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Filmpremiere in KölnBäume schauen Dich an

4 min

Tony Leung Chiu-wai entwickelt als Neurowissenschaftler aus Hongkong eine enge Beziehung zu einem deutschen Ginkgobaum. 

Ildikó Enyedis wunderbar kontemplativer Film „Silent Friend“ feierte Premiere in Köln-Ehrenfeld. Mit dabei: Chinas Superstar Tony Leung Chiu-wai.

Tony Leung Chiu-wai verspeist eine Schweinshaxe, die erste seines Lebens. Dazu ein Weißbier. In „Silent Friend“, dem neuen Film der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi, spielt der asiatische Superstar einen Neurowissenschaftler aus Hongkong, der als Gastprofessor an die Philipps-Universität in Marburg reist. Seine Vorlesungen – er untersucht  das erwachende Bewusstsein von Säuglingen – werden von der Pandemie unterbrochen.

Plötzlich findet er sich beschäftigungslos und isoliert in der Gastwohnung der Universität wieder, direkt am Alten Botanischen Garten der hessischen Stadt. In dem hatte er sich gleich am Willkommensabend nach Haxengenuss erbrochen, war anschließend auf einer Parkbank in tiefen Schlaf gefallen. Kritisch beäugt vom Platzwart Anton (Sylvester Groth), dem es gar nicht passt, dass er sein grünes Reich mit einem Fremden teilen muss, der schon bald anfängt, seltsame Experimente mit dem riesigen Ginkgo im Garten anzustellen. Ob auch der Baum eine Art Bewusstsein hat?

Stets umhüllt Tony Leung Chiu-wai eine existenzielle Einsamkeit

Vor knapp fünf Jahren hatte Leung Chiu-wai in dem Marvel-Abenteuer „Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings“ seine erste englischsprachige Rolle übernommen. „Silent Friend“ markiert jetzt das späte europäische Debüt des 63-Jährigen. Produziert wurde das poetische Arthaus-Drama unter anderem vom Kölner Unternehmen Pandora Film, das am Dienstagabend zur NRW-Premiere ins Ehrenfelder Cinenova geladen hat. Und weil neben den beiden jungen Darstellern Enzo Brumm und Luna Wedler – die bei den Filmfestspielen von Venedig für ihre Rolle den Preis als Beste Nachwuchsdarstellerin gewonnen hat – auch Tony Leung Chiu-wai sein Erscheinen angekündigt hat, haben sich zahlreiche Fans mit ostasiatischen Wurzeln im Kinosaal eingefunden.

Ildikó Enyedi hat ihm die Rolle des Neurowissenschaftlers auf den Leib geschrieben, und man versteht sofort, warum. Ob in John Woos grausamen Vietnamkriegsepos „Bullet in the Head“, in Tran Anh Hungs „Cylo“, in Andrew Laus und Alan Laks Polizei-Thriller „Infernal Affairs“ oder in den wunderschönen Filmjuwelen Wong Kar-wais („Chunking Express“, „Happy Together“, „In the Mood for Love“): Stets umhüllt Leung Chiu-wai eine existenzielle Einsamkeit. Er sei wie seine Filmcharaktere gerne und oft mit sich allein, bekennt der Schauspieler im Gespräch nach der Vorführung, er genieße das.

Luna Wedler hat für ihre Rolle bei den Filmfestspielen von Venedig den Preis als Beste Nachwuchsdarstellerin gewonnen.

Das Englische kennt den Unterschied zwischen der unfreiwilligen „loneliness“ und der kontemplativen „solitude“. Wie Leung Chiu-wai beginnen auch die anderen Protagonisten von „Silent Friend“ ihre Geschichten als Isolierte und lernen langsam den Wert der Einsamkeit kennen. Die von Luna Wedler gespielte Grete tritt 1908 als erste Frau ein Biologiestudium in Marburg an, gegen den kollektiven Willen einer patriarchalischen Gesellschaft. Der von Enzo Brumm mit trockenem Humor verkörperte Studienanfänger Hannes verweigert sich 1972 an derselben Stelle dem umgekehrten Korpsgeist der linken Studentenschaft.

Enyedi hat diese drei Außenseiter-Storys kunstvoll miteinander verwoben (oder sollte man sagen: verwurzelt?), Gretes in monochromem 35-mm-Film, Hannes' in warmem, grobkörnigem 16-mm-Material und die des Neurowissenschaftlers in kühlem digitalem HD. Verbunden werden diese drei Einzelgänger und ihre Zeitebenen von einem vierten Solitär, dem prächtigen Ginkgo im Botanischen Garten. Dessen eingekerbte, fächerartige Blätter vermitteln laut Goethes Gedicht zum Baum ja die Botschaft „dass ich Eins und doppelt bin“.

Die geheime Beziehung zwischen den Menschen und der Welt der Pflanzen

Alle drei Ginkgo-Freunde betreiben das, was Goethe als „zarte Empirie“ bezeichnet. Eine Naturwissenschaft – so formulierte es Enyedi in einem Gespräch mit der „taz“ – „die akzeptiert, dass der Beobachter Teil des Beobachteten ist“. Dass er, möchte man ergänzen, womöglich beim Betrachten seiner Forschungsobjekte selbst von diesen beobachtet wird. Das mag zuerst einmal unheimlich klingen, aber man sollte es als Trost verstehen. „Ich bin nicht allein, ich bleibe nicht unbemerkt“, so lobte der amerikanische Transzendentalist Ralph Waldo Emerson die „geheime Beziehung zwischen den Menschen und der Welt der Pflanzen“.

In „Silent Friend“ filmt Gergely Pálos' Kamera die menschlichen Figuren immer wieder von weit oben, durch Blätter und Geäst. Wir leben in einer Welt der Bäume, als Neuankömmlinge. Grete findet Arbeit und Unterkunft als Assistentin eines Porträtfotografen (wunderbar zärtlich von Martin Wuttke gespielt) und begibt sich mit dem Fotoapparat auf die Spur der Morphologie der Flora und auch der eigenen Gestalt. Der Landjunge Hannes, der eigentlich nichts mehr von der Natur wissen wollte, freundet sich (doch, das kann man so sagen) mit einer Geranie an – das Forschungsprojekt einer Kommilitonin, die versucht, mit Pflanzen zu kommunizieren.

Und Leung Chiu-wais Neurowissenschaftler im Lockdown lernt, mit dem misstrauischen Parkwächter zu kommunizieren – und verschränkt seine Gehirnströme schließlich mithilfe psychedelischer Substanzen mit denen des gewaltigen Ginkgobaums.

Das kleine Wunder ihres Films ist, dass Ildikó Enyedi all das ohne esoterisches Brimborium erzählt. Der Weg zurück in die Natur führt nicht über diffuse Schwingungen, sondern über bildgebende Verfahren. „Silent Friend“ zeigt den Wert eines methodischen und geduldig sich vorantastenden Blicks auf die Welt, zeigt die Entschleunigung als beste Freundin der Neugier.

„Silent Friend“ läuft ab Donnerstag in den deutschen Kinos