Die neunköpfige Girlgroup aus Südkorea trat in der ausverkauften Lanxess-Arena auf. Und zeigte vorbildlich, wie K-Pop funktioniert.
K-Pop-Stars Twice in KölnWie viel Spaß kann man vertragen?

Die K-Pop-Gruppe Twice in der Lanxess-Arena
Copyright: Philipp Gladsome
Twice ist neben Blackpink der erfolgreichste Girlgroup-Export Südkoreas. Sie sind auch eine der langlebigsten Bands des K-Pop. Vor elf Jahren wurden die neun Twice-Mitglieder im Rahmen einer TV-Show von J.Y. Park, dem Zampano der großen Entertainment-Agentur JYP, gecastet. Seitdem treten sie, mittlerweile auf die 30 zugehend, in unveränderter Besetzung auf – am Dienstagabend zum ersten Mal in Köln, in der ausverkauften Arena.
Seit sie 2015, noch als Teenager, antraten, konnten Nayeon, Jeongyeon, Momo, Sana, Jihyo, Mina, Dahyun, Chaeyoung und Tzuyu den internationalen Siegeszug der koreanischen Popmusik aus der ersten Reihe erleben.
Drei Jahre zuvor hatte der Rapper Psy mit seinem ursprünglich parodistisch gemeinten Song „Gangnam Style“ einen Welthit gelandet, das Video dazu wurde zum meistgesehenen auf Youtube, und auch in jedem deutschen Kindergarten wurde die dort vorgestellte Reiterchoreografie nachgetanzt. Die Wurzeln des K-Pop reichen zwar bis zum Anfang der 1990er zurück, aber „Gangnam Style“ war der Moment, in dem die „Hallyu“, die Welle koreanischer Kultur, endlich auch den Westen erreichte, in dem Bong Joon-hos „Parasite“ den Oscar als bester Film gewann, BTS zur meistgestreamten Band aufstieg und „Squid Game“ und „KPop Demon Hunters“ auf Netflix sämtliche Rekorde brachen.
Ornament der Masse
Twice beförderten ihre Karriere anfangs mit gut gelaunter Niedlichkeit und Meme-fähige Gesten, die Südkoreas Jugend eifrig imitierte. Einige dieser frühen Tracks setzen zum Ende des regulären Sets ein kunterbuntes Ausrufezeichen. Anschließend erschloss man den japanischen Markt: drei Twice-Mitglieder stammen von dort. 2020 traten die jungen Frauen zum ersten Mal in Stephen Colberts „Late Night Show“ auf, drei Jahre später spielten sie im SoFi-Stadium im kalifornischen Inglewood vor fast 50.000 Fans.
In Köln machen sich die aufgestauten Erwartungen schon kreischend Luft, wenn andere, kaum weniger beliebte JYP-Acts, wie die Stray Kids oder Itzy, über die breiten LED-Schirme flimmern. Als schließlich jede der neun Twice-Damen mit Mini-Imagefilm vorgestellt wird – im Cabrio durch Tunnel rasend, über nächtliche Brücken stolzierend, Lolita-mäßig am Kirsch-Lolli lutschend –, während sich die Videowände auf die große Bühne im Innenraum senken, flirrt die Arena im blauen Licht der bandeigenen Leuchtstäbe, die hier jede Zweite aufgeregt schwenkt.
Und da sind sie endlich, alle Neune und ganz in Weiß. Nur eine, Dahyun, muss auf einem Stuhl am Bühnenrand Platz nehmen. Sie hat sich den Knöchel verstaucht und kann nur händisch mittanzen, wirkt dabei ein wenig wie die Gebärdendolmetscherin dieses für Nicht-Eingeweihte wundersamen Geschehens. Später wird sie an einem von einer Kristallstruktur überwucherten Piano sitzen und „Für Elise“ spielen.
