Niemand wurde so oft abgeschrieben wie Cher. Und niemand hat sich so oft neu erfunden. Jetzt wird die Ikone der Selbstermächtigung 80.
80. GeburtstagAls Cher Nicolas Cage gleich zweimal ohrfeigte

Cher kommt zur Met-Gala am 4. Mai. Am 20. Mai wird sie 80 Jahre alt.
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Ihre Mutter, erzählte Cher Mitte der 90er in einem TV-Interview, habe ihr geraten, sich niederzulassen und einen reichen Mann zu heiraten. „Ich antwortete: Mama, ich bin ein reicher Mann.“ Am Mittwoch wird die Ikone der Selbstermächtigung 80 Jahre alt, und wenn sie nicht so aussieht, dann allein deshalb, weil sie das so für sich wollte. Weil sie, die in Armut aufwuchs, die von ihrem alkoholsüchtigen Vater ins Waisenhaus gesteckt wurde, bevor er die Familie endgültig verließ, sich ganz allein beibringen musste, wie man dem Leben alles abtrotzt, auch wenn es nichts für einen übrig hat. Cher ist die einzige Sängerin, die in sechs aufeinanderfolgenden Jahrzehnten Top-Ten-Hits landete, sie hat weit mehr als 100 Millionen Tonträger verkauft, hatte mehr Comebacks als eine Katze Leben. Ein mononymisches Wunder. Wir zeichnen ihre Karriere in acht Stationen nach.
„Ringo, I Love You“ (1964)
Chers erste Solo-Single, punktgenau zur Beatlemania von Phil Spector veröffentlicht. Zuvor durfte die 17-Jährige für den Meisterproduzenten nur im Hintergrund singen, auf Klassikern wie „You've Lost That Lovin’ Feelin’“ von den Righteous Brothers und „Be My Baby“ von den Ronettes ist sie zu hören. Weil Spector ihren bürgerlichen Namen Cherilyn La Piere für zu unamerikanisch hielt, firmiert die junge Sängerin hier gänzlich unglamourös als „Bonnie Jo Mason“. Der Song floppte, der Legende nach, weil Radiojockeys ihren tiefen Alt für eine Männerstimme und das Stück folglich für eine schwule Schmachthymne an den Beatles-Drummer hielten.
„I Got You, Babe“ (1965)
Den Job bei Spector hatte ihr Savatore „Sonny“ Bono besorgt, den sie 1962 in einem Café in Los Angeles kennengelernt hatte. Später wurden die junge Ausreißerin und der elf Jahre ältere Songwriter ein Paar. Auf ihrer ersten gemeinsamen Aufnahme („The Letter“, als Caesar & Cleo) sang Cher die tiefe und Sonny die hohe Stimme. Im Sommer 1965 landeten sie als Sonny & Cher ihre erste US-Nummer-eins mit dieser gewollt naiven – man beachte Sonny Bonos „Dumm und Dümmer“-Frisur –, freilich ziemlich clever arrangierten Antwort auf Bob Dylans verbittertes „It Ain’t Me, Babe“. Knapp 30 Jahre später wird der Song Bill Murray Morgen für Morgen zum Murmeltiertag wecken. Bis auch er endlich seinen Schatz hat.
„3614 Jackson Highway“ (1969)
Ende der 1960er hatte sich das Paar auseinandergelebt und auch musikalisch gehörten Sonny & Cher zum alten Eisen. Im April 1969 buchte Cher Zeit im frisch gegründeten Muscle Shoals Sound Studio in Alabama, „3614 Jackson Highway“, der Titel ihres sechsten Soloalbums ist schlicht die Adresse des Studios. Kurz darauf nahmen die Rolling Stones hier ihre drogengesättigten Klassiker „Brown Sugar“ und „Wild Horses“ auf. Cher bewegt sich weit außerhalb ihrer Pop-Komfortzone, man höre sich nur ihre schwer funkende Version von Dr. Johns „I Walk on Guilded Splinters“ an. Nicht gegen „Believe“ und andere Mainstream-Meilensteine, aber Chers untypischstes Album ist und bleibt zugleich ihr bestes.
„Gypsys, Tramps & Thieves“ (1971)
Der künstlerisch höchst erfolgreiche Ausflug nach Alabama hatte sich als kommerzieller Reinfall erwiesen. Doch zwei Jahre später hatten sich Sonny & Cher noch einmal zusammengerauft und als Lounge-Act für ein erwachsenes TV-Publikum neu erfunden. Prompt landete Cher ihre erste Solo-Nummer-eins in den USA mit „Gypsys, Tramps & Thieves“. Die Single fügt dem Muscle-Shoals-Sound einen guten Schuss radiofreundlichen Schmalz hinzu. Und mit der wilden Geschichte eines 16-jährigen Roma-Mädchens, das „im Wohnwagen einer Wanderbühne geboren“ wurde, kann sich die inzwischen 25-jährige Sängerin hörbar identifizieren.
