Paul-Georg Dittrich setzt in seiner Inszenierung von Wagners „Walküre“ an der Kölner Oper auf Brutalität. Unsere Kritik.
Wagners „Walküre“ an der Oper KölnVerstörend und von selten rabiater Brutalität

„Die Walküre“: Jordan Shanahan als Wotan und Trine Møller als Brünnhilde in der dystopischen Bühnenlandschaft der Oper Köln
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Beim „Walkürenritt“ zu Beginn des 3. Aufzugs befindet man sich in einem futuristischen Biolabor, wo an Kindern experimentiert wird. Sie sind an Infusionsbeutel angeschlossen. Später kommen sie nach vorn und bewegen sich apathisch auf kleinen Schaukelpferden. Das, so muss man dieses Bild verstehen, ist die schon herangewachsene Brut der Walküren, die nun für Nachschub sorgen und auf offener Bühne im Stehen weitere Kinder entbinden soll. Hinten sieht man eine Glaskabine, vielleicht eine Hochdruckkammer zur Behandlung von Schlafstörungen. Man ahnt, dass später Brünnhilde dort hinein muss, um die Strafe, die ihr Wotan auferlegt, „In festen Schlaf verschließ’ ich dich“, zu büßen.
Diese Szenerie ist verstörend, hat mit dem, was die Walküren singen, aber immerhin indirekt zu tun, die sich rühmen, gefallene Helden nach Walhall zu bringen. Verstörend, weil hier die Assoziation von „Menschenmaterial“ erzeugt wird, worauf im Programmheft mit einem Hinweis auf Heinrich Himmlers rassistischen „Lebensborn e.V.“ eingegangen wird. Die eigentliche Ressource, die den Weltherrscher Wotan interessiert, ist also Humankapital. Dieses Motiv hatte der Regisseur Paul-Georg Dittrich ja schon im „Rheingold“ ausgebreitet.
Dittrich führt das Motiv des Humankapitals fort
Den „Walkürenritt“ erlebt man auch als Musikstück von einer selten rabiaten Brutalität. Marc Albrecht dirigiert das Gürzenich-Orchester vor der Bühne ohne Graben, sodass die Klänge sich mit Wucht in den ansteigenden Reihen ausbreiten können. Es ist aber nicht das Fortissimo allein, das hier Eindruck macht, sondern die geballte, konzentrierte, rhythmisch präzise Musizierweise.
Das Thema Fruchtbarkeit bzw. ausbleibende Schwangerschaft hat der Regisseur auch mit Wotans Ehefrau Fricka assoziiert. Wotan zeugt seine Kinder, die Walküren, Siegmund und Sieglinde, mit anderen Frauen. Dass Fricka deswegen aber traumatisiert ist, kann man dem Libretto nicht entnehmen. Darum mutet es schon sehr künstlich an, dass vor Beginn des zweiten Aufzugs in einem minutenlangen pantomimischen Spiel Fricka in einem großbürgerlichen Wohnzimmer, das mit hellroten zugezogenen Vorhängen begrenzt wird, einen Schwangerschaftstest betrachtet, dann Röntgenbilder anschaut und mit einem Ultraschallgerät hantiert.
Gelungene musikalische Vermittlung des zweiten Aufzugs
Ansonsten ist der zweite Aufzug der „Walküre“ für die Wagner-Liebhaber immer eine echte Herausforderung, zuerst in dem nicht nachlassenden Insistieren Frickas, dass Wotan den Inzest zwischen Sieglinde und Siegmund zu bestrafen habe, und dann die umständliche Vermittlung seines Fricka gegebenen Eids an Brünnhilde. Dabei handelt es sich im Grunde um zwei riesige Rezitative, die durch kurze Zwischenspiele gegliedert werden. Bei der Kölner Premiere gelingt die musikalische Vermittlungsarbeit, weil man mit Bettina Ranch als Fricka und Jordan Shanahan als Wotan zwei Solisten mit ausgezeichneter Textverständlichkeit hat, wenn auch mit einem gewissen aufgeregten Flackern bei ihr und einer leichten Undeutlichkeit in der Tongebung bei ihm. Und auch deswegen, weil Marc Albrecht die Orchesterkommentare prägnant und interessant gestaltet, etwa bei Wotans „In eigener Fessel fing ich mich“, wo die Orchesterfiguren sich aus tiefsten Lagen emporbäumen und bei „O heil‘ge Schmach“ grell leuchten.
