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Ausstellung zum Ikea-DesignJedes Bild ist ein Stauraum für bescheidene Träume

Lesezeit 4 Minuten
Ein Junge sitzt in einer Küche, im Hintergrund sind ein Waschbecken und Geschirr zu sehen.

Jetzt in der Kölner Galerie Capitain zu sehen: „Blocking Templates Ikea Kitchen (Frontal)“ von Christopher Williams

Der Konzeptkünstler Christopher Williams zeigt in der Kölner Galerie Capitain seine Version der Ikea-Küche und sucht nach dem Glück der Fließbandproduktion.

Das Wohnimperium Ikea ist nicht nur ein gigantischer Möbelproduzent, es produziert auch Bilder wie am Fließband. Einige sind unfreiwillige Ikonen des Massenkonsums geworden, etwa die ratlosen Strichfiguren auf den Bauanleitungen, aber vor allem formte der jährlich neu aufgelegte Ikea-Katalog unsere Vorstellungen vom guten Leben im eigenen Heim. Jedes Bild war ein Stauraum für bescheidene Träume. Schön sollte es, aber vor allem musste es erschwinglich sein.

Es war vielleicht nur eine Frage der Zeit, bis sich der Konzeptkünstler Christopher Williams der Ikea-Ästhetik annehmen würde. Seit 2008 lehrt Williams Fotografie an der Düsseldorfer Kunstakademie, und wie seine legendären Vorgänger Bernd und Hilla Becher widmet er sich stur den Erscheinungsformen industrieller Allerweltsprodukte. Anders als die Bechers schaut er allerdings hinter die Kulissen. Williams will wissen, warum die Dinge aussehen, wie sie aussehen, und vor allem will er vorführen, wie massenhaft hergestellte Waren in schönen Schein verpackt werden.

Die Kölner Ikea-Ausstellung ist für Christopher Williams im doppelten Sinne „Heimarbeit“

Die kleine Ikea-Ausstellung in der Kölner Galerie Capitain ist für Williams im doppelten Sinne eine „Heimarbeit“. Er lebt abwechselnd in Köln und Los Angeles, aber die letzte Kölner Soloschau liegt schon etliche Jahre zurück. Wie bei Williams üblich, ist nicht viel zu sehen. An den Wänden hängen vier schmale Küchenbilder und dazu als Füller einige handgemalte Schrifttafeln, die in anderen Ausstellungen als Hinweisschilder dienten. Auf ihnen steht, was zu sehen ist: „Wandverkleidungen, Bilderrahmen, Fotografien, Arrangements“. Williams ist auch ein Virtuose des scheinbar Überflüssigen.

Am auffälligsten sind die Wandtapeten, die, wie bei Capitain versichert wird, aus DDR-Restbeständen stammen. Sie ähneln nicht zufällig Recycling-Klopapier: Obwohl die Werbeästhetik sein großes Thema ist, interessiert sich Williams erstaunlich wenig für Luxusprodukte und Hochglanzfotografie. Bei ihm geht es um Massenkonsum und darum, wie sich die Träume der „kleinen Leute“ mit Bildern steuern, manipulieren und formen lassen.

In seiner Serie „Achtzehn Lektionen über die Industriegesellschaft“ (2005-2014) ließ er Auftragsfotografen banale Produkte wie Schokoladenriegel oder Fotoapparate ablichten und störte die Inszenierungen durch kleine Fehler: Auf einem Bild, das für Markensocken werben könnte, ist etwas Hornhaut unter den Fußsohlen des Models zu sehen, und ein Strauch saftiger Äpfel wirkt gerade deswegen steril, weil die Darstellung der Natur den entscheidenden Tick zu perfekt geraten ist.

Auch die Ikea-Bilder sehen aus, als habe sich ein Perfektionist an der Werbeästhetik des Möbelkonzerns versündigt. Die schmale Küchenzeile scheint von einem pathologischen Pedanten arrangiert worden zu sein, die Hoffnung, Ordnung ins eigene Leben zu bringen, verwandelt sich in eine private Anti-Utopie. Spüle und Herd sind so offensichtlich als Schauobjekte arrangiert, dass jeder Wassertropfen mit der Pinzette aufgetragen gehört. Bei den in der Pfanne brutzelnden Frikadellen lassen bunte Lichtpunkte das Natürliche ins Künstliche kippen, und der am Küchentisch zwischen zwei Farbakzenten eingeklemmte Junge versinkt in malerischer Unschärfe.

Auf diesen Bildern zitiert Williams die Küchenästhetik der 1970er Jahre und greift zugleich auf kunsthistorische Vorlagen zurück. Bei den Aufsichten stand ein „Wandbild für einen Fotografen“ (1925) des Kölner Progressiven Franz W. Seiwert Pate, die rot-blauen Farbkontraste der Miniserie gehen auf Designs des Internationalen Vietnamkongresses im Jahr 1968 zurück. Man sieht es den Aufnahmen nicht unmittelbar an, aber Williams lässt in ihnen zwei Glücksversprechen aufeinanderprallen. Die Werbung verspricht Teilhabe am Konsum, die linken Befreiungsbewegungen versprechen den Arbeitern ein anderes Leben. Um Aufstiegsfantasien geht es in beiden Fällen.

Bei Ikea wird das Schöner-Wohnen-Glück auf die einfachen Stände umgemünzt, Gebrauchsware trifft auf fotografische Gebrauchsästhetik, Fließbandproduktion auf Fließbandproduktion. Der Aufwand, den Christopher Williams treibt, ist daneben geradezu horrend. Erst wurde ein Studio aufgebaut, dann wurde vier Wochen arrangiert, ausgeleuchtet und fotografiert. Am Ende bleiben vier Bilder übrig. Kunst ist eben ein Luxus, den man sich leisten können muss.


„Christopher Williams: Heimarbeit. Adapted for use. Ikea Küchen Ensemble“, Galerie Gisela Capitain, St. Apern Str. 26, Köln, Di.-Fr. 10-18 Uhr, Sa. 11-18 Uhr, bis 27. Januar.

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