Der „Tau mich auf“-Sänger gab ein Konzert im ausverkauften Palladium. Unsere Kritik.
Konzert in KölnDarum schwärmt die Jugend für Zartmann

Der Sänger Zartmann nimmt ein Bad in der Menge.
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Er sei viel zu leicht für diese tonnenschwere Stadt, singt Zartmann im Song mit dem überlangen Titel „Und du suchst noch überall, alles was mal von mir war“. Und glaubt man den Texten des jungen Mannes aus dem Osten Berlins, scheint er ja wirklich leichten Fußes durch grauer Städte Mauern zu tanzen, Liebesschwüre mit Verfallsdatum hinterlassend. „In der ‚Schönhauser EP‘“, schreibt ein Kollege des Musikmagazins „laut.de“ über die bislang letzte Veröffentlichung des gelegentlich rappenden Sängers, „versteckt sich eine interessante Geschichte von einem totalen Wichser.“
Kann man so sagen. Ich würde es eher so formulieren: Zartmann ist halt noch jung. Zu jung für manche Verbindlichkeiten. Wie jung genau, das will er uns ebenso wenig verraten wie seinen Vornamen. Eine Kunstfigur ist er dennoch nicht: „Denn alles, was ich schreib', hab' ich so erlebt“, behauptet er in einem gemeinsamen Stück mit Ski Aggu: „Es geht um Großstadt, paar Drogen und wie du manchmal fehlst.“
Atemlos, verstrahlt und blitzverliebt
Zarti, wie seine Fans ihn zärtlich rufen, ist der erfolgreichste neue Act nach dem Skibrillen-Rapper, sein Song „Tau mich auf“ war die erfolgreichste Single des vergangenen Jahres, ein rhythmisch ungemein reizvoll verstolpertes Lockerlied, in dem der Sänger so atemlos, verstrahlt und blitzverliebt durch die Nacht zieht, wie das die Schlagerkollegen von der Menschen-Leben-Tanzen-Welt-Fraktion eben nur behaupten.
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In Köln lässt er den Überhit zur ersten Zugabe erst einmal vom Publikum singen, damit es endlich raus ist, aus dem System. Das ist überhaupt sagenhaft textsicher, trifft doch Zartmanns Selbsterlebtes zielgenau das Lebensgefühl der Generation Z: eine gewisse Orientierungslosigkeit, gepaart mit der Sehnsucht nach Authentizität. Mitten im Set improvisiert Zartmann mit seinem Schlagzeuger und musikalischen Partner Aaron Lovac einen kleinen Dialog zum Thema „Hat mich der Erfolg schon ruiniert?“, später schwärmen sie davon, wie viele tolle Sommer sie zusammen erlebt haben, als Überleitung zum Song „Sommer“, in dem sich die Berliner Jungs fragen, ob sie eigentlich schon Superstars sind.
Die passende Show dazu hat er schon fast, man wundert sich, dass er noch im – selbstredend ausverkauften – Palladium auftritt und nicht in der Arena, mit aufwendigem Scheinwerfer-Baldachin, der ihn für eine Nummer auch trägt, mit Schattenspielen, Konfettikanonen und einem Überraschungsauftritt mitten im Publikum. „Zu stolz, um einmal kurz nachzudenken, wenn ich mit dir rede“, rappt Zartmann hier als reuiger Loverboy. Schau, ich bin einer von euch, scheint er sagen zu wollen. Nur talentierter.
Es gibt sogar einige Kostümwechsel, allerdings führt der Sänger hier lediglich verschiedene Stücke aus seiner Normcore-Kollektion vor: Jeans, T-Shirt, Lederjacke. Aber das beste Stück im Schrank – und das hat er seinen radiofreundlichen Kollegen voraus – ist seine Haltung. Das erste und das letzte Stück auf der Setlist heißt „Meinen die uns“, eigentlich nur ein weiterer Partytrack wie sein Sommerhit „Eehhhyyy“, aber mitten im Lied schreit Zartmanns betrunkenes Alter Ego: „Fick die AfD! Ich frag' mich wirklich, wer die wählt“. Und so, in eine Vignette aus seinem Feierleben eingebettet, wirkt der Slogan viel lebensnäher als im Protestsong, leuchtet in großen Lettern auf dem Bühnenbaldachin, dazu Konfetti.

