Die Zeiten ändern sich, die Menschen nicht - Katharina Thomas Inszenierung von Mozarts Oper überzeugt im Staatenhaus.
„Figaro“-Premiere an der Kölner OperMachtmissbrauch und toxische Männlichkeit

Premiere von „Die Hochzeit des Figaro“ an der Oper Köln. Hier Selene Zanetti als Gräfin und Anita Monserrat als Cherubino
Copyright: Thilo Beu
Was hat ein Hund in „Figaros Hochzeit“ zu suchen? Klar, bei Mozart fehlt eine entsprechende Rollenbesetzung definitiv, aber das bedeutet selbstredend nicht, dass eine moderne Inszenierung der Oper nicht auch einen – in diesem Fall sehr schönen, so lebhaften wie freundlichen – Schäferhund auf die Bühne bringen könnte. Die Regisseurin Katharina Thoma lässt ihn im neuen Kölner „Figaro“, der soeben im Saal 2 des Deutzer Staatenhauses Premiere hatte, den zweiten Akt bereichern, als Begleiter des von der Jagd in sein Schloss zurückkehrenden Grafen Almaviva. Im ausgedehnten Aktfinale erschnüffelt er sogar das Versteck Susannas, gibt aber nicht Laut und kann somit zur Aufklärung der allgemeinen Verdächtigungen und Wirrnisse nichts beitragen.
Besagter zweiter Akt spielt übrigens bei Thoma nicht in der Originalzeit der Oper, also in den 80er Jahren des 18. Jahrhunderts, sondern im Spanien des Jahres 1939, also in der frühen Franco-Ära. Man sieht das am Interieur des die Bühne (Johannes Leiacker) füllenden zentralen Saales (die knisternde Begleitung zu „Voi che sapete“ etwa liefert ein archaisches Grammophon). Und an den Kostümen und Uniformen (Irina Bartels) sowie am ausgeprägt autoritär-herrenmenschlichen Umgangsstil des Schlossherrn.
Darauf, dass Thoma die Handlung der Oper einer historischen Tiefenstaffelung mit rückläufiger Epochenanordnung unterzieht, wird eine das Schloss besichtigende Touristengruppe (und damit das Publikum) schon während der Ouvertüre vorbereitet. Los geht es in der unmittelbaren Gegenwart des Jahres 2026: Das Schloss Almaviva ist ein Museum geworden, in dem der Graf als Direktor amtiert – und das übrige Personal als wissenschaftliche Angestellte, technische Mitarbeiter, Praktikanten. Das Ambiente ist übrigens ausgesprochen schäbig, das Schlossmuseum harrt der dringenden, wenn auch nur voraussichtlichen (!) Renovierung. Richtig „schön“ – mit frühklassizistischer Raumausstattung sowie entsprechenden Kostümen und Perücken – wird es erst im dritten Akt, der in die Mozartzeit zurückkehrt.
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Eine einigermaßen ernüchternde Diagnose
Im Rahmen einer soliden, wenngleich weithin traditionellen Personenführung und einer maßvollen Bedienung der Komödienaspekte funktioniert diese unterschiedliche Situierung – sie wird technisch möglich durch Videoprojektionen, die an den Aktübergängen den andernfalls erforderlichen aufwendigen Bühnenumbau ersetzen – gedanklich und szenisch bemerkenswert gut: Machtmissbrauch und toxische Männlichkeit sind keine ausschließlichen Erscheinungen der ausgehenden Feudalzeit.
Die Zeiten ändern sich, die Menschen nicht – ganz gleich, ob da jemand Museumsdirektor oder aristokratischer Großgrundbesitzer ist. Das ist eine einigermaßen ernüchternde, heute freilich mehr denn je plausible Diagnose. Die traditionell gerne vorausgesetzte Fortschrittstendenz wird der Geschichte im neuen Kölner „Figaro“ jedenfalls gründlich ausgetrieben.
Problematisch ist hingegen ein anderer Regieaspekt: Thomas „Rückwärtsbewegung“ rekurriert auch auf die – behauptete – nostalgische Faszination eines breiten Publikums durch die Rokoko-Ästhetik. So es eine solche Sehnsucht gibt, wäre sie freilich nicht einfach zu konstatieren, sondern kritisch zu hinterfragen: Keiner von uns Heutigen wird sich im Ernst wünschen wollen, in dieser Ära gelebt zu haben – zumal unter dem Aspekt, dass er wahrscheinlich nicht zu der hauchdünnen Schicht der sozial Privilegierten gehört hätte.