„The Cher Show“ (1975-1976)
Nur 26 Folgen lang lief ihr eigenes Varieté-Programm auf dem US-Sender CBS – anschließend ging es in der wiederbelebten „Sonny & Cher Show“ auf, die Scheidung war endlich durch, Cher hatte den heroinsüchtigen Rockgott Gregg Allman geheiratet und sich mit Sonny Bono vor laufenden Kameras versöhnt. Aber „The Cher Show“ lieferte die besseren TV-Momente, und man findet sie allesamt auf Youtube. Cher trug die waghalsigsten Bob-Mackie-Kostüme, wetteiferte in unvergesslichen Duetten mit den größten Stars der Zeit. Tanzte mit einem blutjungen Michael Jackson den „Robot“, sang sich mit dem spindeldürr zugekoksten David Bowie durch ein manisches Medley, oder beschwor mit Raquel Welch und ihrer guten Freundin Tina Turner die pure Power der Frauen. Es ist der schlockige, gloriose, dekadente Scheitelpunkt der 1970er Jahre. Die Cher-Puppe, komplett mit miniaturisierter Bob-Mackie-Garderobe, verkaufte sich damals besser als Barbie.
Bob Mackies Oscar-Kleid (1986)

Cher im extravaganten Bob-Mackie-Kleid bei der Oscar-Verleihung 1986
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Bob Mackie gilt als Guru des Glitters. „Eine Frau, die meine Kleider trägt“, sagt der Modedesigner, „scheut sich nicht davor, aufzufallen.“ Cher und er: ein Traumpaar. Noch als sie 2019 in der Kölner Arena gastiert, trägt die Sängerin seine aufmerksamkeitsheischenden Kreationen. Mackies Meisterstück findet man freilich nicht in der „Cher Show“, und selbst dem transparenten Glitzersuit, mit dem sie 1987 Thomas Gottschalk ins Schwitzen und die biederen ZDF-Verantwortlichen in Panik brachte, gebührt nur der zweite Platz, zusammen mit dem noch unglaublicheren Video zu „If I Could Turn Back Time“, in dem sich Cher in ebenjenem Outfit auf einem US-Flugzeugträger an Kanonen reibt. Ein Jahr zuvor hatte Jane Fonda sie bei den Academy-Awards mit den Worten „Wartet nur ab, was hier gleich auf die Bühne kommt“ angekündigt. Cher erschien in schwarzer Stretchhose mit gezacktem Bund, strassbesetztem, rautenförmigem, kettengliedrigem Bikini-Oberteil und einem gigantischen Mohawk-Kopfschmuck, mindestens doppelt so groß und hoch wie ihr Kopf. Als sie zwei Jahre später erneut auf der Oscar-Bühne stand, war es, um einen Goldkerl für die beste weibliche Hauptrolle entgegenzunehmen.
„Moonstruck“ (1988)
Bereits ihre Rolle als Meryl Streeps lesbische Mitbewohnerin in Mike Nichols Anti-Atomkraft-Drama „Silkwood“ hatte Cher 1983 eine Oscar-Nominierung eingebracht, später spielte sie im Sequel von „Mamma Mia!“ Streeps fidele Mutter. In Cannes gewann sie 1985 als Rockermutter eines durch Krankheit entstellten Sohnes. Und nach dem Kassenerfolg von „Die Hexen von Eastwick“ anno 1987 – Cher in einem Hexenzirkel mit Susan Sarandon und Michelle Pfeiffer, mit Jack Nicholson als teuflischem Liebhaber – schloss die Entertainerin endgültig zur Hollywood-Elite auf. Doch nie war sie bezaubernder denn als italoamerikanische Witwe Loretta Castorini in Norman Jewisons romantischer Komödie „Moonstruck“. Sie können der Academy-Jury glauben, die ihr den Oscar als Beste Hauptdarstellerin zudachte – oder sich den Clip anschauen, in dem Cher ihrem jugendlichen One-Night-Stand Nicolas Cage zwei saftige Ohrfeigen verpasst, nachdem er ihr seine unsterbliche Liebe erklärt hat: „Reiß dich zusammen!“
„Believe“ (1998)
Warum Cher ihre Filmkarriere austrudeln ließ, und unter anderem Hauptrollen in „Der Rosenkrieg“ und „Thelma & Louise“ ablehnte, weiß niemand so recht. War es der Epstein-Barr-Virus, war es Hollywood-typische Altersdiskriminierung? Sie verlegte sich auf nächtliche TV-Infomercials, galt – nicht zum ersten Mal – als abgehalftert, eine Lachnummer. Und bewies – auch das nicht zum ersten Mal – allen Lästermäulern prompt das Gegenteil, als sie 1998 mit der Elektropop-Single „Believe“ überraschte. Die zeichnet sich vor allem durch ihren Autotune-Erstgebrauch aus. Beziehungsweise Missbrauch. Denn eigentlich sollte die Software doch dazu dienen, nicht ganz sicher liegende Tonhöhen zu korrigieren, hier jedoch erzeugt sie durch extreme Einstellungen das, was als Cher-Effekt die Popgeschichte verändert hat. „Believe“ verkaufte sich elf Millionen Mal, kletterte in 23 Ländern an die Chartspitze. Unglaublich. Oder auch nicht. Eigentlich, sagt Cher, erfinden wir uns alle ständig neu: „Aber manche von uns haben mehr Fantasie als andere.“