von 2001 bis 2023 das Programm gestaltete. „Damals haben wir schon über Bachmann gesprochen, weil ich ihr gesagt habe: Du siehst ihr irgendwie ähnlich, Du müsstest die mal spielen.“ „Ich liebe Bachmann, aber mir schreibt ja keiner ein Drehbuch“, habe Sandra Hüller geantwortet. Wie schön, dass sich dieses Problem nun also erledigt hat. 


„Jemand, der einmal ich war“ startet am Donnerstag, 5. Juni, in den Kinos

Regina Schilling, geb. 1962, lebt und arbeitet in Köln und Berlin. Sie arbeitete als Pressereferentin in einem Buchverlag und ist seit 1997 freiberuflich tätig, unter anderem als Kinder- und Jugendbuchautorin und seit 1999 als Dokumentarfilmerin. Von 2001 bis 2023 war sie Kuratorin für das Programm der lit.Cologne. Für ihre Filme „Geschlossene Gesellschaft“ und „Kulenkampffs Schuhe“ wurde sie unter anderem mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.

Regisseurin Regina Schilling

Regisseurin Regina Schilling