Alex Kapranos, Sänger der schottischen Band Franz Ferdinand, über seinen späten Erfolg, sein griechisches Erbe und die Freuden und Ängste der Elternschaft.
Konzert im PalladiumWarum Franz Ferdinands Alex Kapranos in Köln den Hut herumgehen ließ

Die schottische Rockband 'Franz Ferdinand' tritt mit Sänger Alex Kapranos auf dem Festival in Hradec Kralove auf. +++ dpa-Bildfunk +++
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Alex Kapranos, ich kann mich gut an das erste Franz-Ferdinand-Konzert in Köln erinnern. Das war im November 2003, ein Showcase im Stadtgarten. Ihre Hit-Single „Take Me Out“ war noch gar nicht erschienen, aber es war sofort klar: Das hier wird groß.
Das war ein ganz besonderer Moment. Du spürst, dass du etwas Aufregendes hast, etwas, das der Rest der Welt bislang nicht kennt. Aber wissen Sie, so fühlt es sich heute noch an, wenn wir eine neue Platte aufnehmen. Als hätte jemand Geburtstag, und du hättest ihm ein Geschenk besorgt und wartest jetzt darauf, dass er es auspackt. Ich habe übrigens in den 90ern mit meiner Band The Karelia zum ersten Mal in Köln gespielt. Da hat uns der Clubbesitzer eröffnet, dass wir keine Festgage bekämen, er würde einen Hut herumgehen lassen. Zuerst war ich empört, aber am Ende haben wir in Köln dreimal so viel eingespielt wie in anderen Städten. Seitdem verspüre ich eine starke Zuneigung zu Köln.
Sie haben ein Jahrzehnt lang erfolglos in anderen Bands gespielt, sich als Koch, Schweißer, Lieferfahrer oder Barmann über Wasser gehalten. Wann war Ihnen klar: Das ist es jetzt, mit Franz Ferdinand wird es funktionieren?
Als wir die Band zusammenstellten, spielte Nick McCarthy Schlagzeug und Paul Thomson Gitarre – dabei ist Nick kein Schlagzeuger und Paul kein Gitarrist. Es klang laienhaft, auf eine lustige Art, wie ein albernes Kunstprojekt. Dann sagte ich den beiden, sie sollen die Plätze tauschen, und plötzlich spürte ich, dass hier Magie entsteht. Wie Sie sagten, in den 90ern spielte ich in verschiedenen Bands und hatte verschiedene Jobs – ich war aber auch Veranstalter. Ich hatte einen Club, in dem ich zweimal pro Woche Bands aus dem Großraum Glasgow auftreten ließ. Viele waren gut. Ganz wenige wirklich außergewöhnlich. Einige dieser Künstler wurden tatsächlich berühmt, wie Mogwai, Stuart Murdoch von Belle and Sebastian oder The Delgados. Aber es gab auch andere tolle Menschen und Bands, deren Namen Ihnen nichts sagen werden, weil sie diese Szene nie verlassen haben. Ich wusste, dass ich mit Franz Ferdinand etwas Gutes hatte – aber ich wusste auch, dass die Mehrheit der Acts es nie aus Schottland herausschafft. Die Welt muss bereit sein für das, was du machst. Die Welt war nicht bereit für die Musik, die ich in den 90ern machte. Aber 2003, 2004 war sie es.
Die Welt muss bereit sein für das, was du machst. Die Welt war nicht bereit für die Musik, die ich in den 90ern machte. Aber 2003, 2004 war sie es.
Jetzt zeigt sich die Welt schon seit zwei Jahrzehnten mehr als bereit für Franz Ferdinand.
Manchmal mehr, manchmal weniger. Das habe ich bei vielen Künstlern erlebt, die ich toll finde. Als Teenager liebte ich Leonard Cohen. Der galt aber in den 1980ern als uncool, fast schon als Witz.
Ich erinnere mich daran, wie mein Vater in der Tür zum Kinderzimmer stand, als ich gerade Leonard Cohen entdeckt hatte, und mich dafür ausschimpfte, diesen alten Hippie-Mist zu hören.