Kathrin Zukowski legt als stark geforderte Susanna eine darstellerisch wie stimmlich souveräne Leistung hin
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Die entsprechende Frage richtet sich allerdings auch an das Werk selbst. Im finalen „Contessa, perdono“ mag eine humane Utopie aufscheinen, die der innige Gebetscharakter des Schlussensembles noch verstärkt. Aber sollte sich der Graf wirklich wandeln, weil sich der Untreueverdacht gegen seine Frau nicht bestätigt hat? Zu vermuten ist doch vielmehr, dass er der Frauenjäger-Passion jenseits der Opernhandlung rasch wieder verfallen wird. Merkwürdigerweise verweigert sich auch Thomas desillusionierte Geschichtsauffassung dieser Perspektive, jedenfalls auf der Bühne.
In der szenischen Visualisierung ist der vierte Akt allerdings atemberaubend: Das dank der Verkleidungseffekte schwer auseinanderzuhaltende Personal mutiert zu Varianten jener antik-mythologischen Marmorbilder, wie sie den barocken Schlossgarten bevölkern und hier in einer Orangerie gleichsam abgestellt sind. Darüber werden Mozarts Menschen selbst zu „Mythen“, zu psychologisch vertieften Archetypen des Humanen.
Gesungen wird in der neuen Produktion auf gutem bis herausragendem Niveau – das betrifft die Arien genauso wie die klangliche und szenische Realisierung der genialen Mozart´schen Ensemblekultur. Dass die Akteure gelegentlich ein ähnliches Timbre haben, mindert die überzeugende Gesamtwirkung kaum. Kathrin Zukowski legt als stark geforderte Susanna eine darstellerisch wie stimmlich souveräne Leistung hin, unmerklich changierend zwischen Koketterie und Unschuld vom Lande, Abwehr und Verführung, emotional tief erfüllt in der Rosenarie mit großartiger Phrasenführung und Raumfülle nach oben wie nach unten.
Mit schlanker, gestisch eindringlicher Brillanz
Adolfo Corrado als Figaro bewältigt gewinnend die Bandbreite zwischen arglosem Naturburschentum und finsterer, schier explosiver Verbissenheit. Selene Zanettis Gräfin beeindruckt durch die intensive Psychologie einer verletzten, zwischen Verzweiflung und Hoffnung schwankenden Weiblichkeit mit einer in Bann ziehenden Magie des ganz Leisen etwa im langsamen Teil ihrer Arie im dritten Akt, wo sie sich auch, sehr rollenangemessen, der zwar beliebten, aber äußerlichen Triumphgeste im Schlussteil versagt.
Germán Olvera als Graf kommt mit agiler und füllig-finsterer Grandezza herüber – seine Darstellung der Partie macht es sogar nicht billigenswert, aber irgendwie verständlich, dass der Mann von seinen Voraussetzungen her so handelt, wie er handelt. Anita Monserrat als Cherubino verbaselt zwar mit hastiger Tonlosigkeit den Einstieg in „Non so più, cosa faccio“, macht aber in „Voi che sapete“ alles wieder gut. Sarah Alexandra Hudarew als Marcellina, Lucas Singer als Bartolo, Dmitry Ivanchey als Basilio, Giulia Montanari als Barbarina, Christoph Seidl als Antonio und Rhydian Jenkins als Don Curzio geben keinen Anlass zu Tadel.
Der – nicht sehr stark geforderte – Opernchor singt kraftvoll und pointiert, ohne dabei das schöne Maß zu verletzen. Das Gürzenich-Orchester unter seinem Chef Andrés Orozco-Estrada agiert mit schlanker, gestisch eindringlicher Brillanz, Eleganz und Geschmeidigkeit. Die Details der instrumentalen Zeichnung treten immer wieder aus dem kammermusikalisch angelegten Gesamtbild markant heraus. Die Gesangssolisten wiederum haben keine Mühe, über ihre Begleitung zu kommen.
Ein besonderes Faible hat Orozco-Estrada für die lyrischen Farben der langsamen Arien und Ensembles. Hier stellen sich die schönsten Strecken der Aufführung ein. Nicht ganz so gut gelang – am Premierenabend – dramaturgisch das Finale des zweiten Aktes. Die fälligen Temposteigerungen wurden hier nicht vollends im Sinne eines energetischen Inputs umgesetzt – mit der Folge leichter Spannungsdurchhänger. Viel Gutes im Sinne einer attraktiven Dramatisierung der Rezitative tun Theresia Renelt am Hammerflügel und Tatu Kauppinen am Cello.
Einhelliger, buhfreier Publikumsbeifall für alle Beteiligten.
Stückbrief
Musikalische Leitung: Andrés Orozco-Estrada
Inszenierung: Katharina Thoma
Bühne: Johannes Leiacker
Darsteller: Germán Olvera, Selene Zanetti, Kathrin Zukowski, Adolfo Corrado, Anita Monserrat, Sarah Alexandra Hudarew, Lucas Singer, Dmitry Ivanchey, Giulia Montanari, Christoüh Seidl, Rhydian Jenkins
Dauer: Dreieinhalb Stunden inklusive einer Pause
Weitere Aufführungen: 4., 6., 8., 12., 14., 18., 20., 22., 26., 28. März