Wotan ist hier und später im dritten Aufzug ein unbeherrschter Wüterich, der die Einrichtungsgegenstände umherwirft und von Brünnhilde nur mühsam beruhigt werden kann. Trine Møller erscheint erst als puppenartiges Wesen mit Kinderrock und langem blonden Haar, die sich an Wotan kuschelt. Als er den Befehl erteilt, Siegmund den Schutz zu entziehen, schneidet sie sich die Haare und erscheint fortan als Kämpferfigur, die einem Science-Fiction-Film entstiegen sein könnte und ihre Schwerter auf dem Rücken trägt. Sie hat aber nichts Martialisches in ihrer Stimme, sondern ein angenehmes, flexibles Timbre, mit dem sie die Mischung aus kindlicher Zugewandtheit und energischer Positur gut umsetzt, etwa in der sich anschließenden Todesverkündung an Siegmund: „Nur Todgeweihten taugt mein Blick“.
Aufwendig gestaltete Bühne wird zur dystopischen Landschaft
Inzwischen hat sich der rote Vorhang geöffnet, und man blickt wie schon im ersten Aufzug in eine dystopische Landschaft mit einer riesigen Mondscheibe, die sich hier bläulich einfärbt, vorher fahl weiß, oder, wenn es besonders emotional wurde, auch rötlich schien, eine vielleicht etwas platte Lichtregie angesichts der ansonsten von Pia Dederichs und Lena Schmid aufwendig gestalteten Bühne. Im ersten Aufzug wird eine primitive Behausung von Hunding, umgeben von abgestorbenen Baumstämmen und futuristischen Stelen, gezeigt. Rechts und links sind hier (wie auch später) riesige Videoleinwände aufgebaut, in die manchmal Bilder von Überwachungskameras eingespielt werden oder, jeweils zu Beginn beim Hereinkommen des Publikums in den Saal, Bildschleifen wie das Durchstreifen eines Waldes mit Bodycam oder kriegszerstörte Städte. Später im dritten Aufzug erweitern diese Videowände die Bühnenbreite, indem dort die das Labor beherrschenden Datenströme visualisiert werden.
Vieles, was man an Wagners „Walküre“ so liebt, geht verloren
In diesem Ambiente findet der ganze erste Aufzug im Halbdunkel statt. Da geht viel von dem, was man an Wagners „Walküre“ so liebt, verloren: die zärtliche Annäherung zwischen Siegmund und Sieglinde, die Szene, in der Siegmund das Schwert gewinnt und sein berühmtes „Winterstürme wichen dem Wonnemond“. Dieses Lied trägt Daniel Johansson fast beiläufig vor, keinerlei Strahlen, keine spürbare freudige Emotion. Überhaupt scheint ihm die Partie nicht so richtig zu liegen. Es fehlte die Glut und auch der lyrische Ausdruck. Bei den sogenannten „Wälse“-Schreien spürt man aber Kraft und energischen Willen, die beste Stelle des ganzen Abends bei ihm. Möglicherweise kommt sein Potenzial nächstes Jahr als Siegfried besser zur Geltung.
Astrid Kessler zeigt Sieglinde als eine vielschichtige Person. Sie tritt mit kurzen Haaren in Arbeitskluft in die Szene, wirkt gegenüber Siegmund, anstatt ihm in die Arme zu fallen, zunehmend unsicher. Vor allem aber lebt sie einen abgrundtiefen Hass gegenüber Hunding aus und schlägt ihn blutig, als er die Liebesbegegnung des Zwillingspaars beobachtet. Das Changierende und dann Aufbegehrende legt sie auch in ihre Gesangslinien. Tijl Faveyts ist als Hunding eine Idealbesetzung, sowohl als Schauspieler mit seiner finsteren Miene, seinem zunächst resoluten, dann gepeinigten Auftritt als auch mit seiner durchdringenden, fülligen Bassstimme bei „Heilig ist mein Herd“.
Der musikalische Höhepunkt des Abends ist aber zweifellos Wotans Abschied von Brünnhilde. In dieser Schlussapotheose bäumt sich Trine Møller mit flutender Stimme auf und fordert von Wotan, dass eine „lodernde Glut“ sie schützt, und Jordan Shanahan findet bei „Leb wohl, du kühnes Kind“ endlich zu einem volltönenden Gesang im Einklang mit dem Orchester, das den Abend, nachdem Brünnhilde in die Kabine gestiegen ist und Wotan die Datenströme angeschaltet hat, mit einem Flirren zu Ende bringt, das den ganzen Raum erfüllt. Einhelliger Jubel für die Musik, nicht zu überhörende Buhs für die Regie.
Weitere Vorstellungen: 1.4., 4.4., 6.4., 17.4., 19.4., 30.4., 3.5.

