Slime, The Damned und die Sex Pistols schickten in der Schanzenstraße die Fans ins Moshpit. Die rempelten sich auch nach einem halben Jahrhundert noch fröhlich an.
Sex Pistols in KölnSo feierten sie 50 Jahre Punk im E-Werk

Sex-Pistols-Gitarrist Steve Jones mit Gastsänger Frank Carter
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Der Abend im Kölner E-Werk ist noch jung, kaum 18 Uhr vorbei, doch das Moshpit wurde bereits eröffnet. Männer in gestandenem Alter rempeln sich fröhlich an. Einige von ihnen dürften schon Rente beziehen, „Exploited“- und „Punks not dead“-T-Shirts spannen im Bauchbereich.
Punk mag nicht tot sein, in die Jahre gekommen ist das Genre aber auf jeden Fall. Als Urknall der britischen Punkbewegung gilt das Londoner Konzert der Ramones vor fast genau 50 Jahren, am 4. Juli 1976 im Roundhouse. The-Damned-Drummer Rat Scabies und The-Adverts-Bassistin Gayle Advert waren damals im Publikum. Und neben ihnen standen noch viele andere, die bald darauf ihre eigenen Bands gründeten, oder im Roundhouse zum ersten Mal begriffen, dass sie Teil einer größeren Jugendbewegung waren.
Sie waren, wie es der Punk-Historiker Jon Savage später formulieren würde, Charles Dickens’ postmoderne Kinder. Perspektivlose Teenager, die den Lähmungszustand des Landes mit ausgestellter Teilnahmslosigkeit und gewalttätigen Gesten auf die Spitze trieben.
Die Zukunft hat die „No future“-Rufe längst überholt
„There is no future in England’s dreaming“, fasste Sex-Pistols-Sänger John Lydon – damals Johnny Rotten – den Verneinungsgeist des Punk in einer bündigen Zeile zusammen. Und auch an diesem Abend in Köln echot der Schlachtruf „No future“ aus hundert Kehlen zurück auf die Bühne, wo die Sex Pistols noch einmal „God Save the Queen“ spielen. Nur Lydon fehlt, der ist inzwischen Amerikaner und Maga-Anhänger geworden.
An seiner Stelle grölt im E-Werk Frank Carter, ein live-erprobter, gründlich durchtätowierter Punk-Shouter. Lydons nasales Gehöhne ersetzt Carter durch gut gelaunte Konfrontation. Das passt tatsächlich viel besser zu den „No future“-Rufen aus dem Saal, die sich weder gegen die britische Monarchie noch gegen sonst irgendein „faschistisches Regime“ richten, wie es im Song heißt. Sondern die nostalgisch verklärte Erinnerung an eine Zukunft aufrufen, von der man einmal glaubte, sie nicht haben zu werden. Oder – in vorauseilendem Nihilismus – auch gar nicht haben zu wollen.
Die dann aber trotzdem einfach so stattfand, im Gepäck die Zumutung, als konsequent Nicht-Einverstandener in Würde zu altern. Kann das wirklich gelingen, oder setzt man dem System nur seinen eigenen Verblendungszusammenhang entgegen?
„Lass uns niemals so sein wie die“, lautet das Versprechen, das Tex Brasket am Anfang des Abends der früh moshenden Menge gibt. Brasket ist seit fünf Jahren Sänger von Slime, einer der ältesten und radikalsten deutschen Punkbands.
Auch deren Geschichte beginnt mit den Ramones, mit Hamburger Gymnasiasten, die ihre gemeinsame Begeisterung für die amerikanischen Punk-Pioniere entdeckten. Aber mit dem ersten Album von The Damned, an dessen Erwerb sich Gitarrist Michael Mayer, das einzig verbliebene Originalmitglied, in Köln wehmütig erinnert. Sie bleibt nicht aus, die Nostalgie. Mayer erinnert sich an The Damned, ich erinnere mich an die erste Slime-Platte, die der ältere Junge aus dem Nachbarhaus mir auf Kassette überspielt hatte. Ein Initiationsritual, ich war elf oder zwölf, Slime markierten den größtmöglichen Abstand zu den James-Last-Platten der Eltern.
