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40 Jahre „Sesamstrasse“
Krümelmonster schockte die Bayern

Ernie (l) und Bert posieren in Hamburg bei einem NDR-Pressetermin zu "40 Jahre Sesamstraße". Am 8. Januar 1973 startete die Kindersendung "Sesamstraße" in Deutschland.

Ernie (l) und Bert posieren in Hamburg bei einem NDR-Pressetermin zu "40 Jahre Sesamstraße". Am 8. Januar 1973 startete die Kindersendung "Sesamstraße" in Deutschland.

Hamburg – Wir waren „Kübelkinder“. Freunde des Slums. Fans von „Gewalttätigen und Unzufriedenen mit den Visagen von Ungeheuern“.

Diese drastischen Worte fand Harald Hohenacker, Leiter der Projektgruppe Erziehungswissenschaft beim Bayerischen Rundfunk, vor 40 Jahren. Und beschrieb damit die norddeutschen Opfer eines Kinderprogramms, dessen Inhalte seiner Ansicht nach an „pädagogische Infamie“ grenzten.

Als die ARD am 8. Januar 1973 zum ersten Mal die „Sesamstraße“ im Hauptprogramm ausstrahlte, schalteten die südlichen Rundfunkanstalten ab. Deutschland war gespalten, schon wieder. Schuld war diesmal nicht der Kalte Krieg, sondern ein übellauniger Muppet, der in einer Tonne hauste, „Ich mag Müll“ röhrte und formbaren Geistern die Umwertung aller Werte predigte.

Den Griesgram Oscar und seinen die Freuden der Maßlosigkeit vorlebenden Kollegen Krümelmonster, beides Figuren aus der Muppet-Schmiede des genialen Jim Henson, hatte Hohenacker als gewalttätige Unzufriedene erlebt, zottelige Chaoten aus Übersee. Und weil der ehemalige Deutschlehrer von einem Kind gelesen hatte, das die Sesamstraße rituell in einem Eimer sitzend verfolge, malte er mentekelnd eine Generation von Kübelkindern an die Wand.

Immerhin, im Herbst desselben Jahres klinkten sich Saarländischer, Süddeutscher und Südwestrundfunk reumütig wieder ein. Denn bei den Kindern, die sie gucken durften, löste die Sesamstraße eine ähnlich große Begeisterung für Ernie und Bert aus, wie bei deren älteren Geschwistern Lennon und McCartney.

Nur die Bayern blieben stur. Die Szenen aus dem Slum-Millieu seien für deutsche Kinder zu amerikanisch, begründete der damalige BR-Direktor Helmut Oeller. In Deutschland gebe es keine unterprivilegierten Schichten. Einwände gab es auch von links: Kinder lernten bei der Sesamstraße, dass sie am Ende wenig Grund haben, sich zu freuen, glaubte etwa der Reformpädagoge Hartmut von Hentig. Letzen Endes führte die pädagogische Bedenkenträgerei dazu, dass die Sesamstraße mit Beginn des Jahres 1976 ihre titelgebende Straße verlor – und Millionen junger Erstseher ihre liebgewonnenen Freunde.

Das „Sesamstraßen-Phänomen“

Nicht nur den großen gelben Vogel Bibo und den grünen Miesmacher Oscar – beide werden im amerikanischen Original übrigens bis heute von Carol Spinney gespielt. Sondern auch die menschlichen Straßenbewohner. Den freundlichen Tenor Bob, den grummeligen Kioskbesitzer Mister Huber und den „Neger Gordon“ – so der „Spiegel“ in einer Cover-Story zum Sesamstraßen-Phänomen – und seine Frau Susan.

Für uns Kübelkinder war die Sesamstraße damit gestorben. Den Aufschrei ihres Zielpublikums bekamen auch die deutschen Macher zu spüren, bis Ende der 80er Jahre sendeten sie als Friedensangebot noch alte Originalfolgen in den Dritten Programmen.

Die „Sesamstraße“ wurde eingemeindet

Und sie gingen noch einmal in Klausur und starteten 1978 in neuer, aufgeräumter Hinterhofkulisse Kulisse und mit neuen Muppets. Jim Henson hatte sogar eigens einen Mitarbeiter nach Deutschland entsandt, um Puppen für die überarbeitete Rahmenhandlung zu gestalten. Puppen, die uns einheimischen Kindern vertraut erscheinen sollten. Heraus kamen der dicke Gemütsbär Samson, die altkluge Schrulle Tiffy und der dümmlich-arrogante Herr von Bödefeld.

Damit war die „Sesamstraße“, dieser schillernde Fremdkörper aus einer Zeit, als es hierzulande kaum nennenswertes Kinderfernsehen gab, erfolgreich eingemeindet worden. Schade.

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