Mein Vater war genauso! Als Teenager hörte ich viel Musik aus der Jugendzeit meines Vaters. Ich liebte Peter Greens Fleetwood Mac. Mein Vater hasste es: „Diese Musik, das ist doch nur verdammtes Schlagzeug!“ Jetzt bin ich selbst Vater und neugierig, ob mein Sohn irgendwann Musik von meinen Zeitgenossen hören wird, bei der ich dann denke: „Oh, nicht ausgerechnet den!“
In den Nullerjahren gab es viele großartige Bands. Aber von denen hört man heute nur noch wenig. Was machen Sie anders?
Ich habe kürzlich The Hives spielen sehen, und ich finde, sie haben noch immer die Energie in ihrer Performance, die sie hatten, als ich sie vor über 20 Jahren zum ersten Mal sah. Oder nehmen Sie The Cribs, mit denen ich vor 20 Jahren zusammengearbeitet habe. Deren nächstes Album ist großartig. Und dann gibt es Bands, die nur noch ihr eines großes Album aus dieser Zeit auf Tour spielen – auch in Ordnung. Nur für mich wäre das nichts. Ich spiele zwar immer noch gerne die Songs aus dieser Zeit, aber ich empfinde mich weiterhin als lebendige kreative Kraft.
Aber was macht die Langlebigkeit von Franz Ferdinand aus?
Ich glaube, es ist dieses alles verzehrende Feuer, das in dir brennt und dich überhaupt erst zum Künstler macht, gegen jede logische Überlegung – du wirst ein Leben in Armut führen. Das ist deine Identität, egal welches Medium du nutzt. Picasso schuf bis zu seinem letzten Atemzug. Einer meiner Lieblingsfilme von Hitchcock ist „Frenzy“. Sein vorletzter, aber man sieht, dass der kreative Antrieb derselbe ist wie zu Beginn seiner Karriere. Ich glaube, es ist wichtig, die eigene Persönlichkeit als Künstler nicht zu verbergen. Wenn wir eine Franz-Ferdinand-Platte herausbringen, soll man spüren, dass es eine Franz-Ferdinand-Platte ist – nur soll sie eben nicht sein wie die letzte.
Was mich an Ihren neuen Song „Black Eyelashes“ denken lässt. Auch wenn man sofort erkennt, wer da singt und spielt, ist er doch ganz anders als jeder andere Song, den Sie jemals veröffentlicht haben.
Ja, auf anderen Franz-Ferdinand-Songs kommen jedenfalls keine Bouzoukis zum Einsatz.
Es ist das erste Mal, dass Sie über Ihr griechisches Erbe geschrieben haben.
Ich hatte den Song geschrieben, nachdem ich gerade aus einer langen Beziehung herausgekommen und nach Athen zurückgekehrt war. Mein Vater war mit zehn Jahren aus Griechenland nach England ausgewandert. Das ist etwas, das allen Kindern von Einwanderern gemein ist: Man weiß, woher man kommt, aber man kommt nicht wirklich von dort. Ich weiß, dass ich Grieche bin, aber nicht in dem Sinne, dass jemand, der Grieche ist, das anerkennen würde. Eine der großartigen Dinge am Songschreiben ist, dass ich über etwas zutiefst Persönliches geschrieben habe, aber seitdem so viele Menschen mir gesagt haben, das Stück habe sie berührt. Es beschreibt eine universelle Erfahrung. Letztes Jahr habe ich „Black Eyelashes“ zum ersten Mal in Griechenland gespielt. Ein seltsames Gefühl.

Die schottische Band Franz Ferdinand
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Sie haben das aktuelle Album „The Human Fear“ genannt – bildet Angst den roten Faden zwischen den Songs?
