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Film- und Medienstiftung NRWIst es richtig, weiter auf den Serienboom zu setzen?

5 min
Horst Schlämmer (Hape Kerkeling) steht auf einem Deich und freut sich.

Wo liegt das Glück der Filmförderung in NRW? Bei Horst Schlämmer vielleicht.

Die Film- und Medienstiftung NRW will mehr in Fernsehen und Streaming investieren. Kritik kommt aus der Kölner Filmbranche.

Als die Filmstiftung NRW vor 35 Jahren gegründet wurde, sah die Medienlandschaft etwas überschaubarer aus. Das Privatfernsehen gab es noch nicht lange, das Internet war gerade erst dabei, massentauglich zu werden, und das Kino erlebte auch durch die Einführung von Multiplex-Häusern und Erfindungen wie Dolby Stereo und allerhand Spezialeffekte eine Art Renaissance. Vermutlich war es für die Stiftung damals leichter, mit geförderten Filmen wie „Schtonk!“ gleich eine Oscar-Nominierung zu gewinnen oder mit „Kleine Haie“ und „Lola rennt“ erstaunliche Publikumserfolge zu feiern.

Heute untergraben Streamingdienste, Serien und die Bequemlichkeit des Heimkinos die 1991 noch unangefochtene Siegespose des Films als Leitmedium, und so, wie die nordrhein-westfälische Förderinstitution mittlerweile in Film- und Medienstiftung (FMS) umbenannt wurde und seit 2011 auch hochwertige Computergames unterstützt, ist es nun erneut Zeit für eine Erweiterung des Portefolios: „Gemeinsam mit unseren Gesellschaftern und der Branche haben wir intensiv darüber diskutiert, wie sich das Konsumverhalten verändert hat, wie die Sehgewohnheiten sich gewandelt haben“, so Walid Nakschbandi, seit 2024 Geschäftsführer der Stiftung.

Und man hat aus diesen Gesprächen Konsequenzen gezogen: Von nun an soll ein größeres Gewicht auf Serien und Fernseh-Entertainment gelegt werden, denn Köln sei mit Sendern wie dem WDR und RTL und auch Studiokomplexen wie MMC in Ossendorf die Hauptstadt des Fernsehens. Der Nachwuchs in NRW soll besser gefördert und auch Künstliche Intelligenz stärker berücksichtigt werden. Für Nakschbandi geht es darum, die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts NRW zu stärken, denn Film und Medien seien „ein bedeutender Wirtschaftsfaktor“. Kein anderes Bundesland verfüge über so viele Produktionsfirmen und eine so reiche Infrastruktur, sagt er. „Was hier produziert wird, ob wirtschaftlich erfolgreiche Filme, Arthouse, Serien oder KI-gestützte Formate, soll ein möglichst großes Publikum erreichen und gesellschaftliche Relevanz entfalten.“

Die neuen Förderprogramme gehen vor allem zulasten der Kinoförderung in Nordrhein-Westfalen
Herbert Schwering, Kölner Filmproduzent

Trotz knapper gewordener Mittel will die Film- und Medienstiftung auf die Transformation der Branche reagieren, ohne ihr traditionelles Geschäftsfeld aufzugeben. Das Kino, auch der kulturell anspruchsvolle Film, blieben Herzensangelegenheiten der Stiftung und Kern der Förderung, betont Nakschbandi. Seit ihrer Gründung bewegt sich die Stiftung im Spannungsfeld zwischen Kultur- und Wirtschaftsförderung. Sie hat sich mit Produktionen wie Maren Ades „Toni Erdmann“ Meriten um die Filmkultur erworben und es damit sogar nach Cannes geschafft, gleichzeitig soll sie in Köln, Düsseldorf und Duisburg Arbeitsplätze in Produktionsfirmen und bei all den Dienstleistern schaffen, die vom Beleuchter bis zum Caterer für Dreharbeiten unverzichtbar sind. Gerade Letzteres wird immer schwieriger, da viele Filmproduktionen ins preiswertere Ausland wie Ungarn oder Bulgarien abwandern und ihr Geld nicht mehr an Rhein und Ruhr ausgeben.

