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Fikri Anıl Altıntaş„Das vorherrschende Männerbild führt dazu, dass es Männern schlecht geht“

5 min
Das Bild zeigt den Autoren und politischen Aktivisten Fikri Anıl Altıntaş. Foto: Julius Gabele

Denkt Männerbilder neu: Autor Fikri Anıl Altıntaş.

Der Autor Fikri Anıl Altıntaş setzt sich in seinen Arbeiten mit männlichen Rollenbildern und ihren Auswirkungen auseinander. Am Freitag liest er in Köln.

Herr Altintas, wann ist ein Mann ein Mann?

Fikri Anıl Altıntaş: Jemand, der sich als Mann versteht, ist ein Mann.

Sie haben Ihre Männlichkeit durch die Auseinandersetzung mit Ihren Eltern, die aus der Türkei stammen, neu entdeckt. Sie stellen sie in den Mittelpunkt autofiktionaler Bücher. Es scheint, als hätten Sie mit dem Schreiben einen Weg gefunden, mit Ihren Eltern zu kommunizieren.

Altıntaş: Das kann man wohl so sagen. Ich glaube, das ist auch die besondere Kraft der Literatur, über teilweise sehr einfache und oft auch widersprüchliche Prozesse des Schreibens auf Fragen zu kommen – weniger auf Antworten –, die man sich oder in diesem Fall den Eltern zu stellen traut. Über diese Fragen kommt man ins Gespräch und kann Risse, Widersprüche, Gemeinsamkeiten in der Beziehung aushalten. Ich habe allerdings nicht mit dem Schreiben angefangen, weil ich den Anspruch hatte, darüber mit meinen Eltern ins Gespräch zu kommen – das hat sich entwickelt. Das ist, glaube ich, das Spannende an jedem Text, den man schreibt: Man weiß nie, wohin der einen führt.

Auf welche Fragen sind Sie dabei gestoßen?

Altıntaş: In beiden Büchern war es mir ein großes Anliegen, Dinge und Räume, die durch die Migration auf der Strecke geblieben sind, die nicht mehr ausgesprochen werden, die gedanklich nicht mehr betreten werden, zur Sprache zu bringen. Mit meinem Vater ist mir das einigermaßen gut gelungen. Ich habe ihn aber auch auf der Suche nach meiner eigenen Männlichkeit mit Fragen genervt, die er sich vorher so nicht gestellt hat. Wie bin ich eigentlich zum Mann geworden, wo hadern wir beide ganz generell mit dem Mann-Sein und wie können wir uns von vorherrschendem Druck lösen? Gerade für meinen Vater kann ich sagen, dass wir dadurch sehr viele Räume für uns öffnen konnten.

Das Bild zeigt den Autoren und politischen Aktivisten Fikri Anıl Altıntaş. Foto: Julius Gabele

Der Autor und politische Aktivist Fikri Anıl Altıntaş

Wie hat ihr Vater auf Ihre Auseinandersetzung mit Ihrem, aber letztendlich auch seinem eigenen Männlichkeitsbild reagiert?

Altıntaş: Grundsätzlich habe ich schon viele Sachen gemacht, die ihm auch Orientierung gegeben haben. Ich habe Fußball gespielt, mich gerne gerauft, aber mich auch viel mit Musik und Kunst auseinandergesetzt – also unterbewusst vieles von dem getan, was er mir vorgelebt hat. Ich glaube aber auch, dass mein Vater in dem Prozess durch mich gemerkt hat, dass er noch viele Flecken hat, die er noch nicht beleuchtet hat. Etwa Schwäche zu zeigen, über Verletzungen zu sprechen. Mein Vater reagiert darauf aber wohl auch empfänglich, weil ich nie mit erhobenem Zeigefinger komme. Mein Anspruch ist immer, mit ihm auf Augenhöhe zu sprechen und Räume der Zärtlichkeit zu suchen. Uns und diese Zärtlichkeit nicht aus den Augen zu verlieren, war immer unser Anspruch.

Den Eindruck, dass Sie nicht den Zeigefinger erheben, gewinnt man auch in Ihren Büchern. Auch der Begriff der Zärtlichkeit taucht bei Ihnen immer wieder auf.