Aber zuerst wird mächtig Schau gemacht, üben sich die übrigen acht im Ornament der Masse – die ganze Show ist komplett durchchoreografiert –, ergießen sich rote Luftschlangen übers Publikum, stellen sich die einzelnen Twice-Mitglieder in schnell wechselnden Rap- und Gesangsparts vor, und verteilen sich auf zwei lange Stege und die schmalen Nebenbühnen, zu denen diese links und rechts führen, immer nah an den Fans. Die sind ihren Idolen parasozial verbunden, in jener „Intimität auf Distanz“, die Pophörer seit jeher mit ihren Stars verbindet, die aber erst der K-Pop zur Perfektion gebracht hat.
Vorbild für KPop Demon Hunters
Twice hat, wie andere mitgliederreiche Gruppen aus Südkorea auch, für jeden Persönlichkeitstyp das entsprechende Angebot im Programm: die Toughe, die Süße, die Diva, die Lustige, und es ist sehr befriedigend, zu sehen, wie reibungslos die einzelnen Parts der Performerinnen ineinandergreifen, sich zum Ohrwurmrefrain zusammenschließen, ein Vexierbild der Idealgesellschaft als gut geölte Maschine bilden.
Nach den ersten Songs, darunter „Strategy“ und „This Is For“, ist es Zeit für eine Begrüßungsrunde, in der allerdings nur Binsen wiederholt werden: „Die Stimmung ist super!“ und die wenig kontroverse Aufforderung „Lasst uns Spaß haben!“. Die koreanischen Ausrufe werden alle von der immer selben Stimme ins Deutsche übersetzt, das verstärkt noch den Sprechpuppen-Eindruck. Beim Nicht-Fan führt das zum Adorno-Reflex: Kulturindustrie als Massenbetrug, „Fun ist ein Stahlbad“.

Die K-Pop-Gruppe Twice in der Lanxess-Arena
Copyright: Philipp Gladsome
Das aalglatte Äußere, der scheinbar verordnete Spaß, die generischen Ansagen, die konsequente Substanzverweigerung in den Liedtexten sind hier tatsächlich ästhetisches Programm. K-Pop-Bands wie Twice sind auf ihre ultimative Anschlussfähigkeit getrimmt. Aber der wahre Inhalt ist hier eben die Form. Die Kunst, vielleicht ist es auch nur eine Kunstfertigkeit, liegt in der Feinkalibrierung der bekannten westlichen Popmodelle, im Mikromanagement der Gefühle, im perfekt ausgeführten Ensembletanz, im nahtlosen Genremix.
Im Mittelteil darf sich die unterhalb der Bühne platzierte Band kurz austoben und ihre Fingerfertigkeit beweisen, dann präsentieren sich die einzelnen Twice-Mitglieder als Solo-Sängerinnen. Das erinnert an den Schnelldurchlauf beim ESC, mit Anklängen an Countrymusik, Bollywood-Soundtracks und Disco-Balladen – und mit Jihyos dynamischem „ATM“ als Gewinnertitel.
Anschließend präsentiert die inoffizielle Bandleaderin zusammen mit Jeongyeon und Chaeyoung den „KPop Demon Hunters“-Song „Takedown“, die drei gelten als Vorbilder des animierten Trios im Film.
Am Ende lockern Twice das feste Korsett des Konzerts. Das Publikum darf sich die Zeit bis zur Zugabe mit Tanz-Wettbewerben vertreiben, die Girlgroup schaut ihren Fans von der Bühne aus zu und gibt sich gerührt. Singt ihren 2019er-Hit „Feel Special“, ein Song für alle Menschen, die ihnen in ihrer Fun-Schmiede assistiert haben. Diesmal freilich nicht in strenger Formation, sondern betont locker über die gesamte Breite des Innenraums flanierend.
Das letzte Lied dürfen sich die Menschen vor Ort sogar selbst wünschen, in Köln wird es „Talk That Talk“, eines ihrer fröhlichen Bubblegum-Pop-Stücke, der pure Fun: „Lasst uns Spaß haben“, das kann man auch als Fan von überkritischen Kulturkommentatoren fordern.
