Der Historiker Christopher Clark spricht in Köln über die Krisen unserer Zeit, die Stärken Europas und die Möglichkeit eines neuen Weltkriegs.
Christopher Clark bei der lit.Cologne„Iran hat keine Freunde“

Christopher Clark bei der lit.Cologne im WDR-Funkhaus in Köln
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Christopher Clark gehört zu den Menschen, die auf beinahe jede Frage zum Weltgeschehen eine gute Antwort haben. Diese Gabe zeigte der australische Historiker auch bei seinem lit.Cologne-Auftritt im WDR-Funkhaus – lediglich einmal suchte er die Ausflucht ins Anekdotische. Warum er sich so ausgiebig mit deutscher Geschichte beschäftigt, kann sich Clark scheinbar selbst nicht erklären.
Im Lauf des Abends zeichnete sich aber eine plausible Antwort ab. Er misstraue Geschichtserzählungen mit Helden und Schurken, sagte Clark, eine Haltung, die auch sein Buch „Die Schlafwandler“ über den Ersten Weltkrieg prägt. Gleichwohl relativierte Clark die deutsche Schurkenrolle darin nicht, um die Kriegsschuld gerechter zu verteilen. Sondern um die Dynamiken, die zum Krieg führten, besser zu verstehen.
Es wäre dumm, so Clark, Putins Motive nicht verstehen zu wollen
Auf die aktuellen Dynamiken des Weltgeschehens und mögliche Parallelen zu 1914 kam Sonia Mikich, Clarks Gesprächspartnerin, gleich eingangs zu sprechen. Hier gab Clark vorsichtig Entwarnung: Wie damals gebe es zwar heute eine „Anhäufung von Krisen“, doch sehe er nicht die „Eskalationsmechanismen“, die zu einem dritten Weltkrieg führen könnten. Der Krieg in der Ukraine sei ein klassischer Stellvertreterkrieg, und auch im Irankrieg gebe es keine direkte Konfrontation zwischen den Weltmächten. „Der Iran hat keine Freunde“, fasste er die Lage des Mullah-Regimes zusammen.
Eingehend befragte Mikich ihren Gast nach der Dynamik, die zu Russlands Überfall auf die Ukraine führte. Es wäre dumm, so Clark, Putins Motive nicht verstehen zu wollen, und erinnerte an die „gefährliche Machtasymmetrie“ nach dem Zerfall des Warschauer Pakts. Während der Westen teilweise der Hybris erlag, die Welt dominieren zu können, habe Putin die „Niederlage zum Lebensprinzip“ gemacht und daraus das Recht abgeleitet, in der Ukraine „zurückzuschlagen“. Vom Gedanken, die Ukraine könne verlorene Gebiete zurückerobern, müsse man sich verabschieden und „in den Grenzen des Möglichen agieren“, so Clark. Für die Ukraine könne dies etwa eine Zukunft nach dem Vorbild Finnlands bedeuten, blockfrei, aber mit starker Westbindung.
Eher pflichtschuldig kam Mikich auf Clarks aktuelles Buch zu sprechen. Darin schildert er eine Schmutzkampagne gegen zwei evangelische Prediger, die im Preußen der 1830er Jahre als irrationale Sektierer in Verruf gebracht wurden. Selbst aufgeklärte Staatsreformer beteiligten sich an der Hetze, weil sie sich, so Clark, auf der richtigen Seite der Geschichte wähnten. In der Affäre würden sich bereits die Mechanismen heutiger Medienskandale zeigen; sie sei zudem ein Beispiel für die Grenzen liberaler Toleranz.
Auf der richtigen Seite der Geschichte glaubt sich auch das demokratische Europa – und muss nun miterleben, wie illiberale Kräfte weltweit an Gewicht gewinnen. Der von Mikich konstatierte „Rechtsruck“ beunruhigt auch Clark. Allerdings habe Europa „noch nicht einmal angefangen, über seine Stärken nachzudenken“. Das westliche Gesellschaftsmodell sei nach wie vor attraktiv, auch wenn es „Dissonanzen“ zwischen den eigenen Idealen und dem eigenen Handeln gebe. Europa müsse sich als „Verteidigungsgemeinschaft“ neu erfinden, ohne diese Ideale preiszugeben, so Clark. „Es gibt Dinge, für die es sich zu kämpfen lohnt.“

