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Ausstellung in Bonn
Was Merkels Handy mit der Sexpuppe Harmony zu tun hat

Lesezeit 4 Minuten
Die digitale Sexpuppe Harmony ist im Profil zu sehen, die Schale ihres ihr Hinterkopfs ist entfernt und gibt den Blick auf Kabel und Chips frei. DieAusstellung „#DeutschlandDigital“ ist bis Februar 2024 im Bonner Haus der Geschichte zu sehen.

Die digitale Sexpuppe Harmony steht in der Ausstellung „#DeutschlandDigital“ im Bonner Haus der Geschichte

Die Ausstellung „#DeutschlandDigital“ im Haus der Geschichte zeigt den Siegeszug der Digitalisierung. Von Leibniz bis Pac-Man.

An einer unscheinbaren Station der Ausstellung „#DeutschlandDigital“ im Bonner Haus der Geschichte kann man mehrere kurze Magazin-Beiträge aus den Dritten Programmen abrufen. In jeden von ihnen geht es um Computer in der Schule. Die Filme aus den Jahren 1984 und 2018 wirken beinahe austauschbar. Der größte Unterschied ist der, dass die Commodores, an denen sich Schüler 1984 versuchen dürfen, auf dem neuesten Stand der Technik sind, und nicht zehn Jahre altes, fehlerhaftes Gerät auf der Daten-Kriechspur.

Noch bemerkenswerter ist der aufgeregte Neuland-Ton der Beiträge, dieses unausgesprochene „Huch!“, das die Digitalisierung in Deutschland seit Jahrzehnten begleitet. Zumindest, wenn sie auf offizielle Institutionen trifft. Apropos Neuland: Den alten Nokia-Knochen, mit dessen Hilfe Angela Merkel die Nation per SMS regiert hat, findet man ebenfalls in der Schau. So eine Kurznachricht brauchte zwar nur sieben Bit, aber dennoch war die Kanzlerin digitaler unterwegs, als sie womöglich selber dachte.

Wie es überhaupt das Problem einer solchen Ausstellung ist, einen Prozess zu veranschaulichen, der so alltäglich geworden ist, dass man ihn kaum mehr wahrnimmt, und der zudem unsere Welt auf eine so grundlegende Art entstofflicht hat, dass man ihn kaum in Artefakten festhalten kann, ohne beliebig zu wirken.

Ein Kunststoff-Hase mit eigener DNA

In Bonn hat man aber doch ein paar aufschlussreiche Objekte gefunden, insgesamt sind es mehr als 400: „Es gibt keine Cloud“, behauptet die Aufschrift auf einer Speicherplatte, „das ist nur der Computer von jemand anderem.“ Dass Information eventuell gar nicht so immateriell ist, wie man sich das gemeinhin vorstellt, beweist auch das winzige weiße Häschen aus dem 3D-Drucker, das sich eine Vitrine mit der Speicherplatte teilt: Schweizer Forscher haben seinen Bauplan als DNA in winzigen Glaskügelchen in den Kunststoff eingebettet: Ab sofort dürfen auch Dinge ihr Erbgut weitergeben.

Das Pièce de Résistance der Ausstellung grüßt gleich am Eingang: Ein Zettel, auf dem Gottfried Wilhelm Leibniz (auf Französisch) im Jahr 1701 den binären Zahlencode erläutert, mit dessen Hilfe sich Rechenprozesse viel leichter automatisieren ließen. Die theologische Deutung des Urcodes lieferte Leibniz gleich mit: Die 1 steht für Gott, der alles aus dem Nichts, der 0, erschafft. Der Geist war also von Anfang an in der Maschine und das eilig vollgekritzelte Schriftstück kann man, mit nur ein klein wenig Übertreibung, als Urtext der Digitalisierung bezeichnen.

Gleich dahinter steht ein Nachbau der Steuereinheit der Zuse Z3. Konrad Zuse hat den Proto-Computer Forscherkollegen im Mai 1941 vorgestellt. Zweieinhalb Jahre später wurde seine Z3 bei Bombenangriffen auf Berlin zerstört und damit auch der Beweis, dass er die erste universell programmierbare Maschine der Welt konstruiert hatte. Zwar betrachtete Zuse den Kosmos als gigantischen Rechner, wie universell seine Maschine einmal werden würde, wird er sich so wenig ausgemalt haben, wie Leibniz ahnen konnte, dass von seinem Binärcode   täglich 2,5 Milliarden Gigabytes produziert werden.

Eine unvorstellbare Menge und ein Grad an Abstraktion, hinter dem sich die großen Player im Zeitalter des Überwachungskapitalismus – den Begriff hat die Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff geprägt – nur zu gerne verstecken.

Gehackte LinkedIn-Passwörter, in acht Bänden ausgedruckt

Der Bremer Medienkünstler Aram Bartholl hat alle 4,7 Millionen LinkedIn-Passwörter, die 2012 nach einem Hack des Netzwerks veröffentlicht wurden, alphabetisiert und in acht Telefonbuch-dicken Bänden abgedruckt. „Willst du dein eigenes Passwort nachschlagen?“, fragt die Ausstellungstafel und sich selbst fragt man, warum einem das gedruckte Wort immer noch so viel näher geht, als die in der Cloud herumschwirrende Information?

Es ist allemal beeindruckend, wie viel „#DeutschlandDigital“ auf vergleichsweise kleinem Raum zu erzählen hat, manchmal wird es ein bisschen zu viel: Dort droht eine lebensgroße Statue des Terminators, lockt die androide Sexpuppe Harmony, hier erklingt die von einer KI vollendete 10. Sinfonie von Beethoven. Man kann sich von einem klobigen Roboter „BlessU2“ der evangelischen Kirche segnen lassen (dazu gibt es einen bargeldlosen Klingelbeutel), oder, lieber, eine Runde „Pac-Man“ spielen.

Aufgeteilt ist die Schau in etwa so, wie Kraftwerk es im Song „Computerwelt“ besungen haben: „Wirtschaft und Arbeit“, „Alltag und Privatleben“, „Politik und Gesellschaft“. Eine am Eingang ausgeteilte Chipkarte gewährt den Zugang zu allerhand interaktiven Stationen, am Ende kann man die Spur der Informationen, die man während seines Besuchs hinterlassen hat, dann direkt auswerten.

Die letzten Meter hinterfragen den Digitalisierungsschub, den die Pandemie angeblich in Deutschland ausgelöst hat. Da gibt es, siehe Schulen und Behörden, noch Luft nach oben.

#DeutschlandDigital ist ab sofort bei zum 4. Februar 2024 im Haus der Geschichte in Bonn zu sehen, der Eintritt ist frei.

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