Kurator und Dirigent Václav Luks überzeugt zum Auftakt des Felix-Festivals mit seinen Ensembles Collegium Vocale 1704 und Collegium 1704.
Felix-EröffnungskonzertVon leidenschaftlichem innerem Feuer beseelt

Felix-Eröffnungskonzert in der Philharmonie
Copyright: Heike Fischer
Für ein abendfüllendes Konzert ist Mozarts Requiem zu kurz. Die Frage, was man passenderweise dazustellen könnte, ist freilich nicht so leicht zu beantworten – viel gibt es da nicht, was der musikalischen und emotionalen Intensität dieses letzten, unvollendet gebliebenen Werkes standhalten könnte. Dem tschechischen Dirigenten Václav Luks indes, der jetzt als Kurator des Ganzen das diesjährige Kölner Felix-Festival mit seinen Ensembles Collegium Vocale 1704 und Collegium 1704 in der Philharmonie eröffnete, gelang die Problemlösung einigermaßen überzeugend. Ausgehend vom Festival-Rahmenthema „Böhmen“, spannte er, ohne die Ausnahmestellung des Requiems zu gefährden, die aufgeführten Werke in ein dichtes Netz wechselseitiger kulturgeografischer und musikgeschichtlicher Bezüge.
Als Chorwerk ging der Totenmesse im ersten Teil etwa das gehaltvolle „Stabat Mater“ des im Wien der Vor-Mozart-Zeit wirkenden František Ignác Tůma voran, dessen affektive Dichte und verbreitete kontrapunktische Schreibweise auch im Kontext des Folgenden durchaus eine „bella figura“ machten.
Ein barock-klassisches Meisterstück par excellence
Stichwort Kontrapunkt: Da war es erhellend zu hören, wie viel im Vorfeld auf Mozarts große Kyrie-Doppelfuge zulief. Das Thema mit dem verminderten Septimfall – es tauchte auch vorher wiederholt auf, in Franz Xaver Richters c-Moll-Sinfonie genauso wie in Mozarts eigenem Streicherwerk Adagio und Fuge KV 546. Dieses Stück mit seiner von kühn-explosiven harmonischen Spannungen erfüllten Einleitung ist überhaupt ein barock-klassisches Meisterstück par excellence, das viel zu selten aufgeführt wird.
Dafür, dass all das mit der gebotenen Ein- und Nachdrücklichkeit herüberkam, waren selbstredend auch der Dirigent und die von ihm geleiteten Formationen verantwortlich. Luks ist ein Ausdrucksmusiker sui generis, stets von leidenschaftlichem innerem Feuer beseelt, der Energieschübe, Züge einer kontrastiven Dramatisierung auch dort entwickelt oder herausholt, wo man es nicht unbedingt vermutet – etwa im „Recordare“ der Requiem-Sequenz.
Selbst den von Haus aus flachen Süßmayr-Stellen wächst solchermaßen eine bemerkenswerte existenzielle Dringlichkeit zu. Mitunter mag es etwas zu viel werden: Die Musik steht ständig unter Druck und Dampf, gleichsam unter einer aggressiven Forderung. Einsätze kommen da wie gemeißelt, und selbst das Legato der vorzüglichen Chor-Soprane erhält da eine veritable Beton-Beimischung. Über Luks´ spezifische Klangästhetik gaben auch die Vokalsolisten Tereza Zimková, Henriette Gödde, Krystian Adam und Tomáš Šelc Auskunft: Die warteten nicht mit gleichsam aseptischen Zwirnstimmen auf, wie sie in der Alten Musik immer noch verbreitet sind, sondern mit vibratogesättigter Opernkraft.
Kritisiert sei all das allenfalls zurückhaltend, denn an der herausragenden Qualität der Performance kann kein ernsthafter Zweifel bestehen. Immerhin führte Luks – etwa beim „Salva me“ im „Rex tremendae“ – vor, dass sein Chorklang auch einer sozusagen überirdischen Entrückung fähig ist. Und die mit gnadenloser dramaturgischer Konsequenz und vom Chor bei hohem Tempo mit souveräner Koloraturen-Geläufigkeit exekutierten Fugen waren tatsächlich vom Feinsten. Da konnte allein schon die technisch-klangliche Perfektion begeistern.