Bettina Böttinger wird 70 und übt sich im Loslassen. Im Interview erzählt sie, dass sie aber immer noch neugierig auf Menschen ist.
Bettina Böttinger wird 70„Ich weiß, wie wenige Menschen befreit oder schmerzfrei sterben“

Bettina Böttinger mit ihrem Dackel Ilse im Römerpark.
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Frau Böttinger, als ich einigen Kollegen vom Grund dieses Interviews erzählte, war die Reaktion einhellig: Ich glaube nicht, dass sie schon 70 wird. Was geht Ihnen bei dieser Zahl durch den Kopf?
Ich kann es auch nicht glauben, aber es ist nun mal so. Die Zahl ist ein bisschen gespenstig. 50, 60, das ist alles im Bereich des Annehmbaren. Aber 70? Da meint man, das Schicksal will einem etwas sagen, ich weiß nur noch nicht genau was.
Eine große Feier wird es aber nicht geben.
Nein, die ist um ein Jahr verschoben. Ich habe im Moment nicht die leichteste Phase in meinem Leben. Ich habe keine Verwandten mehr, und meine Lebensfreundin ist vor wenigen Monaten verstorben. Dann ist es kein Geheimnis, dass meine Frau an Brustkrebs erkrankt ist. Das war der zweite Schlag. Und nun ist noch mein Dackel Fienchen fast totgebissen worden. Da war dann gar nicht mehr an eine Feier zu denken.
Haben Sie Angst vor dem Älterwerden?
Nein, auch wenn ich mir keine Illusionen mache. Ich weiß, wie wenige Menschen befreit oder schmerzfrei sterben. Davon bin ich nach meinem Gefühl und nach meiner körperlichen Fitness weit entfernt. Aber man macht sich schon mal Gedanken. Andererseits bin ich so sehr im Hier und Jetzt, dass ich trotz der momentanen Schwere eine große Dankbarkeit und Lebensfreude empfinde.
Wir erleben eine Welt im Umbruch. Wir verabschieden uns von Gewissheiten und bestimmten Fähigkeiten
Ist der Abschied von geliebten Menschen das Schwerste am Älterwerden?
Das ist eigentlich mein Leben lang ein Thema gewesen, weil ich mit einer todkranken Mutter aufgewachsen bin. Sie ist dann letztlich 82 Jahre alt geworden, zum Glück. Dann gab es eine Phase, in der viele Freunde und Freundinnen gestorben sind. Vielleicht nehme ich da dem Leben auch schon mal etwas vorweg. Für ältere Menschen ist es sehr schwer, wenn plötzlich in kurzer Zeit um sie herum Menschen sterben. Bei mir hat sich das über das Leben verteilt, und insofern kann ich damit eigentlich ganz gut umgehen.
Sie haben gelernt, Abschied zu nehmen?
Ich übe mich im Loslassen. Ich nehme ja täglich Abschied. Wenn wir morgens aus dem Haus gehen, verabschieden wir uns in der Hoffnung, dass wir gesund wiederkommen. Aber wir erleben eine Welt im Umbruch. Wir verabschieden uns von Gewissheiten und bestimmten Fähigkeiten. Jeder Abschied ist aber tatsächlich auch ein Punkt der Erneuerung. Es kommt ja immer etwas Neues, abgesehen vom finalen Abschied.
Wenn Sie auf Ihre Karriere und auf Ihr Leben zurückblicken: Konnten Sie immer schon gut Dinge beenden?
Ich kann die Frage gar nicht wirklich beantworten. Ich habe ja auch nicht aufgehört zu arbeiten. Ich habe eher das umgekehrte Problem. Ich habe einen Coach. Sie versucht mir beizubringen, dass ich meine Kräfte besser einteile, dass ich nicht zu viel arbeite.
Warum können Sie nicht aufhören?
Ich habe in meinem Leben so viele Begegnungen mit fantastischen Menschen gehabt, ob sie prominent waren oder nicht. Und ich bin wirklich immer noch sehr begeisterungswillig. Wenn mir eines auf die Nerven geht zu meinem 70. Geburtstag, ist es diese deutsche schlechte Laune, die überall um sich greift. Ich versuche, dem privat und beruflich ein wenig entgegenzuwirken.