Altıntaş: Zärtlichkeit ist etwas, an dem ich mich auch während des Schreibprozesses immer festgehalten habe. Ab einem gewissen Punkt in einer Vater-Sohn-Beziehung wird Zärtlichkeit abtrainiert, ab dann wird sich nicht mehr umarmt, es gibt keinen Kuss auf den Nacken mehr. Ich wollte wieder zu den Momenten zurück, in denen mein Vater sich nicht dafür geschämt hat, diese Emotionalität und Körperlichkeit mit mir zu erleben. Gerade migrantisch markierten Vater-Sohn-Verhältnissen wird dies durch mediale und diskursive Vorstellungen oft abgesprochen. Ich möchte dorthin zurück, wo wir vielleicht immer schon waren.

Verletzlichkeit zu zeigen, ist etwas, was Männer oftmals lernen müssen. Aber auch Trauer gehört dazu. In Ihrem Buch  „Zwischen uns liegt August“ behandeln Sie die Krebserkrankung und den anschließenden Verlust Ihrer Mutter. Trauern Männer anders?

Altıntaş: Ich kenne Männer, die sich beispielsweise zurückziehen, nicht öffentlich trauern, exzessiv Sport machen, sich in die Arbeit stürzen – auch ich habe das gemacht – oder sich eher gegen eine Therapie entscheiden. Ich habe alles davon gemacht, auch Therapie. Zu trauern muss man lernen, und natürlich haben wir alle eine gewisse Prägung durch unsere Sozialisation und das vermittelte Rollenbild. Aber eine spezifische Männer-Art zu trauern, gibt es meiner Meinung nach nicht.

Mit Männlichkeiten setzen Sie sich auch in journalistischen Beiträgen auseinander, Sie sind Gast in Podcasts und Fernsehsendungen, halten Seminare und geben Workshops. Warum ist es so wichtig, sich für ein bestimmtes Bild von Männlichkeit zu engagieren?

Altıntaş: Es gibt eine Welt, die wir besser machen können, wenn wir Männer verstehen würden, dass wir die Macht dazu hätten, etwas zu ändern. Indem wir uns zum Beispiel nach unserer Verantwortung bei Femiziden, bei sexualisierter Gewalt fragen oder danach, wie wir an Gewaltverhältnissen partizipieren. Wir müssen Teil der Lösung sein, nicht des Problems. Im Umgang mit Männern versuche ich immer, die Frage zu stellen, ob sich mein Gegenüber wohl mit den Rollenbildern fühlt, mit denen es aufgewachsen ist. Männer haben so viel zu gewinnen, wenn sie die hinterfragen. Frei zu sein von Rollenbildern bedeutet, eine erlernte Emotionalität zu üben, gelebte Solidarität zu kultivieren oder im besten Fall auch ein längeres Leben. Und dann geht es darum, mit den Männern darüber ins Gespräch zu kommen. Wenn ich mit Jungs und Männern darüber rede, versuche ich zu vermitteln, dass es zwar auch um das Umfeld geht, aber in erster Linie um sie selbst. Denn das vorherrschende Männerbild, gerade auch in Sozialen Medien, führt dazu, dass es Männern langfristig schlecht geht. Davon müssen wir wegkommen.

Ist das Mann-Sein politisch?

Altıntaş: Mann-Sein ist definitiv politisch, mit Männern wird Politik gemacht, mit Männlichkeit wird Politik gemacht – nicht nur von Rechts. Die Politik hat entdeckt, dass mit Männern gewisse Ideologien transportiert werden können. Aber auch über Männer nachzudenken und mit Männern über Männer ins Gespräch zu kommen, ist politischer und notwendiger denn je. Was wir brauchen, ist die Arbeit mit Männern und mit Jungs – auch, weil Männer oft eine Politik fahren, die vor allem die Bedürfnisse von Männern im Blick hat. Und das kann und darf nicht mehr sein.


Zum Autor: Fikri Anıl Altıntaş, geboren 1992 in Wetzlar, ist Schriftsteller und politischer Aktivist. Altıntaş schreibt in der „Zeit“, „taz“ oder „Der Freitag“ über Themen wie toxische Männlichkeit und Antifeminismus. Er tritt regelmäßig als Gast in TV-Talkshows und Podcasts auf, hält Seminare und gibt Workshops. Altıntaş lebt und arbeitet in Berlin.

Fikri Anıl Altıntaş: „Zwischen uns liegt August“, 2025, erschienen im Verlag C.H. Beck

Lesungen in Köln:

16. Januar (Freitag): Kaiserin-Augusta-Schule, Lesung , 19 Uhr7. März (Samstag): Stadtgarten (Lit.ColognePOP), Lesung