Zudem war das Album indiziert, der auch erst 16-jährige Mayer hatte darauf gegen „Bullenschweine“ gewettert. Volksverhetzung, befand die Staatsanwaltschaft, nicht zu Unrecht. Letztlich ging es vor allem um die Punk-Geste der totalen Verweigerung. Die immerhin war gelungen.
The Damned hatten den Sex Pistols eigentlich alles voraus
Sogleich folgen die herbeizitierten The Damned, beinahe in Originalbesetzung. Am Schlagzeug der bereits erwähnte Rat Scabies, an der Gitarre, zu erkennen am roten Barett, der schlaksig-kaspernde Captain Sensible – Anfang der 80er reüssierte er als früher Fun-Punker mit lustigen Solo-Stücken wie „Happy Talk“ und „Wot?“ – und am rock’n’rollig verhallten Shure-Mikrofon der immer noch äußerst stylishe David Vanian.
The Damned hatten den Sex Pistols eigentlich alles voraus, hatten mit „New Rose“ im Oktober 1976 die erste britische Punk-Single veröffentlicht, gefolgt vom ersten Album, dem ersten Auftritt in den USA, etc. Sie waren auch eine der ersten Bands, die sich 1978 wieder vom Punk lossagten. Vanian, der seinen Künstlernamen von „transsylvanian“ ableitet, darf als Miterfinder des Gothic Rock gelten.
Trotzdem sind The Damned dazu verdammt, auf ewig als Drei-Akkorde-Unholde aufzutreten – und als halbernste Propheten der wahrhaft zerstörerischen Erlöser, der Sex Pistols. Interessanterweise haben beide Bands eine Coverversion von Iggy Pops The Stooges im Programm, dem anderen großen US-Vorbild der britischen Punker. Die Damned beschließen ihr Set mit dem schwergängig psychedelischen „1970“, die Pistols entscheiden sich für das eingängigere, eindeutigere „No Fun“.
Aber sie beginnen mit dem herrlich zynischen „Holidays in the Sun“, Johnny Rottens Postkarte von einem längeren Berlin-Aufenthalt. Er liebte die Mauerstadt, in der Bowie und Iggy den kurzen Punk-Sommer aussaßen, an dem sie nicht ganz unschuldig waren.
Riff-Meister Steve Jones und das Original-Rhythmus-Team Paul Cook und Glen Matlock geben auf der Bühne zwar leicht gelangweilte Indifferenz vor, spielen freilich immer noch mit dem Killer-Instinkt ihrer frühen Tage. Matlock war Anfang 1977 vom selbstzerstörerischen Sid Vicious ersetzt worden, laut Pistols-Svengali Malcolm McLaren, weil er die Beatles mochte, laut Matlock selbst, weil er den ganzen „Bullshit“ um die Band satt hatte.
Ohne Bullshit klingen die Pistols wie eine durchaus bodenständige, wenn auch gründlich entschlackte Hardrock-Band. Und dennoch gibt es nur eine Handvoll ähnlich einflussreicher Acts in der Geschichte der populären Musik. Wie das sein kann? Es liegt an der ungebremsten Aggression, mit der sie damals gegen das Establishment zu Felde zogen. „Geschichte“, schreibt Jon Savage, „wird von denen gemacht, die Nein sagen.“ Und kein „Nein“ war grundsätzlicher als das der Sex Pistols: Sie kündigten alle gesellschaftlichen Verträge auf. Beschimpften ihr Publikum, ihre Plattenfirma, ihre musikalischen Vorbilder und die Queen.
Die ist tot, auch die EMI („every mistake imaginable“, lästerte Rotten) gibt es schon lange nicht mehr und die „Anarchy“, die Sänger Carter und die drei Veteranen erwartungsgemäß zum Finale beschwören, wünscht sich niemand ernsthaft herbei. Aber das Moshpit der alten weißen Männer kreist im E-Werk noch einmal mit der Energie von 1976/77. Wenn auch vorwiegend um sich selbst.