Abo

Beethovens Neunte in der PhilharmonieDer letzte Satz riss es großartig heraus

3 min
Dirigent Sebastian Lang-Lessing

Dirigent Sebastian Lang-Lessing

WDR Rundfunkchor und Philharmonisches Orchester Hagen überzeugen in der Philharmonie mit Beethovens Neunter

Rund um den Jahreswechsel häufen sich traditionell die Aufführungen von Beethovens neunter Sinfonie. Im schlechtesten Fall sind da Festtagsroutine und diffuse Erbauung am Werk, im besten mag sich da bei Musikern wie Publikum die Ahnung einstellen, dass es hier nicht nur um gute Musik geht, sondern dass deren Anspruch und Forderung seit ihrer Entstehung nichts von ihrer (außermusikalischen) Dringlichkeit eingebüßt haben.

Dass das jeweils neue Jahr im Weltmaßstab „freudenvoller“ und „brüderlicher“ werden möge als das vergangene, schwingt dabei als Hoffnung mit – freilich ebenso die Befürchtung, dass sie wieder einmal trügen wird. Hegel hätte angesichts der in Text und Tönen nahezu gewaltsam transportierten Humanitätsidee in diesem Sinne vielleicht von der „Ohnmacht des bloßen Sollens“ gesprochen.

Wie auch immer: Intensität und Einsatz der Mitwirkenden beförderten die sonntägliche Kölner Aufführung der Neunten im Rahmen der Kontrapunkt-Konzerte in der ausverkauften Philharmonie zweifellos auf die Seite der „besseren Fälle“. Großes Lob gebührt zumal dem in Block Z versammelten Chor, der sich aus 40 Profis des WDR und einem „Projektchor“ aus rund hundert „angeworbenen“ Laien zusammensetzte.

Großes Lob gebührt dem Chor aus Profisängern und Laien

So eine Mischung muss nicht immer funktionieren, diesmal aber tat sie es: Die WDR-Berufssänger dürften erheblich zur technischen Gesamtqualität (etwa der Intonationssicherheit) beigetragen haben, während von den Amateuren ersichtlich Leidenschaft und Begeisterung zuflossen.

Eberhard Metternich, der im Sommer pensionierte frühere Kölner Domkapellmeister, hatte offenkundig gute, zielgerichtete Einstudierungsarbeit geleistet. Das hörte man zum Beispiel in deklamatorischen Stellen wie „Seid umschlungen, Millionen“ an der exzellent-disziplinierten Artikulation. Und eine Stelle wie „überm Sternenzelt“ kurz vor der Doppelfuge in dieser Höhe im pianissimo derart gestützt hinzukriegen – das müssen andere Soprane den diesmal versammelten erst mal nachmachen.

Mit Megan Marie Hart (Sopran), Henriette Gödde (Mezzo), Sung Min Song (Tenor) und Daniel Ochoa (Bariton) standen dem Chor potente Vokalsolisten zur Seite. Zumal Ochoa überzeugte auf der schwierigen Klippe seines initialen Rezitativs, das er mit markanter Energie und ohne jede ostentativ-unglaubwürdige Übertreibung intonierte.

Nicht nur Kraft und Drive der Sänger, sondern auch der geschickten Dramaturgie des Dirigenten Sebastian Lang-Lessing am Pult des Philharmonischen Orchesters Hagen war es verdanken, dass die Steigerungskurve des Finales ohne Einbrüche durchgezogen wurde. Spannung und Verve hatten leider – vor dem Hintergrund einer insgesamt sehr ordentlichen instrumentalen Performance – nicht die komplette Aufführung grundiert. Lang-Lessing bevorzugte die detailreiche Versenkung, zumal in die lyrischen Stellen der Partitur – wogegen zunächst einmal nichts zu sagen ist, gerade in der historischen Aufführungspraxis werden solche Strecken schon mal mit kompromissloser Härte unterspielt.

Diesmal kam es leider, am entgegengesetzten Ende der Möglichkeiten, wiederholt zu einer buchstabierenden Parade schöner Einzelheiten. In der Durchführung des ersten Satzes etwa ging die dramatische Energie zugunsten einer etwas flächigen Darstellung tendenziell verloren. Der letzte Satz riss es dann aber großartig heraus, und es ist nachvollziehbar, dass es das Publikum am Schluss nicht mehr auf den Sitzen hielt.