Geese, vier Schulfreunde aus Brooklyn, haben geschafft, was man eigentlich für unmöglich gehalten hat: Man spricht wieder über Rockmusik. Das Kölner Konzert zeigt, warum.
Geese im PalladiumDie hippste Band der Welt spielt eine Hommage an die beste Band Kölns

Geese-Sänger Cameron Winter. Die New Yorker Band spielt am Mittwochabend (18. 3. 2026) im Kölner Palladium.
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Die Bassdrum bringt die Luft zum Zittern, doch das Tempo bleibt zunächst gemächlich. Und das erste Stück des Abends, „Husbands“, ist Ausdruck einer Verweigerungshaltung. „Ich wiederhole, was ich sage. Aber erklären werde ich es nie“, setzt Cameron Winter, der schlaksige Sänger der New Yorker Band Geese, in seinem trunken schwankenden Bariton an. Man müsse seine Zeit also gar nicht erst mit dem Versuch verschwenden, fährt Winter fort, ihn zu verstehen. Sich nicht nur unverstanden zu fühlen, sondern auch noch stolz darauf zu sein, gehört zu den Privilegien der Jugend. Das (nicht nur) junge Publikum im ausverkauften Palladium singt denn auch sofort enthusiastisch mit, im selben lang gezogenen Trällerton: „You don’t have to waste your time.“
Die vier Schulfreunde (plus einen Tour-Keyboarder) aus Brooklyn sind erst 23, 24 Jahre alt, haben allerdings schon drei Alben veröffentlicht, vier, zählt man Cameron Winters Solodebüt „Heavy Metal“ mit. Ausgerechnet mit diesem Nebenprojekt, das sich hörbar nicht um kommerzielle Aussichten schert, begann der erstaunliche Aufstieg der Ostküstengänse in die Ruhmeshalle des klassischen Rock, also einer Musik, die es angeblich gar nicht mehr gibt, jedenfalls nicht als lebendige Kunstform.
Cameron Winter singt wie Orpheus aus der Unterwelt
Winter klang darauf wie Orpheus aus der Unterwelt, wie der junge Van Morrison auf seinem versponnenen Meisterwerk „Astral Weeks“ (1968), schrieben viele. Mich erinnerte er eher an Tim Buckleys seltsame Sirenengesänge auf „Starsailor“ (1970), aber letztlich hört sich Winter eben an wie Winter und seine Geese vereinen derart viele Einflüsse auf die allernatürlichste Weise, dass sie jeden Vergleich ad absurdum führen.
Aber wo wir schon mal in Köln sind, möchte ich doch nicht unerwähnt lassen, dass die Tracks auf dem aktuellen, überaus erfolgreichen Album „Getting Killed“ fast durchgängig einem motorisch pulsierenden Rhythmus folgen, wie man ihn von deutschen Krautrock-Schlagwerkern kennt, von Klaus Dinger (vom Düsseldorfer Duo Neu!) und Jaki Liebezeit (von Kölns ewig bester Band Can).
Wie zur Bestätigung interpoliert Geese-Drummer Max Bassin im Song „2122“ (vom vorletzten, musikalisch völlig andersgearteten Album „3D Country“) Liebezeits „Halleluwah“-Beat und Winter blökt dazu Damo Suzukis „Searching for my brother, yes, I am“ – und kaum sind die Kölner Vorbilder exorziert, nimmt das Konzert noch einmal gewaltig an Fahrt auf: „100 Horses“ löst eine Stampede in der Halle aus. Alles tanzt, rempelt, mosht. Das Gestern löst sich auf im allmächtigen Augenblick. Und selbst ich, alt genug, mich an eine Zeit erinnern zu können, als Rock die Rede über Musik regierte und gniedelnde Jungs das große Ding waren, stürze mich ins Getümmel und bekomme ob dieser Hybris prompt einen – versehentlichen – Nasenstüber verpasst.
Alles tanzt, rempelt, mosht
Aber auch dieser Schmerz verflüchtigt sich im Hier und Jetzt, in der Ekstase der Musik, in der wolkigen Schönheit von „Cobra“, im dunkel-dynamischen „Bow Down“, das den „Halleluwah“-Beat wieder aufnimmt und einem festivaltauglichen Blues-Chorus zuführt. Beim ersten Stück erinnert Emily Greens Gitarre an Mittagssonnenlicht, das auf einer Wasseroberfläche irisiert. Bei Letzteren an einen delirierenden Keith Richards.
Ein paar Mal muss ich während des knapp anderthalbstündigen Sets tatsächlich an die tollen, ollen Rolling Stones denken. Weniger wegen direkter musikalischer Ähnlichkeiten, eher weil Geese dieselbe zupackende Lockerheit beherrschen, wie sie ihre Altvorderen einst auf „Exile on Main St“ oder „Black and Blue“ praktizierten. Lang, lang ist's her. Ob hipper Gitarrenrock, wie zuletzt vor einem Vierteljahrhundert mit „Is This It“ von den Strokes, eine erneute Renaissance erleben wird?
Die Kölner Geese-Show musste zweimal in größere Hallen hochgebucht werden, im Ausland waren sämtliche Auftritte bereits Monate zuvor ausverkauft. Kommenden August will die Band schon wieder in Köln spielen und diesmal den Tanzbrunnen füllen. Bei ihrem letzten Köln-Konzert, erinnert sich der sonst eher maulfaule Cameron Winter, hätten sie noch in irgendeinem kleinen Kellerclub gespielt.
Jetzt sind sie der heißeste Act des Planeten: „I'm going to the moon“, wiederholt Winter im neuen, unverhohlen aggressiven Song „Apollo“, lässt seinen Ausflug als verhallten Loop laufen, immer schneller, bis er die Bandschleife mit einem Schrei beendet: „Ich fliege zum Mond und du bezahlst das Ticket, Motherfucker!“ Die Gitarren bratzen, der Bass hämmert, das Schlagzeug versucht, sich selbst zu überholen. Das Palladium flippt jetzt endgültig aus. Lange konnte man nicht mehr so schön seine Zeit und die allerletzten Reste seiner Jugend verschwenden.