Sie machen zwar keine große Feier, werden aber beim CSD am Wochenende dennoch groß feiern.
Am Sonntag werde ich, möglicherweise ganz leicht verkatert, nach Köln fahren. Da ich mich seit vielen Jahren für die queere Bewegung einsetze, für alles, was mit Vielfalt und Freiheit und einem bunten, positiven Deutschland zusammenhängt, ist mir das wirklich ein Bedürfnis.
Auch mit zunehmendem Alter werde ich nicht müde, ernüchtert oder pessimistisch
Wir erleben ja gerade einen Backlash. Sind Sie manchmal frustriert und denken: Wie konnte es dazu kommen? Wir waren doch schon viel weiter.
Nein, ich bin nicht frustriert. Ich beobachte das sorgenvoll. Aber auch mit zunehmendem Alter werde ich nicht müde, ernüchtert oder pessimistisch. Ich glaube einfach, dass negative Einflüsse oder Entwicklungen dazugehören. Auch das Abschiednehmen von Dingen, die wir für selbstverständlich gehalten haben, beispielsweise Demokratie. Die Zeit, in der ich diese 70 Jahre verbringen konnte, waren sehr gute Jahre. Die Bundesrepublik Deutschland war ein Land, das sich sehr gut entwickelte.
Und jetzt müssen wir uns von dieser Gewissheit verabschieden?
Jetzt haben wir mitten in Europa, übrigens zum zweiten Mal nach dem Bosnienkrieg, einen Krieg, der uns sehr zu denken geben sollte. Wir sind alle Meister im Verdrängen und wollen nicht wahrhaben, dass wir uns tatsächlich von bestimmten Dingen verabschieden müssen. Wir konnten uns immer mit guter und billiger Energie versorgen. Das ist vorbei. Wir hatten eine Schutzmacht USA, und plötzlich hat sich die ganze Welt auf den Kopf gestellt, beziehungsweise bösartige Männer sind dabei, vieles in dieser Welt zu zerstören. Wir haben Lebensgewissheiten verloren.
Wie gehen Sie damit um? Viele Menschen empfinden mittlerweile eine gewisse Resignation.
Wir wissen nicht, wohin die Entwicklung geht. Aber das heißt für mich nicht, dass ich den Kopf in den Sand stecke. Ich kann nur versuchen, mich um mich herum einzusetzen für die Dinge, die ich für richtig halte. Ich habe mich immer auf die Seite derer gestellt, die Unterstützung brauchen. Seien das Frauen über Medica Mondiale, sei es das kleine Land Burundi mit Burundikids. Ich bin Mitglied im Kuratorium der Aids-Stiftung und setzte mich auch für die queere Community ein. Das ist es doch, was ein Leben sinnvoll macht.
Vermissen Sie eigentlich manchmal das Fernsehen?
Überhaupt nicht. Ich blicke mit großer Zufriedenheit auf diese Zeit zurück. Es waren insgesamt 40 Jahre, die ich Fernsehen gemacht habe. Das war ein so wichtiger Teil in meinem Leben, und das trage ich als Schatz mit mir. Aber ich vermisse es nicht. Zumal ich ja jetzt die Möglichkeit habe, in meinem Podcast „Zwischen den Zeilen“ wirklich tolle und inspirierende Gespräche zu führen. Das ist für mich fast eine Weiterentwicklung, und zwar eine sehr zeitgemäße.
Fernsehen ist nicht mehr zeitgemäß?
Das Programm in der bisherigen Form ist nicht mehr zeitgemäß. Und wenn ich dann lese, dass der Westdeutsche Rundfunk mehr als 50 Prozent seines Programms einsparen will, kann ich nur den Kopf schütteln.
Sie sind eine der Protagonistinnen des neuen Dokumentarfilms „Was haben wir gelacht“ über Frauen im Fernsehen und in der Humorbranche. Zu sehen, mit wie viel Sexismus Sie und andere Frauen wie Maren Kroymann oder Hella von Sinnen konfrontiert waren, macht wütend. Wenn Sie auf junge Kolleginnen blicken: Haben sich die Dinge zum Guten entwickelt?
