Die US-Band Big Thief vereint weißhaarige Neil-Young-Fans und junge Tiktok-Nutzerinnen. Jetzt gaben sie ein herausragendes Konzert im Kölner E-Werk.
Konzert in KölnWie Big Thief die Generationen vereinen

Adrianne Lenker trat mit ihrer Band Big Thief am 14. April 2026 im Kölner E-Werk auf.
Copyright: Martina Goyert
Mit Flugsauriern war am Dienstagabend in Mülheim eigentlich nicht zu rechnen gewesen, aber sei's drum: „Ich bin ein Pterodaktylus“, singt Adrianne Lenker, „fliege über Feldern aus Fraktalen, über Flüsse aus Träumen.“ Falls wir da richtig gehört haben, offizielle Lyrics zum Lied existieren bislang nicht. Big Thief spielen es im ausverkauften E-Werk erst zum zweiten Mal in der Öffentlichkeit. „Ich glaube, das ist im Moment mein Lieblingssong“, hatte Lenker angekündigt und nicht zu viel versprochen.
„Pterodactyl“ schleppt sich trotz der Vogelvorfahrperspektive zäh und vertrackt dahin, und doch traumwandlerisch schwebend, psychedelisch angehaucht wie auf „U.F.O.F.“, dem Durchbruchsalbum der Band. Von dem spielen Big Thief in Köln kein einziges Stück, und auch von ihren beiden verbrieften Meisterwerken „Two Hands“ und „Dragon New Warm Mountain I Believe in You“ nur jeweils eins, vom ersteren das nun wirklich unverzichtbare, immer wieder aufs Neue erschütternde „Not“, das Kraft aus der Verneinung sammelt, die sich schließlich in einem Gitarrencrescendo ergießt.
Big Thief sind eine Band im immer währenden Umbruch
Selbst von der aktuellen Veröffentlichung, „Double Infinity“, stehen lediglich drei Songs auf der Setliste. Stattdessen etliche nie zuvor gehörte, dazu noch sechs folkige Solostücke von Lenker im härter rockenden Arrangement und das 13 Jahre alte „Wallet“ vom Rhythmusgitarristen Buck Meek, an dessen letzte Strophe sich weder Lenker noch der Komponist selbst erinnern können. Aber weil es der Sängerin schon seit Tagen beharrlich im Kopf herumschwirrt, wie ein kreisender Pterodaktylus, möchte man sagen, musste es einfach raus.
Und genau das macht ja den Reiz der Band aus, die sich einst in Brooklyn zusammengefunden hat, deren Musik jedoch viel weniger nach New York als nach der Weite des restlichen Landes klingt. Lenker ist in einem christlichen Kult in Minnesota aufgewachsen, Meek in einer texanischen Kleinstadt. Wenn Big Thief nicht mit den Gesetzmäßigkeiten des Geschäfts Schritt halten, liegt das daran, um den wesensverwandten amerikanischen Transzendentalisten Henry David Thoreau zu zitieren, dass sie einen anderen Schlagzeuger hören. „Danke, dass ihr uns wachsen lasst“, versucht sich Lenker an einer Halbentschuldigung und verspricht wenigstens für die letzten Minuten des knapp zweistündigen Konzerts drei bekannte Lieder. Wir erleben eine Band im – vielleicht immerwährenden – Umbruch.

Big Thief im Kölner E-Werk.
Copyright: Martina Goyert
Am Anfang der Aufnahmen zur doppelten Unendlichkeit hatte Bassist Max Oleartchik das Quartett verlassen. Ein tiefer Einschnitt, denn so sehr die Band von Lenkers gottbegnadeter Songschreibekunst lebte, so sehr definierte sie sich als Gruppe von vier Personen, die über viele Jahre hinweg gelernt hatten, sich zu einem großen Ganzen zu verspinnen, zu einer von Magie und emotionaler Intelligenz zusammengehaltenen Einheit, in der selbst die Scheidung von Adrianne Lenker und Buck Meek anno 2018 keinen hinreichenden Grund darstellte, eine laufende Tour zu unterbrechen. Das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ hat vergangenes Jahr einen Artikel veröffentlicht, in dem Big Thief als Best-Practice-Beispiel für gelungenes Teambuilding dienen.
Mit dem einfühlsamen Jazz-Bassisten Joshua Crumbly, einem Schüler des großen Ron Carter, hat man bestmöglichen Ersatz gefunden. Und doch hat sich die Dynamik verschoben, Crumbly scheint mehr auf Lenker zu hören denn auf Schlagzeuger James Krivchenia. Der hat sich auf der Kölner Bühne ein grünes Netz über den Kopf geworfen, als hätte man ihn gerade frisch aus dem Meer gefischt.
Wohin sich die Dynamik verschoben hat? Natürlich zu Lenker selbst, deren fragile (aber resiliente) Solosongs wie „Vampire Empire“ – das gleich als zweites Stück gespielt wird – zwischenzeitlich auf Tiktok Karriere gemacht haben, weshalb sich in den ersten Reihen der Halle nun textsicher mitsingende, noch sehr junge Mädchen tummeln, während weiter hinten die sehr viel Älteren mit den Füßen wippen, es ist ein echtes Treffen der Generationen. Man kann eben auch problemlos an Big Thief anschließen, wenn man sonst nur Rocksaurier Bob Dylan und Neil Young hört.
Vor allem an Letzteren erinnert Lenker zusehends, wie sie immer wieder zum Gitarrenverstärker wandert, um diesen für ein abschließendes Solo voll aufzudrehen oder krachfiependes Feedback zu erzeugen. Selbst ein früher Song wie „Real Love“ – „Wahre Liebe färbt deine Lungen schwarz, wahre Liebe ist ein Herzinfarkt“, singt Lenker darin – endet jetzt in einer, freilich nicht nur technisch virtuosen, sondern tief empfundenen Gniedelorgie. Es ist das Gegenmodell zur gängigen Popshow, unberechenbar, der eigenen Nase folgend, und trotzdem weit offen zum Publikum, als befänden wir uns hier alle zusammen auf Bandprobe, die nichts anderes ist, als das Leben selbst.
