Das Even-Flow-Festival am Kölner Tanzbrunnen bot an zwei Tagen ozeanische Gefühle für gestresste Erwachsene.
Even-Flow-Festival in KölnDer gut chlorierte Swimmingpool der Seele

Die neuseeländische Sängerin Aldous Harding tritt beim Even-Flow-Festival im Kölner Tanzbrunnen auf.
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Ich war 16 und hasste mein Leben. Der einzig gute Moment war ein Sommertag an einem Hotel-Swimmingpool. Im chlorierten Wasser treibend, am Beckenrand lümmelnd, im Walkman „Digging Your Scene“ von den Blow Monkeys und „Marlene on the Wall“ von Suzanne Vega. Ozeanische Gefühle.
Diesem flirrenden Schwebezustand hat sich auch das Even-Flow-Festival verschrieben, das am Samstag und Sonntag auf drei Bühnen im Kölner Tanzbrunnen stattfand. Musik für Menschen, die zwar die Nöte der Pubertät lange hinter sich gelassen haben, sich dafür aber zwischen Arbeit und Care-Arbeit aufreiben, und nicht weniger nach dem inneren Swimmingpool sehnen, in dem die Seele treiben kann.
Dafür gibt es entsprechende Playlists, und das „Even Flow“ ist ja tatsächlich mit fliegenden Wechseln und Musik der milderen Sorte auf optimale Durchhörbarkeit hin kuratiert, das Leben ist ja hart genug.
Musik der milderen Sorte, das Leben ist ja hart genug
Da sonnt man sich dann also von Kopfhörern umpuschelt auf pastellfarbenen Decken vor der „Silent Stage“ und hört zwei Schwestern aus Amsterdam – Sarah Julia – in Close Harmony singen. Ein freundlicher Mensch verteilt Sonnenmilch, man fühlt sich gut aufgehoben, fast familiär.
Brenda Corijn, die Sängerin der belgischen Band Ão, die portugiesischen Fado-Gesang mit Tropicália und pulsierender Elektronik verbindet, berichtet von ihrer Mutter aus Mozambique; der kurzfristig eingesprungene Düsseldorfer Singer-Songwriter Stefan Honig vom Schulfest seiner Tochter, von dem er gerade angereist ist.
Es gibt aufregendere Popmusik, aber hier will man ja gerade weg aus der Hype-Maschine. „Im Moment sein. Zuhören“, wirbt das Festival, und tatsächlich hat man selten ein derart aufmerksames, dem jeweiligen Artist zugewandtes Publikum erlebt. Ihr Lieblingstier sei die Schnecke, sagt die in Berlin aufgewachsene irisch-norwegische Pianistin Tara Nome Doyle auf der Indoor-Bühne im Theater am Tanzbrunnen. Zuletzt hat sie die Musik zum Sandra-Hüller-Film „Rose“ beigetragen. „Langsam und stetig gewinnt man das Rennen“, geht ihr Schneckenlied. Das Publikum lauscht sitzend. Später, am selben Ort, erhebt es sich, um die Herzensergießungen von Tristan Brusch einzusaugen. Der Liedermacher singt von verkorkster Kindheit und Baggersee-Romantik, von großen Gesten, die dennoch am Herz vorbeigehen, und von verloren gegangener Relevanz: „Im Unterschied zu heute, hat uns alles was bedeutet.“
Tristan Brusch singt von verkorkster Kindheit und Baggersee-Romantik
Die Gefühlsaufladungen der Jugend wird man nicht mehr zu fassen bekommen, die hat der Alltag abgerieben. Aber die Sehnsucht nach Leichtigkeit, die wird an diesen zwei Tagen immer wieder erfüllt. Etwa im schwizerdütschen Chanson, in dem Dino Brandão eine wilde, aber letztlich harmlose Polizeiverfolgungsschnurre aus seinen Sturm-und-Drang-Jahren erzählt. In den schwerelos angejazzten Arrangements, über denen die in Berlin lebende Südafrikanerin Alice Phoebe Lou nach einem etwas unkonzentrierten Anfang ihren federleichten Sopran fliegen lässt.
Und in den sanft karikierenden, aber auf erfrischend unkitschige Weise das Leben und das Verliebtsein feiernden Stücken von Die Höchste Eisenbahn, der Band des Songschreiber-Teams Francesco Wilking und Moritz Krämer. In seiner Liebesgeschichte von „Isi“ wagt Wilking einen launigen Seitenhieb auf AnnenMayKantereit, die am Abend zuvor das Rheinenergie-Stadion füllten, stellt sich vor, wie es wäre, wenn Henning May sein Lied sänge und Isi ihrem Robert auf den Oberrängen anginge: „Hast Du das etwa diesem Vollidioten da auf der Bühne erzählt?“
Man erhascht sie, die Leichtigkeit, auch im Tom-Petty-artigen Schwung, den US-Indie-Rocker Kevin Morby im tiefenentspannten Mittleren Westen seines Heranwachsens findet. Sagenhaft gutes Gefühl. Noch upliftender gerät der Auftritt von Beirut. Zach Condon aus Santa Fe und seine wechselnden Mitmusiker sind bereits im 20. Jahr angelangt. Was kaum auffällt, war doch die Nostalgie im Beirut-Sound schon immer eingebaut. Balkan-Folk und Mariachi-Klänge, Synthesizer-Gebrodel und Blechbläser-Stöße von James Last’scher Klarheit: Kein Act wird an diesem Wochenende mehr gefeiert, man wiegt sich im Walzertakt zum Akkordeon, identifiziert sich mit Condons schmachtendem Gesang, der freilich nie die klaren Strukturen der Tracks überlagert: Leidenschaft, ja bitte, aber auch hübsch eingehegt.
Was nach zwei Tagen bleibt, sind jedoch gerade die Künstlerinnen, die sich dem allgemeinen Wohlgefühl verweigern. Sophia Kennedys düster voranpreschendes Set, das den ersten Tag beschließt. „Man soll mich begießen, überschütten mit Liebe“, fordert die amerikanische Hamburgerin im finalen, einzig auf Deutsch gesungenen Lied – quasi ihrer Version von Hildegard Knefs „Für mich soll’s rote Rosen regnen“. Als große, dunkle Stimme schloss Stella Sommer alias Die Heiterkeit am nächsten Nachmittag direkt daran an. „Ich fürchte fast, wir sitzen alle in der Falle“, singt Sommer, mehr Nico als Knef. Und seufzt: „Manchmal hilft nur noch Schwarze Magie.“
Noch eindrücklicher wirkt nur die neuseeländische Kammerpop-Künstlerin Aldous Harding. Die verweigert sich völlig der plaudernden Verbindlichkeit: „Ich rede nicht viel, weil ich glaube, dass ich schon alles sage.“ Meint: mit ihren Songs, sämtlich sperrige Kleinode, in denen kein Ton ihrer vierköpfigen Band verschwendet ist. Das sprengt den Playlist-Charakter des Festivals, pinkelt, wenn die Metapher erlaubt ist, in den sauber chlorierten Swimmingpool. Zum Glück, man muss sich auch mal abstoßen können, will man die Schwerelosigkeit genießen.