Manchmal reißt mir bei diesem Thema die Hutschnur. Wenn ich an Dieter Nuhr denke, an seine unglaublich misogynen Bemerkungen zu Femiziden, die sind so ungeheuerlich aggressiv und dämlich. Das muss man erst mal hinkriegen.
Ich glaube, Witze von Frauen und Witze von Männern unterscheiden sich ganz fundamental
Hat Sie das überrascht?
Man hält es doch nicht für möglich, dass ein Mann, der nicht gerade auf den Kopf gefallen ist, im Jahr 2026, zeitgleich mit dem Erscheinen dieses Films einen solchen vermeintlichen Witz macht. Das ist das Deprimierende an der Geschichte: Solche Leute haben überhaupt nichts begriffen und sind geprägt von einer tief sitzenden Frauenverachtung.
Wir sind also nicht wirklich weitergekommen?
1979 erschien ein Buch bei Luchterhand von Karin Huffzky: „Das Frauenbild im Männerwitz“. Was sie damals geschrieben hat, bezog sich nicht auf Fernsehen, sondern auf ganz normale Witze. Sie hat alles aufgelistet, was da an Frauenverachtung und wirklich auch Frauenhass drin war. Und fast ein halbes Jahrhundert später haben wir genau das Gleiche, wenn wir auf das Fernsehen gucken, auf das Leitmedium, und erleben diese geballte Form von unglaublicher Degradierung von Frauen.
Definieren Frauen Humor anders als Männer?
Ich glaube, Witze von Frauen und Witze von Männern unterscheiden sich ganz fundamental. Frauen brauchen kein schlechtes Frauenbild, um Witze zu machen. Bei sehr vielen Männern ist das anders.
Wie sehr ist diese Rückwärtsgewandtheit mit dem Erstarken von Populismus und Rechtsextremismus verknüpft?
Wenn ich mir angucke, was für ein Frauenbild von den AfD-Oberen verkörpert wird, stockt mir der Atem. Ich nehme Alice Weidel jetzt mal raus, die als lesbische Frau eine Sonderrolle spielt. Aber das allgemeine Frauenbild derer, die diese Partei öffentlich vertreten, ist verheerend rückwärtsgewandt. Wenn diese Partei anfängt, tatsächlich Erfolge in einzelnen Bundesländern zu erringen, wird sich das auch im Frauenbild niederschlagen.
Warum sind Sie trotz solcher Entwicklungen immer noch so neugierig auf Menschen, dass Sie jede Woche eine neue Folge Ihres Podcasts aufnehmen?
Weil ich fasziniert von der Frage bin, was einzelne Menschen aus ihrem Leben machen. Eine Biografie beinhaltet auch immer die Möglichkeit des Scheiterns. Damit meine ich nicht, sein komplettes Leben an die Wand zu fahren, sondern bestimmte Biegungen zu nehmen oder zu verpassen. Wo geben manche Menschen auf, wo gehen andere weiter? Das sind Grundfragen, die mich immer interessiert haben. Wahrscheinlich sitze ich irgendwann in einem Seniorenheim, gucke mich um und suche auch da das Gespräch: Wie war dein Leben? Was war richtig, was war falsch?
Bettina Böttinger, geboren in Düsseldorf, begann ihre journalistische Karriere bei der „Bonner Rundschau“, danach wechselte sie zum WDR. 30 Jahre talkte sie am Freitagabend im WDR Fernsehen, seit 2006 im „Kölner Treff“. 2023 hörte sie auf. Am 4. Juli feiert sie ihren 70. Geburtstag.
In ihrem Podcast „Zwischen den Zeilen“ unterhält sie sich mit spannenden Menschen. Die Jubiläumsfolge erscheint an ihrem 70. Geburtstag am 04.07., überall, wo es Podcasts gibt. In dieser Sonderfolge wird sie selbst zur Interviewten. Die Fragen stellt Pierre M. Krause, viele Prominente gratulieren. Der Dokumentarfilm „Was haben wir gelacht“ kommt am 16. Juli in die Kinos.