Ja, aber das war nicht so geplant. Das ist etwas, das ich gelernt habe, als ich mit Kunststudenten in Glasgow abhing. Die schrieben alle ihre Ideen sofort in kleine Notizbücher und schauten dann später hinein, um die gemeinsamen Fäden zwischen diesen Ideen und die sich entfaltende Erzählung zu erkennen – womit sich ihr Unterbewusstsein die ganze Zeit über beschäftigt hatte. Ein ganzes Album nach einem Thema zu schreiben, wäre für mich ein unerträgliches Maß an Künstlichkeit. Ich glaube, es ist viel kraftvoller, sich beim Schreiben alle Freiheiten zu lassen und dann im redaktionellen Prozess das wegzuschneiden, was das unterliegende Thema blockiert.
Und wann wussten Sie, worum es bei „The Human Fear“ geht?
Das Thema schien es erst durch, als ich den letzten Text für das Album geschrieben hatte. Der Song „Hooked“ beginnt mit den Zeilen: „I’ve got the fear, got the human fear.“ Erst da wurde mir klar, wie viele Songs auf diesem Album von Ängsten handeln. „The Doctor“ handelt von der Angst, eine Institution zu verlassen, „Night and Day“ von der Angst, sich auf eine langfristige Beziehung einzulassen. Angst ist das, was uns als Menschen definiert, wie wir auf sie reagieren. Die wichtigen Dinge, die wir im Leben tun, beinhalten alle das Überwinden von Angst.
Meine Ängste waren plötzlich nur noch eine kleine Ablenkung in der Ferne, wie das Rauschen einer Autobahn durch Doppelverglasung.
Haben sich Ihre Ängste mit dem Älterwerden verändert?
Nicht mit dem Alter. Vater zu werden, hat meine Ängste völlig verändert. Wenn man jünger ist, lässt man sich leicht von den großen existenziellen Ängsten überwältigen: die unbegreifliche Unermesslichkeit des Universums oder der Leere nach dem Tod. In „Hooked“ spreche ich über die Liebe, die ich für mein Kind empfand, als es geboren wurde. Ich hatte nie zuvor eine solche Liebe gespürt. Und die hat meine Perspektive auf die großen existenziellen Ängste verschoben. Die waren plötzlich nur noch eine kleine Ablenkung in der Ferne, wie das Rauschen einer Autobahn durch Doppelverglasung.
Ich fand, Vater zu werden, sehr befreiend. Man steht nicht mehr an erster Stelle, muss sich nicht mehr so wichtig nehmen.
Das stimmt. Man ist nicht mehr die Priorität. Das mag ich auch. Aber dann höre ich die Nachrichten, und sie treffen mich auf eine viel schwerere Weise als je zuvor, weil ich mir Sorgen um dieses andere Leben mache, für das ich verantwortlich bin.
Hat die Vaterschaft auch Ihre Perspektive auf die Band verändert? Ist das Touren zu einem größeren Thema geworden?
Ja, absolut. Ich streite mich ständig mit meinem Manager, weil er mich auf Tour schicken will. Früher bin ich eigentlich nie nach Hause gekommen. Aber jetzt will ich bei meinem Kind sein, will kein abwesender Vater sein. Ich kann nicht neun Wochen am Stück wegbleiben.
Also müssen Sie Kompromisse eingehen?
Es geht nicht um Kompromisse. Es geht darum, was wichtig ist. Wenn ich zu Hause bei meinem Kind bin, kann ich schreiben, kann ich Musik machen. Es gibt ein berühmtes Zitat von einem Literaturkritiker: „Der schlimmste Feind guter Kunst ist der Kinderwagen im Flur.“ Vor einigen Jahren habe ich ein Buch für Penguin geschrieben, und meine Lektorin hat mir von diesem Kritiker erzählt: Der war ein gescheiterter Schriftsteller, der völlig verbittert seinen mangelnden Erfolg auf seine Familie schob. Es war nur eine Ausrede. Eltern zu sein, hindert einen nicht daran, seine Träume zu verfolgen. Elternschaft bringt Perspektiven, die man vorher nicht erlebt hat. Man muss nur die Mechanik dieser neuen Konstellation herausfinden.