Auch deswegen begrüßen Kölner Produzentinnen und Produzenten wie Sabine de Mardt von der Firma Gaumont oder Stefan Oelze von Rosebank die neuen Förderprogramme der Stiftung. Dass Serie und Entertainment vermehrt Zuwendung erfahren, freut sie als Vertreter dieser beiden Genres natürlich besonders: Die Medienlandschaft „steht mehr denn je im internationalen Wettbewerb, dem wir uns stellen müssen“, sagt de Mardt. Besonders bei Förderprogrammen für neue Formate, insbesondere Serien, bestehe in Deutschland Nachholbedarf. Oelze bedauert, dass es bundespolitisch in der Filmförderung nicht gelungen sei, durch Steueranreize Produktionen nach Deutschland zu locken: „Insofern helfen Initiativen wie die der FMS, den Produktionsstandort NRW attraktiver zu gestalten, und Arbeitsplätze zu sichern beziehungsweise zu schaffen.“ Besonders schätzen de Mardt und Oelze, dass sich auch der WDR bei den neuen Förderprogrammen engagiert und das neue Format „Made in NRW“ gezielt Produktionsfirmen und Filmemacher aus dem Bundesland anspricht. Deren Projekte können mit bis zu 50 000 Euro gefördert werden und sollen in den Mediatheken laufen.

Nicht bei allen Kölner Produzenten stoßen die neuen Programme der Filmstiftung unterdessen auf Gegenliebe. So kritisiert Herbert Schwering von Coin-Film, deren „Liebhaberinnen“ bei der diesjährigen Berlinale gezeigt wurden: „Die neuen Förderprogramme gehen vor allem zulasten der Kinoförderung in NRW. Das Geld hat sich nicht vermehrt – es ist durch Etateinbußen der Film- und Medienstiftung weniger geworden. Es kommen Schwerpunkte der Förderung hinzu, die ich zumindest hinterfragen möchte: Als der Serienboom begann, haben viele Produzenten gedacht, das ist die Zukunft, und mussten dann Lehrgeld bezahlen. Die Streamer entscheiden sich für eine Handvoll Produzenten, die in der Regel sehr viel größer sind als wir, zum Beispiel.“

Auf ein nahezu einhellig positives Echo, auch bei Schwering, stößt das Engagement der Stadtsparkasse Köln-Bonn, das mit den Förderprogrammen wieder auflebt. Einen Schwerpunkt legt die neue Strategie auf die Entwicklung von Stoffen: „Das Thema Development spielt die zentrale Rolle in der neuen Förderstrategie“, so Nakschbandi. „Hier wird mehr Budget zur Verfügung stehen“ – so dass zum Beispiel Autorinnen und Autoren schon bezahlt werden, wenn sie die Idee für einen Film oder eine Serie zur Drehbuchreife bringen und nicht aufs Geratewohl zu schreiben beginnen.

Vor allem im Hinblick auf die Nachwuchsförderung freut Nadja Radojevic der neue Impuls der Stiftung. Als Geschäftsführerin der Internationalen Filmschule ifs in Köln-Mülheim ist sie für die Ausbildung derjenigen zuständig, die sich demnächst neue Filme, Serien oder auch Fernsehshows ausdenken sollen: „Die gezielte Förderung von Serienpiloten und kreativen Show- und Unterhaltungsformaten eröffnet damit auch unseren Absolventinnen und Absolventen vielversprechende Perspektiven“, meint Radojevic. Auch das wäre ja wieder eine Form zukünftiger Arbeitsplatzsicherung im „Medienland“. Herbert Schwering hingegen bleibt eher skeptisch: „In den ersten Jahren der Film- und Medienstiftung war diese immer nah dran an den Kreativen und hat sich sehr für den Mittelstand und Nachwuchs in NRW engagiert, was dann nachgelassen hat. Ich hoffe, das lebt wieder auf.“